So langsam machte ich mir Sorgen. Das Polen-Länderspiel war an mir vorbeigerauscht, und während ich es vordergründig auf das Gespräch mit Yavuz schob, war es doch meine Furcht vor dem anonymen Verfolger, der mir seit einigen Tagen zu schaffen machte. Hatte ich erst Reiser unter Verdacht, und manchmal war er es ohne Zweifel, hatte er seinen Terror auf einen Schattenmann abgelegt. Dieser Schattenmann verfolgte mich nun auf meinen Wegen zwischen den Orten, hin und wieder legte er sein Mund bedrohlich nahe an mein Ohr und flüsterte mit entstellter Stimme: „so viel Action! so viel Spannung! Dembowski, wie hältst Du das aus?“. Es lief mir eiskalt den Rücken runter. Der Schattenmann versorgte mich mit meiner täglichen Dosis, so viel war klar.

Der Mittwoch verlief ruhig. In der Erdgeschosswohnung hatte ich mir die Little Wings Discographie zurechtgelegt und hörte mich durch das Werk Kyle Fields. Wieder ein Trauerbart mit Gitarre. Ein US-Phänomen, welches sich ja auch langsam in Richtung Europa verlagerte. War es vor einigen Jahren durchaus noch möglich, beim Gang durch die Straßen stundenlang in Gesichter ohne Bärte zu schauen, so gelang es mir in manchen Städten der Republik nicht einmal für zwei Minuten. In Dortmund, das beruhigte mich unendlich, war dies jedoch noch lange nicht der Fall. Ich erinnerte mich an eine Studie aus den 90ern, sie schrieb den Dortmunder mangelndes Modebewusstsein zu, setzte sie deutschlandweit auf den letzten Platz, hinter Städte wie Oschersleben und Kaldenkirchen. Kyle Field also, seine Zeichnungen wußte ich zu schätzen, seine Musik war mir in manchen Momenten zu schleppend. Nicht jeder Bart, dachte ich, muss zwangsläufig wachsen. Nicht jeder Bart bedeutet Weltschmerz. In guten Momenten, wie bei Good Luck, Goodbye aber, strichen seine Worte sanft über mein verängstigtes Herz. 
Im Laufe des Tages meldete sich Amok. Seine Recherchen in der niedersächsischen Einöde waren langsam abgeschlossen, ein paar der Schafe wurden bereits mit Strafzöllen belegt, sie hatten sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu wenig bewegt. Wir überlegten kurz, wann und wie wir die zuständigen Behörden einschalten würden, verschoben den endgültigen Beschluss aber auf die kommende Woche. Aus der Hauptstadt forderte ich Lothar an, der mit seiner alleinigen Weisheit sicher nicht helfen könnte,  uns aber immerhin eine Pattsituation ersparen würde. Mehr konnten wir von ihm nicht erwarten! Noch nicht, er hatte sich ja nicht einmal vorgestellt. 
Und so gelang es mir im Laufe des Tages, meine Angst in konstruktive Pläne umzuwandeln. Ich machte mich an die Planung des Konstrukteurstreffen. Am Samstag würde die englische Zelle endlich wieder in der Stadt sein. Die Vorbereitungen für das Champions League-Spiel am kommenden Dienstag verlagerte ich sofort in die Kneipe. Dort gab es Pfefferpotthast und aus einem mir unbekannten Grund konnte die englische Zelle auf Dortmunder Boden nur mit Pfefferpotthast handeln oder auch nur Denken. Little Wings waren zu diesem Zeitpunkt längst durch die Strokes abgelöst. Während die Weltgeschichte auf das zehnjährige Turmjubiläum steuerte, hatte sich der 10. Jahrestag der Strokes beinahe unmerklich  – und bereits vor einigen Wochen – abgespielt. Die Rückkehr der Gitarren dauerte nur einen Sommer, die Rückkehr der Gitarren war damals das letzte Aufzucken der Musikmacht USA. Damals hatte ich mir meine erste Lederjacke gekauft. Immer noch mein Lieblingsstück, dachte ich. 
Doch vor und nach all den Jubiläen stand es erst einmal das Konstrukteurstreffen. England! Albion! Das Spiel gegen Berlin nehmen wir gerne mit, notierte ich und setzte Redermann auf die Liveberichterstattung an. Ich machte mir keine Sorgen mehr. Der anonyme Schattenmann war sicher nur ein Hirngespinst, ich führte ihn auf die langen Tage in der Erdgeschosswohnung zurück. Manche Dinge, folgerte ich, ändern sich. Du gewinnst was, Du verlierst was, und wenn es nur Dein Wille zu verlieren ist. 
vorfreude auf das konstrukteurstreffen

3 Gedanken zu „vorfreude auf das konstrukteurstreffen

  • September 8, 2011 um 3:56 pm
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    Dabei war sich Dembowski keineswegs bewusst darüber, wie sehr er bereits zum Opfer seiner ausgeprägten Verdrängungsmechanismen geworden war. Armer Dembowski!

  • September 8, 2011 um 3:00 pm
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    Dembowski war verwundert. Hatte er einen Doppelgänger? Die Erdgeschosswohnung hatte er nicht verlassen, und keine Alkohol angerührt. Der anonyme Schatten war ihm mittlerweile nicht mal mehr suspekt, er empfand Mitleid. Wahrscheinlich, dachte er, hört der Schatten Unheilig

  • September 8, 2011 um 2:58 pm
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    Dembowski übersah einmal mehr den betont unauffälligen Mann, der nur wenige Tische abseits von ihm Platz genommen hatte. Das war nicht überraschend, denn sein Schatten war eine Profi vom Scheitel bis zur Sohle.

    Es war gar nicht so einfach für ihn gewesen, mit dem rotlackierten Konzertflügel, den er zur Tarnung mitgenommen hatte, durch die genormte Kneipentür zu kommen, hinter der er Dembowski sehr berechtigt vermutet hatte. Aber seine drei tibetanischen Träger hatten ganze Arbeit geleistet und so saß er jetzt hinter dem szenetypischen Musikinstrument, spielte scheinbar gelangweilt eines der weniger bekannten Stücke des jungen Mozart und nippte dabei an einem Glas lauwarmer Milch mit zwei eingehängten Zitronenringen.

    Der Schatten war eine Legende in der Zunft gesamteuropäisch ermittelnder Beobachter. Sein Einsatz vor drei Jahren in Riga war legendär, als er sich mit dem alten T34-Panzer unbemerkt und zu später Stunde durch die nächtliche Altstadt der lettischen Hauptstadt bewegt hatte.

    Die Überwachung des stets angetrunkenen, lallenden und tapsigen Dembowski war dagegen ein Kinderspiel. Dabei hätte der selbsternannte "Spitzenermittler" durchaus eine Chance gehabt, den ansonsten perfekt getarnten Verfolger zu erkennen. Er hätte nur einen genaueren Blick auf dessen rechtes Handgelenk werfen müssen, dann hätte er den kleinen, auftätowierten Toaster erkannt und wäre möglicherweise gewarnt gewesen.

    Aber dazu hätte Dembowski einfach mal sein Gehirn einschalten müssen, statt immer nur Kronen hinter die Binde zu kippen.

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