Und wenn ich runterkomme und wenn ich mich wieder besinne, sehe ich die guten Dinge der Liebe. Die letzten Tage hatte mich der Hass wieder aufgefressen, doch als ich die Lindemannstraße über den Fußgängerweg hochlaufe, ein Fahrradfahrer mich umfährt, sein bescheuertes Rad (natürlich fährt er mit Helm, trägt aber Kopfhörer, wahrscheinlich um den Sturz abzufedern) direkt vor dem Bioladen Ecke Kreuzstraße parkt, renne ich die paar Schritte über die rote Ampel und lasse ein letztes Mal meine Wut raus.

„Erst Leute umfahren, dann im Bioladen einkaufen. Du hast sie nicht mehr alle! Penner!“ Ich schaue an mir runter, wahrscheinlich hält er mich für genau das. Über die letzten Wochen habe ich mir einen Bart stehen lassen, es hat mich einfach nicht interessiert. Meine Lederjacke ist langsam zerschlissen, die ewigen Stürze in Folge durchzechter Nächte in der Kneipe gaben ihr den finalen Todesstoß, meine Jeans hat schon einmal bessere Zeiten gesehen und eigentlich sollte ich zum Friseur abbiegen und nicht Menschen vor Bioläden zusammenfalten. Doch der Penner hat es verdient. Die, die im Bioladen einkaufen, sind die schlimmsten. Sie kaufen im Bioladen ein und tragen dazu ihren Teil zu einer besseren Welt bei. Sie kaufen im Bioladen ein und lassen sich ihren Strom von E-ON liefern. Sie kaufen im Bioladen ein und sorgen in der Nachbarschaft ab 22 Uhr für Ruhe. An Wahltagen ziehen sie ihre Ökosachen an und wählen Grün, denken aber bereits über den Wechsel zu den Piraten nach. Sie kaufen in Bioläden ein und tragen Designerbrillen und sie kaufen in Bioläden ein und nehmen auf ihre Mitmenschen keine Rücksicht, denke ich während ich ihn immer noch mit der rechten Hand in der Luft halte. Ich hasse Menschen, die ihre Schuld mit Biolädeneinkäufen abgelten wollen. Ich hasse Menschen, die keine Rücksicht nehmen. Sein Gesicht ist verzerrt. Sein Gesicht ist voller Angst.

Ich will ihn loslassen, in diesem Moment bricht um uns das Chaos aus. Mit quietschenden Reifen biegt ein Wagen um die Ecke, in kurzem Abstand folgt ein Polizeiwagen, dessen Reifen zwar auch noch ein wenig quietschen, aber der eigentliche Aufschlag in den Wagen der Müllabfuhr ist dann doch ein wenig lauter. Vom Streifenwagen bleibt nicht viel übrig. Ich zücke meinen Notizblock und begebe mich zur Unfallstelle. Der Polizist hat sich übel zugerichtet, zeigt in Richtung Möllerbrücke und murmelt: „Räuber! Fieser Räuber!“ Das könnte ein Spur sein, die aber für den eigentlichen Unfallhergang nicht von größter Relevanz ist. „Koslowski, Dembowski hier. Unfall von einem Deiner Jungs. Kam zu schnell um die Kreuzung!“ Koslowski ist nicht gut gelaunt, will sich sofort kümmern. Ich bin frei. Blicke noch einmal zum Bioladen, mein neuer Freund ist nicht mehr zu sehen. Gut gelaunt laufe ich in Richtung Bolmke und gehe die Setlist für meinen ersten DJ-Abend in der Kneipe durch. Die Wirtin ist ne Granate, hat gesagt: „So wie Du aussiehst, Dietfried, könntest Du auch mal ein paar Platten auflegen.“ Sie hat Recht. Das werde ich machen. Und irgendwann auch den alten Kollegen Weaver einstreuen.

wohin mit dem hass? auf zum bioladen