Bundesliga-Tag. Kneipentag. Die ungekannte Schönheit eines Novembertages hinter mir lassend, betrat ich die U-Bahn und fuhr in Richtung Süden. Neben mir ein paar Suspekte Gestalten, die sich den Schnaps nur so reinzimmerten. Ihre Hunde lagen brav neben ihnen und hätte ich es nicht gewußt, wäre ich nicht drauf gekommen: Sie redeten polnisch oder eben das was ihr Sprachzentrum unter der Druckbetankung davon noch übrig gelassen hatte. Im Oldie Eck, irgendwann gegen 3.20 Uhr redete ich auch so. Und hätte mich prima mit ihnen verstanden. So aber nervte mich das. Die Pendler des Schreckens waren auf ihrem Weg von Mitte in Richtung Kotti.

Wie eben auch ich zum Schrecken pendelte, aber das konnte ich noch nicht wissen. Die Bahn spuckte mich am Kotti raus und in der Dunkelheit des Novembers spiegelten sich vereinzelte Regentropfen in den kargen Fenstern der Seitenstraße. In der Kneipe saßen sie bereits aufgereiht. Für einen kurzen Moment trauerten wir um Tamu, die Giraffe, die von uns geschieden war. Was mir aber, vielmehr als das Ableben der Giraffe, zu schaffen machte, war die Brillanz der Ruhr Nachrichten, die mit ihrem Live-Ticker alles abgeräumt hatten. Was eine verdammt gute Idee!

Vor dem Spiel fachsimpelten wir noch ein wenig über die Höhe des Sieges. „Ungefährdet!“, war dabei noch die untertriebenste Einschätzung. Düsseldorf würden wir einmachen. „Nicht einmal die Spieler sagen mir was,“ bemerkte ich. Als es dann losging war die Betroffenheit groß. Niemand sagte ein Wort und auch aus dem Stadion kam nichts rüber. „Wieso schweigen die, Dembowski?“, fragte mich Simone. Zum Glück hatte ich im Internet aufgepasst. Ich holte, da es das Spiel auch erlaubte, weit aus. Ich erzählte von der Kollektivhaftung, vom Sterben der Fankultur und erinnerte Simone an unsere Unterhaltung in der vergangenen Woche.

„Das ganze Drumherum eben, das so nervt, das mir die Lust am Fußball nehmen könnte. Die wollen sich noch auflehnen. Die haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Bewundernswert! Und hör genau hin…“ „Aber ich höre nichts. Protest muss laut sein!“ „Auf der Straße muss das“, erklärte ich Simone während das Spiel dahinplätscherte und nichts passierte. „Aber Ultras sind nicht Beste“, mischte sich jemand ein und es blieb sogar noch Zeit für weitere Erklärungen. „Sind ja nicht nur die Ultras, das betrifft uns alle. Hör doch mal hin und sag mir, ob Du das willst!“ „Ultras sind nicht Beste“, wiederholte der Typ. Ich beschloss, mich jetzt dem Spiel zu widmen.

Im Stadion zählten sie die letzten Sekunden runter. Danach ging es ab. Gänsehaut. Auch bei mir. Wie gerne ich jetzt im Stadion gewesen wäre. Aber hilft nicht. Das hatte ich gewählt. Das Exil war mein Lebensplan. Zur Halbzeit stand es irgendwie 1-0. Eine nie gefährdete Führung gegen den zukünftigen Zweitligisten aus der Landeshauptstadt. Dann machen wir eben in der zweiten Halbzeit die nächsten Tore, dachte ich vor der Kneipentür stehend. Düsseldorf, mein Arsch! Und vor allen Dingen: Düsseldorf, mein Absteiger.

Als die Absteiger in spe dann ihre ersten Angriffe fuhren, wurde ich nervös. Das war mir alles zu eng. Das war mir alles zu arrogant. Diese Arroganz, dachte ich, können sie doch gerne mir überlassen. Ich muss die Punkte nicht holen. Ich muss sie nur feiern. Dann fiel das 1-1 und bald war das Spiel vorbei. Die letzten Minuten des Spiels waren eine einzige Frechheit in schwarzgelb. Die feinen Herren bemühten sich jetzt doch tatsächlich um einen weiteren Treffer. „Idioten!“, rief ich nach Schlußpfiff aus. „Warst Du nicht der Typ, der im Vorfeld von einem 5-0 geredet hat. Immer mit dem Zusatz: Mindestens!“ „Ja, aber ich bin nicht die Mannschaft. Ich darf das.“

Ich musste raus. Simone stand aufgelöst vor der Tür. „Wir haben alles verloren, wir werden nicht Meister.“ Ich erinnerte mich meiner Worte aus der Vorwoche. Zum Glück. Sie gaben mir jetzt Halt. „Simone, das ist alles nicht so schlimm, wie es scheint. Es geht immer irgendwie weiter. Manchmal gewinnen wir eben nicht, auch wenn wir damit rechnen“, sagte ich ihr. „Du hast jeden Grund, traurig zu sein. Du hast jeden Grund, auf die Mannschaft wütend zu sein. Hand aufs Herz, das bin ich auch. Aber das ändert nichts daran. Du wirst Samstag wieder da sein und am Dienstag auch und dann am Samstag auch wieder und wenn die Winterpause vorbei ist, wirst Du auch wieder da sein. Das ist Fußball. Es geht nicht immer nur steil bergauf. Und schau, wie sich die Düsseldorfer gefreut haben. Die haben alles richtig gemacht und wir ein paar Sachen nicht ganz so richtig. So ist. Also: Sauer? Ja! Idioten? Ja! Aber nie den Anstand verlieren und mit dem Abstand von ein paar Stunden wirst Du das wieder anders sehen. Das ist Fußball. Ausgerechnet!“

Ich schaute auf mein Handy. „Paurevic ist für mich gestorben“, schrieb Redermann. „Aber hast Du auch nichts gehört?“ Ich speicherte das Spiel unter „unfassbar dämlich“ ab, und beschloss mich an der gelungenen 12:12-Aktion zu erfreuen. Ich wollte mir meinen Spaß nicht verderben lassen. In der U-Bahn saßen die schnapstrinkenden Zombies und rauchten.

unfassbar dämliches unentschieden gegen düsseldorf

Ein Gedanke zu „unfassbar dämliches unentschieden gegen düsseldorf

  • November 28, 2012 um 6:46 pm
    Permalink

    "Das Exil ist mein Lebensplan".
    Sorry, aber da bist Du doch etwas zu hart.

Kommentare sind geschlossen.