Doch Sonntags bin ich zu erschöpft. Wieder und wieder. Die Stunden vor dem Livestream bringen mich Samstag durcheinander. Nach dem Spiel streune ich noch ein wenig durch die Nordstadt. Besuche den alten Speicher. Ein paar Jugendliche stehen dort und taggen die Wand: „Wolfgang Stark muss abtreten, damit der Fußball leben kann!“ Ich stimme ihnen stumm zu. Sie haben Recht. Niemand hatte die Absicht, diesen Schiedsrichter jemals wieder auf dem Platz zu sehen, und doch hat er sich wieder und wieder eingemischt. Er hat ein gutes Spiel an den Abgrund geführt, denke ich. Er hat aus zwei sich bekämpfenden Spitzenmannschaften ernüchterte Freunde im Kampf gegen den Offiziellen gemacht.

Ich erinnere mich an die Bilder von Kießling und Weidenfeller. Wie sie kopfschüttelnd in Richtung Stark zeigen, an Balitsch, der Götze in Schutz nimmt und dafür die Gelbe Karte kassiert, an Renato Augosto, der über Hummels fliegt und nicht Hummels und auch nicht Augosto, der in der ersten Halbzeit nach dem Pausenpfiff den Ball wegschießt, dafür Gelb kassiert, vorzeitig unter die Dusche geschickt wird. Ich erinnere mich an die mysteriöse Freistoßunterbrechung, die Hummels, der vielleicht schon gar nicht mehr auf dem Platz sein darf, das Führungstor und Buvac den Platz neben Klopp kostet. Ein Platz, der fortan von Kehl eingenommen wird, da der vierte Mann an der Linie eine taktische Einwechslung für fehl am Platz und eine ordnende Einwechslung für vollkommen verspätet hält. In mir kocht es. Ich kann den Jungs nur zustimmen. Wolfgang Stark muss abtreten, damit der Fußball leben kann. Es ist nun nicht sein erster Aussetzer. Damals gegen Hoppenheim vertrat er die exklusive Meinung, dass ein Elfmeter kein Elfmeter ist, wenn er im Tor landet und ließ ihn wochenlang wiederholen, bis er irgendwann nicht mehr im Tor war und noch weit vorher, genauer am 7.Spieltag der Saison 2008/2009, war ein Ball im Netz nicht genug. Robert Kovac wurde in der Winterpause transferiert, das Tor gegen Hannover war nie gefallen und kostet Borussia am Ende der Spielzeit den Einzug ins internationale Geschäft.

Wolfgang Stark, Sparkassenangestellter in Landshut, hat seine Heimat nie verlassen. Durch den Fußball gelingt es ihm ein wenig von der Welt zu sehen. Wolfgang Stark läuft mit dem Regelbuch über den Platz und lässt sich nicht abbringen, diese Regeln gegen alle Widerstände von außen durchzubringen. Er ist nicht überheblich, nicht arrogant. Er ist ein Bayer aus dem Bilderbuch und er ist ein Gerechtigkeitsfanatiker. Durch die starksche Brille wirkt die Welt klar und geordnet. Benachteilige ich Mannschaft A, benachteilige ich in den nächsten Minuten auch Mannschaft B. Durch seine Herkunft bleibt es ihm leider verwehrt, Spiele der bayrischen Großmacht zu leiten. Das ist gut für Uli Hoeneß, das Gewissen des deutschen Fußballs. Regen sich nun die Kleinen auf, so sind es die altbekannten „Fehlentscheidungen, die sich im Laufe einer Saison ausgleichen.“ Bei Stark, das wird auch nach den ersten Einsätzen in der laufenden 49.Spielzeit der Bundesliga sichtbar, gleichen sich die Fehlentscheidungen bereits in den nächsten Minuten wieder aus. So ließ es sich Stark nicht nehmen, nach den wochenlangen Elfmeterschießen gegen Hoppenheim, noch in der Nachspielzeit einen zumindest fragwürdigen Freistoß für Borussia zu geben. Dieser führte zu da Silvas Krönung.

Ich schicke Piotr das Textfragment rüber. Vielleicht, so meine Vermutung, steckt Stark mit den Konstrukteuren unter einer Decke und dieser Artikel, der noch lange nicht druckreif ist, wäre hinfällig. Doch Piotr antwortert nur kurz und knapp: „Mach mal weiter, ich habe auch keine Ahnung, woher dieser Typ kommt. Ein Konstrukteur ist er jedenfalls nicht!“ Es gibt selten einen Moment, in dem Piotr eine Schwäche oder seine Unwissenheit eingesteht. Doch auch er sieht die Fakten und zählt sie zusammen. Dieser Mann, da sind wir uns einig, ist nicht mehr tragbar. Ich kehre noch einmal zum Wolfgang-Stark-Tag zurück und ergänze: „ASAP!“

wolfgang stark muss abtreten, damit der fußball leben kann