Egal, wohin Dembowski auch ging, er wurde überwacht. 
Die nächsten Tage verbrachte ich am Neustädter See und wartete. Manchmal leistete mir Förster Gesellschaft, brachte mir neue Flaschen Mecklenburger in den Mobile Command Center und manchmal war ich allein und sah die Sonne aufgehen, die Wolken aufziehen, lauschte dem „kaare kaare krieht krieht“ des Drosselrohrsängers, und schritt den See mit großen Schritten ab. 
Förster besuchte mich am Dienstag, und gemeinsam hörten wir den 4-2 Sieg der Borussia in St. Petersburg und die 6-1 Niederlage der Blauen gegen Madrid. 
„Nichts mehr los mit Deutschland“, sagte Förster.
Und ich schwieg, denn Borussia hatte gewonnen und wenn ich auch nicht mehr voller Leidenschaft dabei war, so rang mir dieser ungefährdete Sieg ein Lächeln ab. 
Auf der Krim zogen dunkle Wolken auf. Ich saß im Mobile Command Center und starrte auf mein Telefon. Sollte ich mich wirklich bei Piotr melden? Was wollte er von mir? Hatte er immer noch seine Laden auf der Schönhauser? Und konnte er  mich nicht einfach in Ruhe lassen?
Am Samstag besuchte Förster mich erneut. Und bis auf Förster hatte ich jetzt seit einer Woche niemanden mehr gesehen. Morgens wusch ich mich im Neustädter See und ging den See mit großen Schritten ab. Einmal ging ich im Uhrzeigersinn, und einmal ging ich gegen den Uhrzeigersinn.
Das alte Waschweib sah ich nie wieder. 
Wenn ich nicht um den See schritt, saß ich am Tisch und las:

„Ich will nichts erzählen; ich will nicht singen; ich will nicht predigen; aber das ist wahr: die Märchen sind vorbei, die Märchen von den Städten und von den Staaten und die ganzen wissenschaftlichen Märchen; auch die philosophischen; es gibt keine Geisterwelten mehr, das Universum selbst ist kein Märchen mehr; Europa, das schönste, ist tot; das ist die Wahrheit und die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist, wie die Wahrheit, kein Märchen und Wahrheit ist niemals ein Märchen gewesen.“ 

Auf der Krim war es Nacht. Im Radio überboten sich die Kommentatoren mit ihren Einschätzungen zur Weltpolitik. Endlich wieder Krise, endlich konnten sie die großen Kaliber ziehen, endlich umwehte der Atem der Geschichte ihre Nichtigkeiten.
„Ich glaube, wir müssen sehen, dass wir zur Deeskalation in der Ukraine beitragen und jetzt nicht jedmögliche Verschärfung der Situation herbeireden“, erklärte Steinmeier. 
Europa ist tot! Und war tot! Bevor es zur Wirklichkeit wurde, bevor es zu Wahrheit wurde, und wahrscheinlich war es schon immer tot. 
Wir sitzen und warten, dachte ich, am Seeufer sitzend und dem „kaare  kaare krieht krieht“ des Rohrdrosselsängers lauschend. Wir sitzen und warten und sind von unserem Leben derart gelangweilt, und wenn etwas passiert, malen wir uns in unseren Träumen, in unserer Vorstellung die größten Katastrophen aus, denn nur diese großen, diese größtmöglichen Katastrophen sind unserer Langeweile angemessen, dachte ich und sah der Sonne zu, wie sie langsam die Wolken durchbrach. Aus der Ferne vernahm ich das Rauschen der Bundesautobahn. 
Wir sitzen und warten, und wenn wir unsere Meinung abgesondert haben, sitzen und warten wir. Wir sagen das Eine, und hoffen doch inständig auf das Andere. Wir sagen „wie schlimm“ und hoffen auf eine Verschlimmerung. Wir sagen „hoffentlich einigen die sich“ und hoffen auf die Eskalation, dachte ich, vor dem Mobile Command Center liegend.
Wir sitzen und warten und wischen über unsere Telefone, immer in der Hoffnung auf 200 neue Meldungen in 2 Minuten. Dann wissen wir, dass wieder was passiert ist und in diesem Moment, in dem wir 200 neue Meldungen sehen, sind wir für einen Moment erfüllt und glücklich, dachte ich, auf den Stufen des Mobile Command Center über den See blickend. 
Wir sind Sklaven und insgeheim ist uns unsere Versklavung bewusst. Wir schreien, wenn jemand schreit. Und wir weinen, wenn jemand weint. Wir versammeln uns an Orten, an denen das Geschrei groß und die Trauer unwiderstehlich ist. 
Sind wir von dem Geschrei angewidert und sind wir von der Trauer abgestoßen, halten wir das Geschrei und die Trauer für grundlegend verkehrt, und vielleicht nur weil es von den falschen Leuten mit den falschen Worten formuliert wurde, lehnen wir uns dagegen auf, und suchen nach, wie wir sie nennen, Gleichgesinnten, die sodann in unseren wütenden Protest und unseren routinierten Klagegesang über den Zustand der Menschheit einstimmen. 
Wir waren tot. Wir waren bewegungsunfähig. Routiniert bewegten wir uns in unseren Fesseln, und manchmal formulierte jemand aufrührerische Gesänge, und dann nickten wir zustimmend und wischten auf unseren Telefonen bis jemand etwas gegen diese aufrührerischen Gesänge unternahm, denn irgendwas musste jetzt passieren. 
Wir sitzen und warten, dachte ich, im Sand sitzend und hoffen auf die große Katastrophe, damit sie uns für einen kleinen Moment aus unsere Lethargie holt, damit wir uns in der Freiheit der Gesetzlosigkeit bewegen können.   
Wir empören uns über Edathy, Wagner, die Bild, Merkel, Gabriel, Putin, Hoeneß, Sammer, Katar, Olympia, Klopp, Nazis, Extremisten, die NSA, die NSU, die uns den Schlaf rauben, Julia Engelmann, Markus Lanz, die ARD, das ZDF, RTL und RTL 2, SAT1, Pro7, das Dschungelcamp und den Bachelor, die Gleichgültigkeit, die Gedankenlosigkeit, die Gentrifizierung, Bushido, die Rücksichtslosigkeit der Asylpolitik, Red Bull und 11 Freunde, Obama, Blatter und Platini, Niersbach, Rummenigge, die Polizei und ihre Gewerkschaften, den Kommerz, die Banken, China, die falsche Berichterstattung und die Kritik daran, die Deutsche Bahn und den öffentlichen Nahverkehr. 
Vor lauter Empörung und vor lauter Empörung über die Empörung sind wir nicht mehr in der Lage zu denken, sind wir nicht mehr in der Lage uns zu bewegen. Unsere Gehirne sind vollgestopft mit Nebensächlichkeiten, Nichtigkeiten und Belanglosigkeiten, dachte ich, im eiskalten Neustädter See schwimmend. 
Wir waren längst tot und wir hofften, dass etwas da draußen vielleicht lebensrettenden Maßnahmen einleiten würde. Wir hofften und bangten und fürchteten die eigene Bedeutungslosigkeit. 
Wir warten und warten und wenn wir am Ende des Wartens angekommen sind, blicken wir zurück und wundern uns, warum wir immer nur gewartet haben und nie etwas passiert ist. Wir vergessen die, die uns etwas bedeuten. 
Und wenn wir schon zum Warten verdammt und wenn wir uns schon unserer eigenen Bedeutungslosigkeit bewusst waren, so hatten wir, dachte ich, am Tisch des Mobile Command Center sitzend und dem Klingeln des Telefons lauschend, doch immer noch die, die wir liebten und die, die uns etwas bedeuteten. 
„Hairforce One! Wie darf ich Ihnen die Haare schneiden?“ 
„Ich liebe Dich!“ 
„Alter Suffkopp, ich Dich auch. Komm ganz bald wieder zurück. Die Lamas und ich halten es ohne Dich nicht mehr aus!“
„Bald! Ich habe da noch was zu erledigen!“
„Du hast immer „noch was zu erledigen“, nicht zu lange, ok? Kannst Du mir das versprechen?“
„Ja. Bald“
Ich trank noch einen Schluck Bier und kuppelte den Mobile Command Center an Försters Wagen. Er fuhr auf die Bundesautobahn. Es wurde Frühling. 
wir sind die empörung