Der erste Trainingstag mit Shinji // @S_Kagawa0317’s first training session in Dortmund #bvb pic.twitter.com/Up07Cdm42Z
— Borussia Dortmund (@BVB) 1. September 2014

Welch eine Ehre! Dieser Anruf.
“Dembowski, wir brauchen Sie!”
Die Lage beim BVB musste wirklich hoffnungslos sein. Auf einmal gab es dieses Angebot aus Spanien.
Und England wollte nach Spanien verkaufen. Der Spieler war egal.
„Moderner Menschenhandel? Rufen Sie doch in Gladbach an!“
Das wollten sie an der B1 jedoch nicht. 
„Wegen Reus?“
Das war es auch nicht. „Was wollen Sie überhaupt?“ „Kommen Sie doch erst einmal vorbei. Morgen gegen 12.“
Der Anruf hatte mich ein paar Minuten nach dem Ende des Augsburg-Spiels erreicht. Morgen gegen 12? Wie sollte ich bis dahin nüchtern werden? Überhaupt nicht, war die Antwort. Auf zu Schill ins Soldiner Eck. Der Kauz mit seinem Bademantel hatte endlich wieder auf. Er wohnte da. Das machte ihn sympathisch. Er zapfte dazu das beste Schulle der Stadt. Das machte ihn noch sympathischer.
Die Lage in der Kneipe eskalierte ein wenig als ich alte Klaus Neuhaus-Hits auflegte, und sie Schill als „minimalistische Keyboardmusik“ verkaufte.  Er war müde und ich on fire. Er stand im Bademantel vor der Tür und blickte düster in den neuen Tag. Mich holte der Prince ab.
„Passt gut, muss da zumindest mal auftauchen. Schmeiß Dich in Dortmund raus.“  Der Kick gegen die Bayern stand an. „Musst später noch rumkommen. Felipe plant ne Nummer.“
Auf der Fahrt erzählte er ein paar Anekdoten aus der Kabine der Nachbarn. „Geht alles noch. Jetzt haben die aber noch einen Stollen. Tradition und so. Geht nicht. Ich trau mich da nicht rein. Unter Tage? Die sind irre. Und dann immer die Meisterschaft. Die gewinnen nix. Aber zahlen gut. Naja. Spiel ich halt nur noch auswärts. Verletzungen gehen immer.“
Er erzählte viel. Aber das tat er immer. Ich glaubte ihm längst nichts mehr. Nur die Sache mit der Meisterschaft.
„Dembowski, Du trinkst zu viel.“
Er schlug mir ins Gesicht. Ich war wieder wach und halbwegs nüchtern. Da war ich in Dortmund.
Auf der Geschäftsstelle herrschte hektisches Treiben. Ein Praktikant führte mich in die Marketingabteilung. Dort saßen sie vor ihren Monitoren. Jeder hatte mindestens zwei. Über der Tür hingen 3 Uhren. New York, Tokio und Dortmund. Von der Wand grüßte eine entzückte Südtribüne. Das 3-2 gegen Malaga. Der ewige Traum. „Signal Iduna Park- Heimat der kapitalmarktorientieren echten Liebe! stand in dicken Lettern unter dem Bild.
„Abseits“, kommentierte ich, immer noch sauer über meine eigene Dummheit.
„Nur weil Sie damals das Stadion verlassen haben, Herr Dembowski.“
„Und was ist meine Rolle hier?“
„Lassen Sie sich überraschen“
Sie zeigten mir verschiedene Sheets. Die erste Erwähnung von #freeshinji, die chronologische Auflistung aller Zeitungsberichte über eine mögliche Rückkehr, der Umschwung der öffentlichen Meinung in Japan, die Ergebnisse erster Umfragen in Asien. „Shinji oder Asien säuft ab.“
Sie hatten alles geplant. Übersetzer hatten Nachrichten in allen Sprachen dieser Welt vorbereitet. Die Social Media-Meldungen waren getaktet. „Wir sind jetzt trending. Das übersetzt sich in Trikotverkäufe. Die Leute sind komplett irre. Die campen vorm Knappschaftskrankenhaus. Das ist gut. Das zieht.  Aber wir sind uns noch nicht sicher, wann wir den größten Impact haben.“
„Impact?“
„Montag klauen uns die Engländer die Nachrichten. Die Nationalmannschaft müssen wir Montag ebenso berücksichtigen. Jetzt ist der Sonntag jedoch ein unangenehmer Tag. Familientag! Und Super Sunday. Dazu läuft der Doppelpass. Die wollten ne Liveschalte. Kriegen sie nicht. Wir dürfen aber auch nicht zu spät sein. Montag ist in Japan schon früher. Die müssen berichten, weil da eben auch Sponsorengelder dranhängen. Wir haben da schon einen Champions-Partner an Bord.“
„Aha. Und wo soll der spielen?“
„Ist das nicht erst einmal egal? Eine Gelegenheit, die wir nicht an uns vorbeiziehen lassen können. Ein Signal. Sie kriegen uns nicht unter. Sie können uns noch so viele Spieler wegkaufen, wir holen sie einfach zurück.“
„Als Gescheiterte!“
„Noch so einen Binsenweisheit. Kagawa war verletzt. Kagawa hatte die falschen Trainer, die falsche Position. Und kam trotzdem auf zahlreiche Einsätze.“
„Heiko Westermann kommt auch immer auf zahlreiche Einsätze“
„Der hat nie in Dortmund gespielt. Wir verkaufen hier Träume. Wir erzählen Geschichten. Die ganz großen Geschichte. Du kannst Borussia Dortmund verlassen, aber Du kannst Borussia Dortmund nie aus Dir rausbekommen. Wir haben das schönste Stadion der Welt, den besten Trainer der Welt, die besten Fans der Welt. Wir sind Japan und Bayern ist Godzilla. Wir haben den Oxygen-Zerstörer längst in der Hand, aber die Erzählung ist noch nicht am Ende. Die Leute sollen weiter an den Leuchtturm glauben.“
Ich sang: „Denn so wie es ist. Denn so wie Du bist. Bin ich immer wieder für Dich da. Ich lass Dich nie mehr alleine, das ist Dir hoffentlich klar!“
„Exakt, Dembowski! Es ist 2010 all over again. Auf die Nena-Referenz ist wirklich noch niemand gekommen.“
„Singt Nena dann auch wieder im Stadion?“
„Das ist letzte Mal nicht so gut angekommen, aber wir wollen schauen. Jetzt aber zurück zum biggest Impact. Das Timing steht. 19.09 Uhr verkünden wir das Ding!“
„Japan! Dann ist es da schon weit nach Mitternacht. Sieben Stunden Zeitverschiebung.“
Wollten die mich verarschen?

Jürgen Klopp with Shinji Kagawa today (via @BVB). #BVB pic.twitter.com/RmmnOUrKYX
— Sandra Goldschmidt (@SanBorussia) 1. September 2014

„Ok. Ok. Ok. Das hatten wir nicht bedacht. Wir müssen vor Mitternacht rauskommen. Aber nicht zu früh. Doppelpass, Amerika. Für Montag müssen wir ein paar Bilderserien produzieren. Ilkay mit Kagawa, Klopp mit Kagawa. Die bringen wir am Nachmittag. Wir gehen viral, wir gehen verdammt nochmal viral. Das sind echte Verkäufe. Trikots, Trikots, Trikots. Puma wird uns lieben. Dann Reus.“
„Gutes Stichwort. Wo soll Kagawa eigentlich spielen?“
„Ist das nicht egal?“
„Wo?“
Schulterzucken.
„Dem kicker sagen wir auf der 8, der Bild stecken wir ne „so lief das Ding mit Kagawa“-Geschichte und die RuhrNachrichten generieren Klicks, denen ist das egal. Die machen dann noch ein Erklärstück zu #freeshinji. Den Fans ist es auch egal. Hand aufs Herz, wer hinterfragt das schon? Die Süddeutsche? Der haben wir die Phönix-See Nummer verkauft. Und der Rest der Welt? Die schreiben was von Kadertiefe! Und von der Vaterfigur Klopp. Das hinterfragt keiner.“
„Und wo soll er jetzt spielen?“
„Das wissen wir auch noch nicht so genau. Vielen Dank, Herr Dembowski!“
Sie verabschiedeten mich. ich wußte nicht, was passiert war, und warum ich gekommen war. 

Ich besuchte den Prince in Gelsenkirchen. Traf Kagawa am Abend am Hauptbahnhof. „Willkommen zuhause“, sagte ich und „die Welt hat sich verändert, Shinj. Sei vorsichtig!“
Am nächsten Tag begann der BVB mit der Marketingoffensive.  Am Montag kamen die Bilder. Die Welt war verzückt. Der verlorene Sohn zuhause. Aber ich war mir sicher, dass nichts gut werden würde.  
willkommen zuhause, shinji kagawa. sei vorsichtig.

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