Als mir die Magazin-Beilage der Berliner Zeitung in die Hände fiel, war mein Ärger noch lange nicht verschwunden. Ein Artikel über die Leiden der Berliner Spielermütter. Eine Erregung über den Verlust des Wochenendschlafs und geriffelte, beige Kaffeebecher. Ist halt kein Latte mit  Biomilch, auch wenn Dein Sohn für einen netten Berlin-Mitte-Verein spielt. Es gibt immer einen Gegner, und der Gegner wird immer besser sein, solange die Eltern die Verweichlichung ihrer Kinder derart befeuern. Fußball ist verdammte Leidenschaft und kein Kaffeeklatsch, liebes Bürgertum.

Und wenn Ihr mit 40 noch Probleme habt, Samstags nicht zu saufen, liebe Berliner, dann solltet Ihr vielleicht mal drüber nachdenken, ob das mit den Kindern so eine gute Idee war. Aber vielleicht kommt Euch bei einem Bubble-Tea irgendwann einmal die Erleuchtung und Eure Kinder lernen fortan Mandarin. Das mit dem Mannschaftssport ist vielleicht einfach nichts für Euch.

Aber irgendwann hing mir der Ärger auch zum Hals raus. Auf dem Balkon zündete ich die Beilage an, warf sie in meine Feuertonne und wärmte mich an ihr. Endlich einmal peitschte der Wind von Westen kommend in mein Gesicht und vermittelte mir so etwas wie Kälte. Wenn die Leute über das Wetter sprachen, und wann taten sie es nicht, sehnten sie endlich den Winter herbei und erinnerten sich an die legendären Winter vor einigen Jahren. Ich verachtete sie.

Das waren alles erwachsene Menschen, denen mit zunehmender Lebenszeit irgendwann einmal auffallen musste, dass sie zumindest darauf keinen Einfluß haben würden. Nie! Aber versuchte ich das in einem Gespräch, das immer eher ein Anschreien meinerseits war, anzubringen, hielten sie mir ihre Occupy-Schilder entgegen und zeigten auf das beigelegte Flugblatt. Die Erderwärmung. Ihr Totschlagargument gegen alles.

Sie arbeiteten tagsüber in der Unternehmensberatung und protestierten am Wochenende vor dem Schloß. Sie verflogen ihre berufliche Bonusmeilen für eine Urlaubsreise und gingen den Präsidenten wegen ähnlicher Vergehen an. Sie entschuldigten ihre Abwesenheit von Moral mit der totalen Abwesenheit von Moral. Sie kotzten mich an. Berater! Und dann mit 40 nicht mehr saufen, sondern auch noch den blöden Kindern eine Freizeitbeschäftigung bieten. Das Leben konnte hart sein, das Leben konnte aber auch eine einzige Lüge sein.

Aus dem Schrank holte ich mein letztes halbwegs sauberes schwarzes Hemd, irgendwo fand sich eine zerschlissene schwarze Hose, ich band mir meine Krawatte, zog die Lederjacke über und war in wenigen Minuten wieder auf der Straße. Ich wollte endlich wieder unter normale Menschen. Die paar Stufen zur U9 hinunter sprang ich. Der Wagen in Richtung Zoo stand bereit. Ich ließ mich ganz vorne auf den Klappsitzen nieder und beobachtete die einsteigenden Menschen. Hier unten gab es keine Unternehmensberater.

Seit Straus sich mit einer längst vergessenen Ministerin einmal in die Hölle getraut hat, zitterten die Unternehmensberater vor einer Fahrt durch die Hölle. Auch wenn seitdem die Polizei die Bahnhöfe in festem Griff hatte, gab es einfach zu viele Schreckensmeldungen. Die Fußballleidenschaft des Nachwuchses war bereits schlimm genug, da wurde am Wochenende – und natürlich auch in der Woche – das Krisengebiet mit dem SUV großräumig umfahren. Wenn es am Ende doch zu Streitigkeiten mit dem Prekariat kam, schnappte die Verriegelung zu und das Gaspedal wurde durchgetreten. Weg. So schnell wie möglich. Nur am Wochenende standen sie dann wieder zwischen Autobahnkreuzen und Müllverbrennungen und mussten sich vom Pöbel demütigen lassen.

Hier unten also war ich frei. Auf dem Klappsitz sitzend beobachtete ich die zugestiegenen Fahrgäste, die Monitoren waren wieder ausgefallen, sie hätten ohnehin nur von anstehenden Kriegen und geschassten Trainern berichtet. Das war kein Verlust. Der Klappsitz neben mir blieb bis zum Leopoldplatz frei, im hinteren Bereich prollten ein paar Jugendliche rum, auf einem der 4er saß eine Lederleiche, die zwischendurch ihre Bereitschaft zur Messerstecherei signalisierte. Niemand nahm ihn wahr. Wahrscheinlich war er in diesem Zug geboren und gehörte einfach dazu.

Am Leopoldplatz stieg ein Rocker hinzu und setzte sich auf den Klappsitz. Er hatte ein Pulle Bier in der Hand, hinter seinem linken Ohr steckte eine halbgerauchte Kippe. Sein Shirt war blutig, seine Hände waren blutig. Aus einer Wunde am Kopf, die mir abgewandte Seite, pluckerten ein paar Blutstropfen, sonst aber war die Wunde nahezu verkrustet. Am Hals hatte er ein schlecht gestochenes Tattoo. „Berlin-City. MG 1981!“. An der nächsten Haltestelle stieg ich aus, ging von der Amrumer in Richtung Ufer, fand eine Bank. Im Kanal schipperte die Heiterkeit.

wieder da draußen

Ein Gedanke zu „wieder da draußen

  • Januar 13, 2012 um 8:21 am
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    stark, dembowski!

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