Es muss weitergehen. Auch wenn ich immer noch unter Schock stehe, wir werden alles dransetzen, wir werden unsere Kräfte bündeln und für einen Moment werden wir unsere Streitigkeiten vergessen. Reiser hatte mich wieder angerufen, die Verzweiflung war noch lange nicht aus seiner Stimme verschwunden. „Meinst Du, ein Rubbeldikatz-Tag die Woche reicht?“ Er klang nicht gerade überzeugt und ich war es auch noch lange nicht. „Es hat ein Treffen gegeben, ob aber meine Vermittlungsversuche erfolgreich waren? Sie wollten mich nicht dabei haben, Reiser und das bereitet mir immer noch ein wenig Sorgen. Das Treffen war bereits vor etlichen Stunden, ich habe immer noch keine Nachricht vom Casino Express und auch Aki meldet sich nicht bei mir. Irgendwas ist da sicher im Busch!“

„Lass uns treffen, lass uns mehr tun. Das kann einfach nicht das Ende sein!“ Ich verabredete mich mit Reiser in der Kneipe. Auf den Schock, denn nicht nur Reiser und ich standen unter Schock, gab es dort Freigetränke, die Wirtin hatte den Grill angeschmissen und in kleinen Gruppen saßen sie zusammen und trauerten und aßen und tranken und diskutierten. Das ist das Ende des großen Freundschaftstraums, sagte jemand. Der Ruhm ist ihnen zu Kopf gestiegen, ergänzte sein Tischnachbar. Und der Nächste wollte es genau wissen, die Band, so erklärte er den Zuhörern, habe mit „Die heißen Jungs sind wieder da“ auch einfach ins Klo gegriffen. Sie mussten direkt nachlegen und seien letztendlich am Druck zerbrochen.

Reiser und ich schwiegen. Hin und wieder schüttelte einer von uns den Kopf. Wir konnten es immer noch nicht fassen und unsere Pläne waren immer noch nicht über das Anfangsstadium hinaus. Wir kippten die Biere, nicht gefasst und deswegen mit großem Durst. Doch unsere Zungen lockerten sich nicht. Wir hörten die Gespräche an den Nachbartischen, die Wirtin hatte die Jukebox ausgestellt, auf der Leinwand flimmerte das Video in Dauerschleife. Tonlos. Atemlos. Das Schifferklavier, die Katze, der kleine Nuri, das iPhone, der Kleingartenverein. Wir alle hatten es 1000x gesehen und wir alle kannten den Text auswendig.

„Am Anfang“, brach ich das Schweigen „habe ich das Lied ignoriert. Es war für mich ein weiterer Versuch, von der Meisterschaft zu profitieren, doch eins zwei Tage später habe ich den Jungs eine neue Chance gegeben. Und sie haben mich abgeholt. Es wird immer ein Klassiker bleiben, doch wird diese Trennung dunkle Schatten auf die größte Erfolgsgeschichte der Neuzeit werfen. Sie haben uns die Hoffnung wiedergeben. Am Ende des Tages war Rubbeldikatz doch nichts weiter als die Fortführung der Mannschaftsleistung mit anderen Mitteln. So wie wir ständig mit der Mannschaft Bier trinken wollte, Reiser, und die Mannschaft uns zumindest das Gefühl gab, es auch zu wollen, so sehr berührte uns doch dieser Auftritt von Aki. Der legendäre BVB-Kapitän zollte seinen Nachfolgern Tribut und sah es genau so. Das Lied verbindet Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft. Es ist unser „Three Lions“. Aber anders als „Three Lions“ ist es Teil einer Erfolgsgeschichte. Eine Geschichte, die wir immer weiter schreiben. Wir waren, und das ist der große Verdienst des Liedes, der Verein. Wir waren Teil dieser Geschichte und werden es weiterhin sein. Die große Verbeugung Akis war auch unsere Verbeugung vor dieser Mannschaft und diese Mannschaft und ihr Trainer verbeugten sich vor der Hommage.“

„Du hast so Recht, Dembowski! Als ich mit Klopp auf dem Wagen stand, schrie er doch nichts anderes. Er hat es verstanden. Ich habe es verstanden. Alle haben es verstanden.“ Reisers Stimme war ungewöhnlich leise und nachdenklich. In der Krise standen wir beisammen. Das hätte ich nie gedacht.

„Dembowski, sie haben Dein Tagebuch gedruckt!“ Mittlerweile war es spät geworden und ein paar Zeitungsverkäufer hatten die Frühausgaben abgeliefert. In einer der Ausgaben fand ich mich wieder. Wie konnte das passieren? Und was hatte das alles zu bedeuten? Oder war es doch nur das Bier und die Trauer? Das musste es sein. „Noch ein Bier!“ Irgendwann verließen Reiser und ich die Kneipe. Wir hatten keine großen Pläne mehr, wir waren immer noch unter Schock und wir wußten, dass wir bald wieder Gegenspieler sein würden.

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