Als ich in Kreuzberg ankam, war meine Laune massiv im Keller. Die Häuserzeilen auf dem Weg hatten sich in Schale geschmissen und strahlten frühlingsgrau. Kaum einer war gekommen. Das Spiel hatten sie bereits abgehakt und natürlich gingen dann die Familienfeiern, die Dates mit der Ex-Freundin oder die 62. Wiederholung der Biathlon-Staffel vor. Dafür musste man Verständnis haben. Die wenigen Anwesenden überboten sich in ihren Vorhersagen. „In den ersten 20 Minuten nen Tor machen und die dann abschießen!“ „Wenn wir hier nicht 7-0 gewinnen, verstehe ich die Welt nicht mehr.“ Ich schüttelte den Kopf.

Es ist eine Sache, als Fan den Bezug zur Realität zu verlieren. Es ist eine andere Sache, als Spieler diesen Realitätsverlust zu befeuern. Auf einmal wurde mir klar, warum es in Augsburg schief gehen würde. Die Spieler hatten sich ebenfalls bereits auf ein Schützenfest eingestellt.So zumindest hatte ich es auf der Hummels-Homepage in einer Überschrift gelesen. „Dortmund in Augsburg: Schützenfest oder Schwerstarbeit?“ stand dort seit einiger Zeit. Und auch wenn der Artikel sicher relativierte, ich hatte kein Interesse ihn überhaupt zu lesen. Verfluchte Selbstzufriedenheidi! Das hatten die Jungs nicht nötig. Ich rief Redermann an, regte mich auf, hoffte zumindest in ihm einen Realisten zu haben. Doch auch Redermann schrie mich nur an: „Die müssen das gewinnen. Augsburg ist das schlechteste Team der Liga! Die können nichts!“

Verdammt Idioten, der ganze Haufen. Und so kam es dann auch. Bereits in den ersten Minuten segelten die Flanken in den Dortmunder Strafraum, unser Mittelfeld bekam kein Griff auf das Spiel, die langen Bälle aus der Abwehr landeten im Seiten- und wenn wir mal Glück hatten im Toraus. Hummels, der auf seiner Homepage bekanntlich von einem Schützenfest geträumt hatte, erinnerte in seinen Aktion an sein Marseille-Ich. Die Aktionen von Kuba waren wenig zielführend, Kagawa hatte erst überhaupt keine. So hätte man jeden Spieler durchgehen können. Es stimmte einfach nicht.

Aber Augsburg konterte nicht im Stile einer Spitzenmannschaft, strahlte ebenfalls wenig Gefahr aus. Das Spiel plätscherte dahin. Es war ein lauer Frühlingskick an einem der letzten Wintertag. Mir war klar, dass man nicht jedes Spiel gewinnen würde, doch die mangelhafte Einstellung ging mir gehörig auf den Sack. Zwei Kopfbälle auf das Augsburger Tor waren die mageren Highlights. Doch einmal wurde Lewandowskis Ball von der Linie gekratzt und Großkreutz scheiterte an dem in dieser Situation grandios parierenden Jentzsch. Anders als noch in Berlin reichte es also nicht zu einem Tor und somit auch nicht zu einem Sieg. Immerhin nicht verloren. Scheißspiel, und immerhin nicht verloren, dachte ich mir beim Schlusspfiff, sprang auf und rannte aus der Kneipe. Ich hatte genug gesehen, musste nicht noch die Erklärungen hören. Ich versackte in einer Kreuzberger Bar, in der mir abgerissene Gestalten allerhand Zeug andrehten. Ich trank, um zu vergessen. Es funktionierte. Für einen Moment.

Zurück in der Wohnung, es dämmerte bereits, hackte ich den Kommentar in den Computer.

Arroganz ist ein schlechter Berater!
(berlin / 11.03.2012) Sie redeten von einem Schützenfest und vergaßen den Gegner. Ist der BVB jetzt im freien Fall? Sie wollten den neunten Sieg in Folge, und schlitterten haarscharf an der ersten Niederlage seit langer Zeit vorbei. Die Qualität der Borussia: Jeden Gegner ernst nehmen. Jeden Kampf annehmen. Ein Tor erzielen. Nach Hause fahren. Doch in Augsburg sahen sie keinen Gegner. Sie waren im Kopf bereits beim Bremen-Spiel. Wie die Fans! Denen es erlaubt sei. Für die Mannschaft hingegen war dies ein Schuss vor den Bug. Zur rechten Zeit! Arroganz ist ein schlechter Berater. Diesem muss man nun fristlos kündigen! Nur dann wird der Ballspielverein das Rennen machen. Übungsleiter K hat jetzt eine Woche Zeit. Und Hummels Internetverbot! (dembowski / DerSamstag!)