Der schwere Gang in die Kneipe stand an. Natürlich: Ich ging ständig in die Kneipe, das allein war keine Hexentechnik. Aber an Spieltagen ging ich in eine andere Kneipe. In die Kneipe mit dem Ballspielverein. Und wenn ich dort auch unter Fans war, so waren es höchstens 40 Fans. Im Stadion hätten sie nicht einmal eine Reihe ausgemacht, doch hier waren sie meine Tribüne.

Als Redermann mich aus der Nordstadt vertrieb, war mir das nicht aufgefallen. Ich muss am Ende gewesen sein, dachte ich, noch in der Küche sitzend. Langsam drang die Morgensonne über den Balkon in die Wohnung, auf der Straße der Lieferverkehr. Vor einem halben Jahr hatte die Wentraud den Lieferverkehr hin und wieder gestoppt. Im Soldiner Kiez gab es keine Wentraud. Im Soldiner Kiez gab es Kneipen, aber nicht die Kneipe, in der ich mal eben auf Reiser treffen konnte.

Wieder einmal hatte ich eine üble Nacht hinter mir. Die Kerle waren wieder aufgetaucht. Tag für Tag näherten sie sich mir ein Stück. Ihr neuester Trick war die Türklingel. Sie standen unten, schellten und riefen dann meinen Namen. Sie standen unten, schellten und schrien meinen Namen. Wenn ich hochschreckte und an der Tür nachschaute, war da niemand. Wenn ich mich wieder ins Bett legte, versuchte erneute einzuschlafen, lag ich in einer Wasserlache. Doch nach einem großen Schluck Tee mit Rum landete ich dann wieder im Reich der beiden Kerle.

Sie nahmen mich vor der Tür in Empfang und während der Bärtige mich nach der Maschine fragte, setzte sich der Dünne hinter das Steuer und raste auf der Stadtautobahn in Richtung Avus. Während der Fahrt bearbeitete mich der Bärtige hin und wieder mit seiner Faust. Ich war gelähmt. Konnte mich nicht wehren, konnte meinen Mund nicht öffnen. Sie parkten den Wagen an der Glienicker Brücke, stießen mich raus, drehten um, kamen mit Anlauf wieder und hielten direkt auf meinen gelähmten Körper zu. Jetzt waren sie nur  noch wenige Meter von mir entfernt, die Scheinwerfer warfen ein Licht, auf das, was jetzt noch mein Körper war. Ich betrachtete es aus sicherer Distanz, über dem Körper schwebend. Der Wagen war jetzt direkt vor mir, er würde mich erwischen.

Das Telefon klingelte. „Kommst Du jetzt eigentlich runter?“, fragte Redermann am anderen Ende der Leitung. Ich zitterte am ganzen Körper, das Wasser stürzte in Bächen die Bettkante hinunter. Meine Füße badeten in meinem Schweiß. Mit der einen Hand hielt in den Hörer, mit der anderen Hand griff ich mir eine Ernte, legte dann mit den Kronenresten des Vorabends nach. Irgendwas stimmte nicht mit mir. Irgendwas war kaputt.
„Redermann…“, stockte ich „..ich glaube, ich habe keine Kraft. Mir geht es nicht gut!“
„Alter! Stell Dich nicht so an. Spieltag. Komm zurück. Komm nach Hause, Dembowski!“
„Es geht nicht. Es geht einfach nicht. Immer wenn ich vor die Tür gehe, sind da diese Kerle. Immer wenn ich aufstehe, lande ich im Wasser. Und dann das Auto…“, ich konnte noch keinen klaren Gedanken fassen, was wollte Redermann überhaupt?
„Was willst Du?“, fragte ich ihn.
„Habe ich Dir doch gerade gesagt. Komm nach Hause. Wir machen uns Sorgen. Du hast Dich verändert.“
War das nicht der Typ, der mich aus der Stadt verjagte hatte? Jetzt machte er sich Sorgen. Was ein Arsch, dachte ich. Ich stand metertief in meinem eigenen Schweiß und hatte mittlerweile bereits die zweite Kanne am Hals.
„Redermann, mach Dir keine Sorgen mehr. Mit Dir habe ich abgeschlossen. Diese Kerle haben es mir gesteckt, wer ihr Auftraggeber ist.“

Seit Tagen hatte ich nichts gegessen, nur Kronen, Tee mit Rum, Kaffee mit Whiskey und Ernte. Ich war mit meinen Kräften am Ende. Und Redermann offensichtlich bei bester Laune.

„Was macht eigentlich die Wentraud?“, versuchte ich das Thema zu wechseln.
„Ach die, keine Ahnung. Kommst Du jetzt? Wir brauchen Dich!“
Er hatte Geduld mit mir. Doch mir langte es. Ich legte auf, schaute an mir runter, hin zu meinen Füßen, die knöcheltief im Wasser waren. Etwas musste passieren. Erst einmal würde ich in die Kneipe gehen. Borussia schauen. Mich dann später an einen Kommentar setzen. Ablenkung. Wenn ich den Tage überstehe. Ablenkung! Auf dem Weg in die Küche summte ich: „Walk on, walk on, with Hopp in your hearts. And he never walks alone!“ Die Kraichgaupiraten konnten mich noch viel mehr. Wir mussten endlich mal gewinnen. Ich ließ mich am Küchentisch nieder und dachte über die vergangene Nacht nach. Irgendwas war nicht in Ordnung. Aber zumindest die Borussia konnte die Sache auf dem Platz in Ordnung bringen.

walk on with hopp in your hearts