Lockeres Auslaufen nach Amsterdam sah natürlich anders aus. Doch am Ende des Spiels war es ein einigermaßen verdienter Sieg in Mainz. Mehr hatte man ohnehin nicht erwarten können. Ich war immer noch leer, immer noch nicht wieder da. Wollte ich meine Augen öffnen, bekam ich sie zwar auf, konnte sie aber nur mit Mühe offen halten. Ein Abend wie Mittwoch wirkte in der Tat noch Tage später nach. Ich war alt geworden. Fragte mich, wie ich das Durchhalten sollte, und ob es wirklich so eine verdammt gute Idee war, die Idylle des Oderbruchs gegen die Lichter des Weddings zu tauschen, wieder voll in das Leben einzutauchen.

Nach dem Mainz-Kick und den tollen Treffern von Lewandowski oder Reus, wer konnte das aufgrund der frappierenden Ähnlichkeiten der beiden Offensivprotagonisten überhaupt noch sagen, zog es mich wieder zum Weinhändler. Mir war nach Ruhe, ein paar polnischen Bieren, die den Weinhändler auf der Soldiner auszeichneten und der mir mit seiner neuen Sachlichkeit immer sympathischer wurde. Das hier hatte nicht mehr den Trümmercharme der frühen 00er-Jahre. Aus dem Keller war ein Keller geworden und die wenigen Wochen, die ich dort damals auf der Durchreise verbracht hatte, schienen (und waren es ja auch) Lichtjahre entfernt.

Ich verzog mich in den hinteren Raum, vorne hatten die wenigen Gästen als Zeichen der auch im Soldiner Kiez langsam voranschreitenden Gentrifizierung ihre Notebooks aufgeklappt und tranken kurz vor Mitternacht aus ihren Teegläsern. Manchmal verstand ich diese Welt nicht mehr. Watch out the world’s behind you. Immerhin also VU & Nico. Und ein schmeichelnder Bierrausch am Übergang zum Sonntagmorgen. Nach wenigen Minuten betraten zwei Mitzwanziger den Raum, sie blickten sich um, wählten dann den Tisch direkt neben mir.

I’m waiting for my man, 26 dollars in my hand. Aber sie hatten andere Geschäfte im Sinn. Erst schnappte ich, verloren in Lou Reeds Erzählungen, nur ein paar Fetzen auf. Düsseldorf, CFHH, V, Mann, Verbrecher. Mittlerweile war Nico dran, und während ich an Nico dachte, wie sie nie durch diese Straßen gelaufen war, wie die Welt nie aus meinen Augen gesehen hatte und wie das mal wieder komplett unerheblich war, da sie damals ausgezogen war, ihr Glück an anderen Orten zu suchen und die Stadt damals ein ganz anderer Ort war und nichts mehr mit der Stadt im Jahre 2012 zu tun hatte, wie die Stadt auch nichts mehr mit dem Jahr 2001 zu tun hatte und sich alles immer einer Veränderung aussetzen musste, die Unsicherheit ein steter Begleiter war und was kommen würde, nicht einmal im Ansatz klar war. Und was also gewesen war, vorher auch nicht im Ansatz klar gewesen war und nur rückblickend überhaupt wie der logische Lauf des Lebens erschien und wie alles, was sich veränderte am Ende doch wieder auf die eine Sache namens Liebe hinauslaufen würde.

Eindeutig zu viel Bier, dachte ich an Nico und meine eigene unsicherere Gegenwart denkend, die auf diesen einen Punkt in der Zukunft zulief und es egal war, was ich machte, es gab nur eine Konstante und darüber dachte ich nach, während sie am Nebentisch jetzt weiter mit den Worten um sich schmissen und ich mich einfach auch ablenken musste, um diese verfluchten Biergedanken, die mich immer mehr in den Wahnsinn trieben, zu verdrängen.

Went to sell her soul, she wasn’t high. Didn’t know, thinks she could buy it. And she would run, run, run, run, run. Take a drag or two.


“Die Chosen Few?” warf ich ein. Sie blickten mich an. Sie trugen Trikots des SV Werder Bremen. Trikots aus einer Zeit, in der sie noch erfolgreich waren. „Wir sind Ultras! Das ist unser Leben“, antworte der Typ neben mir. „Aber Chosen Few sind doch Hamburg“ „Und wir sind out for the kill. Wer bist Du überhaupt?“ „Dembowski. Szenekenner und Ermittler“, stellte ich mich vor. „Haha. Dann sag mir doch mal wie das Stadion von Union heißt!“ „Alte Försterei!“ „Idiot. Waldbühne. Du hast nun wirklich keine Ahnung. Ich will Dir mal was erzählen.“

Und so erzählten sie mir eine Geschichte aus Düsseldorf. Wie sie von einem Mann aus Frankfurt kontaktiert worden waren. Wie dieser ihnen ihre Verbrechen vorhielt. So hätten sie, sagten sie mir, auf Tour durch Europa gerne auch einmal im Stadion geraucht, aber was viel schlimmer war, sagten sie, hätten sie sich einiger Pyroverbrechen strafbar gemacht und dieser Mann aus Frankfurt garantiere ihnen jetzt Straffreiheit, wie der Jüngere der beiden Bremer immer wieder betonte.

„Du hast ja gar keine Ahnung, Dembowski, wenn Du wirklich so heißt, was das bedeutet. Pyrotechnik, da sind wir uns einig, ist kein Verbrechen. Ultra ist mein Style“, sagte er und strich sich sein Diego-Trikot zurecht. „Ich fahr doch nicht nach Bremen. Da ist keine Stimmung. Auswärts ist krass. Party, Abgehen, Feiern, Singen. Pyros für die Emotionen. Einmal da waren wir….“ „Komm zum Punkt, Alter“, ermahnte ich ihn, stand auf. „Wenn Du noch was zu sagen hast, überleg es Dir. Ich hab kein Bock auf Deine Lebensgeschichte. Ich hol mir jetzt ein Bier und dann erzählst Du mir von Düsseldorf. Und was ein Bremer in Düsseldorf macht.“ Er schwieg und nickte.

Von der Bar aus beobachte ich die beiden suspekten Typen. Der Ältere schwieg weiterhin und der Jüngere redete und redete, ihre Blicke wanderten in meine Richtung, aber die Tür versteckte mich, während ich sie über den Spiegel im Innenraum des Lager beobachten konnte. Sie schienen sich nicht wirklich einig zu sein. Der Schweiger schüttelte immer wieder seinen Kopf, schlug mit der Faust auf den Tisch, so dass man das Aufschlagen sogar im vorderen Raum hören konnte, die Notebooks erzitterten und ich schrie „Jetzt mach mir verdammt noch einmal ein Bier auf!“ Alle verstummten. Ich nahm mein Bier und schlich zu meinem Platz zurück

„Wo waren wir stehen geblieben? Düsseldorf? Hamburg und Bremen? Der Mann aus Frankfurt? Leg los, mein Liebster“, forderte ich ihn auf und schlug ihm kollegial meine Faust in seine Nieren. „Und erzähl mir verdammt noch einmal keine Scheiß“ Beide waren jetzt stumm und blass. Sie blickten sich um, doch der hintere Raum hatte sich geleert. „Das war so“, legte der Stumme los. Bis auf einen ziemlich dämlichen Movember-Bart war er komplett farblos. Als sie in den Raum kam, hatte ich nur diesen dämlichen Bart und den Namen Mario auf seiner Gürtelschnalle gesehen. Ich hielt es mit Max Müller, aber meine Informationen zurück. „Dann bist Du dran, Super-Mario!“ „Woher kennst Du meinen Namen?“ „Ich bin Sherlock. Leg los“  

„Der hat uns gesagt, wir kommen aus der Nummer raus und können weiter auswärts fahren. Das ist doch unser Leben! Auswärts. Emotionen respektieren. Wir sind schon was liberal“ „Aha“ „Und dann sollten wir eben nach Düsseldorf fahren. Dass die Jungs da ne Pryoshow geplant hatten. Das war ja klar. Das wussten die in Frankfurt. Die haben genug Männer in der Szene.“ „Und was sind die Neuigkeiten? Was ist passiert.“ Er zuckte nervös. „Wieso sollen wir Dir das erzählen?“ „Weil ich hier sitze und mich das interessiert, und wir uns gerade so gut unterhalten“, antworte ich und wie aus Versehen flog sein Bier vom Tisch. „Tut mir leid, kannst Dir später Nachschub holen. Weiter!“ „Ja. Wir sind dann da hin. Haben, wir sind ja Ultras und wollen, wir sind ja auch im Fanclub in Bremen und einmal bin ich mit Derbysiegershirt durch Hamburg und da haben die mich blöd angeschaut und ich mag die nicht und wir wollen ja weiter ins Stadion“, verhedderte er sich.

Mir war klar, was jetzt kommen würde und er erzählte mir davon, wie sie die Bande unter der Fahne mit Benzin präpariert hatten, und dann nur noch dafür gesorgt hätten, dass der Banner „DFL-Papier ablehnen“ direkt darüber zu sehen war und „dann ist es eben so gekommen. Is geil, oder? Wir können jetzt wieder ins Stadion. Auswärts. Geile Pyroshow abziehen.“

Mir wurde es zu blöd. „Viel Spaß noch in der Waldbühne, Kids! Da haben die euch mächtig übers Ohr gehauen.“ „Wieso?“, hörte ich sie noch fragen, während ich an der Bar darauf hinwies, dass meine Freunde die Rechnung übernehmen würden. „Geht klar!“

warum die fahne der chosen few in flammen aufging