Unauffälliges Verhalten war das Gebot der Stunde. Niemand sollte mir auf die Schliche kommen. Ich nahm zwar kurz Kontakt mit Amok auf, doch mein liebster Mitarbeiter war wieder einmal damit beschäftigt, seinem alten Freizeitbad ein digitales Denkmal zu setzen. Dabei hatten sich Wir Sind Helden im vergangenen Jahr aus gutem Grund aufgelöst und auch das alte Ernst-Thälmann-Denkmal an der Greifswalder hatte schon bessere Zeiten gesehen.

„Wieso digital?“ hatte ich Amok gefragt. „Damit die Zeit nicht daran nagt. Damit die Menschen sehen, was sie zerstört haben. Damit unsere Zukunft auf unserer Vergangenheit gebaut wird“, hatte Amok geantwortet. Wer war ich, ihm in dieser Angelegenheit zu widersprechen. Amok aber, das musste ich leider konstatieren, war noch nicht bereit für die neue Aufgabe. Redermann konnte mich mal, seit unserem letzten Treffen war er damit beschäftigt, seine neue Religion, die Religion des Heiligen Säbels zu etablieren, davon ließ er sich nicht abbringen. Natürlich musste er mit an Bord sein, aber die Dortmunder Fraktion war noch nicht bereit.

So sehr ich in Berlin auch nach Mitstreitern suchte, hier galt ich ausschließlich als der der trunksüchtige Ermittler in den falschen Farben. Vielleicht war ich sogar beliebt, aber auf eine schrullige Art beliebt, die meinen Ansprüchen sicher nicht gerecht wurde. Was aber mit dem Schicksal hadern, dachte ich mir. Es kann immer schlimmer kommen, ich könnte aufhören zu atmen, dachte ich.

Ich saß im Bürgerpark und hörte die in 200 Meter Höhe auf den alten Flughafen Tegel anfliegenden Flugzeuge. Das Jahr 2013 hatte bislang noch keinen Sonnenschein hervorgebracht. Der Regen durchweichte meine Kleidung, konnte meiner Laune nichts anhaben. Im Bürgerpark sitzend malte ich mir aus, wie ich den Verfassungsschutz ausspiele, und wie ich sie mit falschen Informationen versorgen würde. Ich nahm mir vor einmal in der Birthler Behörde vorbeizuschauen. Vielleicht konnte ich dort wertvolle Erkenntnisse erlangen.

Erst einmal aber spazierte ich ziellos durch die Stadt, ich hielt mich nördlich der Seestraße, bog bald aber in Richtung Süden ab, durchquerte die Kleingartenanlagen am Hohenzollerndamm, setzte mich auf ein Bier in das Café am Plötzensee. Als ich auf die Beusselstraße bog, dämmerte es längst. Was hatte ich hier nicht alles geplant. Die Samenhandlung, die mir bei meiner damaligen Rückkehr nach Berlin als Anlaufestelle dienen sollte, lag unberührt von der Zeit am oberen Ende der Straße. Überhaupt konnte ich mir kaum vorstellen, dass sich hier jemals etwas verändern würde. Doch, wie überall in dieser Stadt, würde sich auch hier bald einiges tun. Es schüttelte mich.

Ich setzte mir meine Kopfhörer auf, Neil Young konnte ich sich auch überhaupt nichts vorstellen. „I’m drifting back“, wiederholt er immer wieder und irgendwie wurde mir klar, dass die erste Woche des Jahres immer mehr zu einer Zeitreise in meine Gegenwart wurde. Eine Gegenwart, in der ich die losen Fäden der Vergangenheit langsam zu einer großen Geschichte zusammenfügen konnte. Die Geschichte ist nicht sonderlich erfreulich, dachte ich die Treppen zum S-Bahnhof runtersteigend. Vor mir trugen Schulmädchen ihre blauen Pumphosen spazieren und meine schweren Augen schloßen sich und immer wieder sah ich mich die Treppen zum S-Bahnhof Stadthaus hochsteigen. Bald stand ich oben, blickte auf die Dortmunder Innenstadt und als ich meine Augen wieder öffnete drang das Bild des Westhafens durch den Januar-Regen.

Auf dem Bahnsteig stehend war mir nicht klar, wo meine Vergangenheit endete und meine Zukunft begann. Mir war nicht klar, was noch vor mir lag und was ich bereits erlebte hatte. Mir war nicht klar, was ich bereits geschrieben hatte und was ich noch schreiben würde. Alles wiederholt sich, Dembowski, sagte ich zu mir und blickte auf die aus Richtung Westhafen einfahrende S-Bahn.

westhafen, driftin‘ back