Wenn ich etwas gelernt habe, dann von Verlieren zu lernen. Die harte Schule der Gewinner ist nichts für mich. Nur auf der Schattenseite des Lebens entstehen die besten Ideen. Verschanzt. Verlaufen. In den wirren Gängen der Berliner Konstrukteure. Doch ich finde den Hinterausgang, der mich am Zabel-Krüger-Damm wieder in die Stadt oder besser an die Ränder der Stadt spuckt. Neben mir liegen die Ausläufer des MV und auf der anderen Seite schmiegen sich die spießigen Einfamilienhäuser an das Tegeler Fließ.

Weg hier. Nichts wie weg hier. BVG und Daumen raus an der Seestraße. Es gelingt. Auf der Fahrt schweige ich die Bulgarin an. Sie hat von der Mallinckrodt gehört und will mich ausfragen, doch ich habe kein Interesse an einer Fragestunde, lasse sie reden. An der Raststätte Garbsen decke ich mich mit Getränken ein und proste ihr zu: „Ich verspreche also, dass Du immer zurückkehren kannst. Du, die Du jetzt in die Nordstadt ziehen willst, und bald wieder an den Schlagbäumen Deiner Heimat stehen wirst, wenn Dich die Bewohner der Nordstadt angespuckt haben, weil Du nicht ihren Erwartungen entsprichst, wenn Dich die Welt wieder einmal angespuckt hat, weil Du nicht für sie geschaffen bist. Prost!“ Sie schaut interessiert. Und schweigt. Den langen Weg durch die Windungen des Weserberglandes und den langen Weg durch die ostwestfälische Einöde. Einmal noch fragt sie, was ich so mache und höflich antworte ich: „Ermittler aus Leidenschaft!“ Für den Fall der Fälle lege ich einen Satz Visitenkarten auf die Rückbank. Man weiß nie wofür das gut ist, denke ich.

In der Scharnhorst schenke ich ihr mein schönstes Lächeln und bin mit meinen Gedanken schon ganz woanders. Sie will mich umarmen, ich wüsste nicht warum und weise ihr den Weg zurück auf die Mallinckrodt. In der Erdgeschosswohnung ziehe ich die Jalousien runter, rufe Ritchie an. „Kennste Maurer?“ „Wat?“ „Maurer? Will wat bauen?“ „Aha. Ja. Schick ich rum!“. Immer wenn ich in der letzten Zeit mit Ritchie rede, reduziere ich meine Sprache. Es gelingt. Wie auch heute. Der Maurer kommt, ich erläutere ihm meinen Plan. Er hört mir nicht zu. Durch seine Kopfhörer klingen tatsächlich die Choräle von Enigma. „Love, Devotion, Feeling, Emotion. Don’t be afraid to be weak. Don’t be too proud to be strong.“ Es gibt viele Verbrechen, die ich mit einem Lächeln quittiere. Es gibt viele Situationen, die ich mit Worten entschärfe. Es gibt aber auch Enigma. Ich schnappe mir seinen Kopf, schmeisse die Kopfhörer auf die Straße und brülle: „Ich will eine verdammte Mauer bauen! Ich will eine verdammte Mauer bauen! Ich will die Mauer bauen!“

Mittlerweile stehen Kleppo und Redermann neben mir. Auch sie können es nicht fassen. „Enigma! Enigma! Manche Menschen haben keinen Anstand“, fragt Redermann und selbst Kleppo zeigt so etwas wie Gefühle. „Die Welt ist schlecht. Scheiß Menschen, die das hier erfinden!“ Er schlägt den Kopf des Maurers gegen die Wand. „Du hörst kein Enigma mehr! Michael Cretu ist nicht ohne Grund in der Versenkung verschwunden. Die Unschuld wird nie zurückkehren. Du hörst kein Enigma mehr! Dembowski will eine Mauer bauen! Er hat die Absicht, eine Mauer zu bauen. Verstehst Du das nicht? Scheiß Maurer! Eine Mauer!“ Aus der Platzwunde am Kopf schießt das Blut auf die Scharnhorst. Die Wentraud schaut entsetzt und reicht dem Maurer ein Taschentuch. Ich gehe zurück in die Erdgeschosswohnung. Scheiß Maurer, Scheiß Enigma. Ich will eine verdammte Mauer bauen.

von verlierern lernen – michael cretu, du hast die mauer zerstört