Ich wache früh auf, noch liegt ein feiner Nebelschleier über dem ansonsten in der Morgensonne ruhenden See. Fühle mich unwohl. Was hat Piotr überhaupt vor. Ich bin diese Reise angetreten, mittlerweile am Ende der Welt angekommen und habe immer noch keinen Plan, worum es hier überhaupt geht. Es war, ohne Zweifel, von existenzieller Bedeutung die Nordstadt zumindest für eine gewisse Zeit hinter mir zu lassen, doch was mich fluchtartig in Richtung Osten getrieben hat, ist mir weiterhin unklar. In all der Zeit auf dem Weg von Sopot hier an den Jezioro Nidzkie war es mir nicht klar geworden und auch unsere im Winter geführten Gespräche gaben am Ende nur wenig Aufschluss über die tatsächlichen Fakten, die Piotr mir hier und wahrscheinlich sogar heute präsentieren wollte. Ging es tatsächlich um Dörte? Oder war das nur ein Manöver, das mich auf eine ganz andere Spur locken sollte? Beim Frühstück auf der Terrasse habe ich große Hoffnungen, doch die mitschwingende Angst scheint mich zu lähmen. Den ersten Schritt, so viel ist klar, werde ich nicht gehen, den ersten Schritt muss Piotr gehen. Mein großer Schritt war der Weg in den Osten.

Es ist vielleicht 7.30 Uhr, Piotr ist immer noch nicht wach. Ich komme mit dem Besitzer ins Gespräch. Er will mir den See zeigen. Tomasz zeigt mir sein Motorboot. Es liegt unten am kleinen Kai des Hotels. Es hat einen einfachen Außenbordmotor, keine Überdachung, in den schönsten Farben der Welt gestrichen, auf den Namen Lukasz II getauft. Tomasz steuert uns auf eine kleine bewaldete Insel auf dem Jezioro Nidzkie, dort, so erklärt er mir, hat er eine kleine Hütte, wir könnten, wenn es mir den zu sage, den Tag dort verbringen. Ein Angel, ein gut gefüllte Kühltasche, mehr brauche man hier nicht. Ich überlege kurz. Was würde Piotr sagen? Mein Handy-Akku ist schwach, es wird nicht mehr lange halten. Doch das Angebot klingt verlockend, im Schatten alter Fichten die Seele baumeln lassen. Das hätte ich mir vor ein paar Tagen auch nicht erträumt. Und, verdammt, ich brauche diese Ruhe, um meine Kraft, für was auch immer da von Piotr kommen mag, zu sammeln.

So sitzen wir Wasser trinkend am Ufer und beobachten den Schwimmer der Angel. Nach einiger Zeit des Schweigens frage ich ihn nach seinem kleinen Außenborder. Mich interessieren natürlich die Farben und der Name. „Ah, das ist Lukasz. Guter Mann. Ein Star in Polen. Woher kommst Du?“ Ich erzähle ihm von der Dortmunder Nordstadt, von meiner Erdgeschosswohnung und natürlich auch von der Borussia. Tomasz ist begeistert, das hatte er nicht erwartet. Er sei großer Borussia-Fan, erzählt er mir, wie so viele Menschen in Polen. Lukasz habe es ihm besonders angetan. Sein langer Weg vom Lubiner Skandalspieler zum Star auf der rechten Außenbahn der deutschen Meistermannschaft fasziniere ihn naturgemäß. Er erklärt mir die damalige Lubiner Gemengelage. Für Zaglebie Lubin sei es im Sommer 2006 unter dem heutigen Nationaltrainer Francizsek Smuda um alles gegangen. Legia hatte den Titel bereits abgeräumt und auch Wisla war bereits für Europa qualifiziert, doch Lubin brauchte unbedingt einen Punkt aus dem letzten Spiel, um sich sicher für Europa zu qualifizieren. Der damals 20 jährige Piszczek sammelt damals mit seinen Teamkollegen Geld für Cracovia, den Gegner im letzten Spiel. Das Spiel, so Tomasz weiter, endete damals tatsächlich 0-0 und rund 25.000€ seien an Cracovia geflossen. Piszczek war für dieses Spiel nicht einmal im Kader und doch, so entrüstet sich Tomasz, wolle man nun ein Exempel an ihm statuieren.

„Aber Betrug bleibt Betrug“, halte ich ihm entgegen und füge leise „damit kenne ich mich aus“ hinzu. Doch das will er nicht gelten lassen. „Lukasz war jung, no. Und Lukasz stand unter Druck, er hatte keine Wahl. Smuda lehnt sich als Trainer weit aus Fenster. Keine korrupten Spieler in Nationalmannschaft, wie soll das gehen?“ fragt er mich. „Korrupt, korrupt. Das ist polnischer Fußball. Und Lukasz hat viel getan. Aus Berliner Asche wird Dortmunder Meister. Ein Vorbild für junge Spieler. Nicht wie Kuba gegen Freiburg, ja das habe ich auch gesehen. Er macht soliden Job, mehr als soliden Job. Er hatte keine Wahl in Lubin. Er ist Deutscher Meister in Dortmund. Er ist wichtiger Teil der Borussia. Er ist wichtiger Teil von Nationalmannschaft.“ Was soll ich diesem Fanatiker entgegenhalten, die Verhältnisse im polnischen Fußball sind mir kaum bekannt, ich kämpfe mit anderen Dämonen. Doch an diesem Montag angeln wir noch ein wenig, machen keine Beute und irgendwann holt Tomasz kühles Warka raus. Langsam setzt sich die Sonne über den Jezioro Nidzkie. Auch hier, so habe ich gelernt, ist Borussia in den Herzen der Menschen. Was ein Verein, und ich habe gegen ihn arbeiten müssen. Ich verfluche Reiser. Doch lasse mich auch auf der Rückfahrt nicht aus der Fassung bringen. Piotr wartet bereits auf mich.

warum piszczek weiter für polen spielen soll