Alles angerichtet für den Meisterkampf. Obwohl die große Chance verpasst wurde. Zeit also, sich selbst zu zerfleischen. Wer führt Deinen Kampf, wer führt Dein Leben? Das Thema dieser Woche. Es wird sich am Ende aus der Asche, aus dem Staub erheben. Doch bis dahin ist noch ein wenig Zeit, dachte ich und blickte wieder und wieder auf den Spielbericht meines Teilzeitoutlets schwatzgelb.de. War doch eigentlich alles perfekt am Sonntag. Eigentlich.

Denn sie gingen ins Stadion und schimpften über die, die ins Stadion gingen. Sie kritisierten die, die ins Stadion gingen, saßen im Stadion und erhoben sich über die im Stadion sitzenden. Sie soldiarisierten sich mit den vor dem Stadionstehern und saßen auf ihren warmen, ihren kostenlosen Plätzen. Erstaunlich, dachte ich mir. Und auch wenn ich später Bilder sah, die zumindest einen Teil der Wut rechtfertigten, wobei ich bezweifelte, dass diese Bilder in ihrem Kopf bereits vorher existierten, war dieser Text dort höchst befremdlich. Sie hätten über viele Sachen schreiben können, doch sie erhoben sich von ihren kostenlosen Sitzplätzen und vergassen dabei leider, die Stadiongeher abzuholen und mit auf die lange, beschwerliche Reise zu nehmen.

Sie waren, dachte ich, mit diesem Text auf einer Ebene mit Thurn und Taxis, dessen Verständnislosigkeit immerhin Tradition hatte. Aber so war es jetzt geschehen und außer Kopfschütteln blieb mir nicht viel. Was wollten sie damit bezwecken? Ich hatte keine Zeit, die seitenlangen Antworten im Forum zu lesen. Ich hatte keine Zeit und keine Lust. Ein Text ist ein Text und steht erst einmal für sich. Maßlose Fehleinschätzungen von in Starbucks-Café sitzenden Schreibern. Schade. Aber was nicht meine Meinung war, musste meine Meinung auch nicht sein. „Wir gegen die“ funktionierte vielleicht beim Kampf gegen Reiser, dessen Namen ich in den letzten Wochen immer seltener wahrgenommen hatte, „wir gegen die“ funktionierte aber nicht bei einem langen Kampf für gemeinsame Ziele.

Nun gut, sagte ich mir, schaltete den Computer aus und ging wieder auf die Straße. Wieder da draußen, immer mit der Grundgefahr, dass irgendwer mir auflauern würde. In letzter Zeit hatte ich schlecht geschlafen, die Träume kamen immer häufiger, in immer kürzeren Abständen. Wenn mich die Träume auch nicht belasteten, es war erschreckend. Morgens wachte ich schweißgebadet auf. Kurz vorher hatten sie noch neben mir gestanden. In der kurzen Zeit zwischen Traum und Aufwachen gelang es mir selten, meine Ängste zu jusitieren. Was war real? Was war der Traum? Ich ging auf die Straße runter und vor der Tür standen diese Kerle. Sie waren beileibe nicht nur darauf aus, mir eine Maschine zu verkaufen. Ihr Blick war grau, ihre Augen lagen weit weg, ihre Gesichter von einem Schmerz gezeichnet, der keine Ausreden zuließ. Diesen Schmerz würden sie auch mir zufügen. Doch ich musste raus, so sehr ich mich auch vor diesem Schritt fürchtete.

An diesem Tag trieb es mich nach Schöneberg. An der U2 entlang, an einer dieser Stellen, an der die U2 wieder Hochbahn ist und über der Straße zu schweben scheint. Es war eine fremde Welt. In meiner bisherigen Berliner Zeit gab es bislang noch keinen Grund, nach Schöneberg zu fahren. Doch nach den letzten Tagen und Wochen fühlte ich mich im Norden nicht mehr sicher. Über kurz oder lang würde es dort zu einem großen Unglück kommen. Zumindest hatte ich das aus meinen Träumen gelernt. Und immer schon ging ich, wenn es mir nicht gut ging und ich voller Ängste – diese verdammten, rohen Ängsten, die mir den Schlaf raubten, die mir die Kraft nahmen, die mich zur Bewegungs- und Besinnungslosigkeit verdammten – war. Diesmal ging ich nach Schöneberg, doch da war es auch nicht besser. Als ich auf die Potsdamer Straße einbog, musste ich Pause machen. Ich ließ mich in einem der Dönerläden nieder und sah das Elend des Großstadtnachtlebens. Sie saßen dort aufgereiht, vertickten untereinander gezockte Mäntel, diskutierten die neuesten Strategien am Spielautomaten und die Prostituierten der Potsdamer hätte ich auch gerne niemals aus der Nähe gesehen. Schlußendlich waren mir die Kleinstadtganoven im Soldiner Kiez doch näher.

von ängsten, vom kopfschütteln, von besseren fans