Auf die Enttäuschung folgt die Ernüchterung. Vielleicht waren wir einfach zu ambitioniert, vielleicht sollte man nicht am großen Rad drehen, während das kleine Rad sich einfach nicht bewegt. Ganz langsam, nicht auf einen Schlag. Ich sitze in der Küche. Gehe meine Wetteraufzeichnungen durch. So langweilig das auch ist, es beruhigt mich. Ich werde alt, merke ich immer wieder. Ich sitze in der Küche meiner Erdgeschosswohnung und höre WDR 2 und ich hatte zumindest bei einem Großteil der dort gespielten Liedern die Möglichkeit, ein Live-Konzert der Originalformation zu sehen. Bevor ich mich jedoch runterziehen lasse, gehe ich eben meine Aufzeichnungen durch, klicke mich dann zu Kachelmann und trinke noch einen Kaffee, rauche noch eine Ernte, beginne den Tag mit einem Bierchen bei der Wentraud, gegen den Kater.

Kleppo steht auch da rum und erzählt mir vom großen Sieg gegen Helsinki. Er hat schon gut einen drin. Er habe jetzt einen Hunter-Fanclub gegründet. „Wahnsinnstype! Wie der JBK! Wie der JBK! Vieeeel besser als wie der Manu!“ Man muss Kleppo nicht zuhören, man kann es aber, und immer dann stellt man fest, dass er einfach auf das falsche Pferd gesetzt hat. Ich höre ihm noch ein wenig zu und gerade als ich ansetzen und Kleppo den Mund verbieten will, hält am Straßenrand ein weißer Golf 2. Im Auto sitzen Schulze und Koslowski. „Streife, mal anders. Wentraud, schieb mal nen Pils rüber“, sagt Schulze. Koslowski sitzt immer noch im Wagen. Er dreht die Anlage auf: „Last Christmas I gave you my heart, but the very next day you took it away“. „Bissken früh, Koslowski, oder?“ „Wir sind ja undercover unterwegs, verstehste, Dembo?“ „Nein!“ „Wir dürfen nicht auffallen“, Koslowski setzt seine Sonnenbrille auf. Er erinnert fatal an Redermann. Wo ist Redermann überhaupt, frage ich mich. Auch egal. „Wentraud, für mich auch noch nen Pils“ „Habt ihr ne Zuch heute, wonnich?“ „Klar. Spieltag!“

Ich erinnere mich an den Trip im Januar. An die SVler, die mir in der Pille beinahe an die Wäsche wollten. Beinahe, doch dann traf Kevin doppelt und die Vizefans ergaben sich ihrem Schicksal. Doch das ist in diesem Jahr nichts für mich. Ich blätter durch die lokalen Zeitungen, Kleppo hängt mir am Ohr, Schulze säuft, Koslowski hört Weihnachtslieder und spielt mit seiner Sonnenbrille. „Die WR verschenkt Ohrenstöpsel“. Topidee! Leverkusen ist nicht Hoppenheim und die Konstrukteure haben einfach kein Interesse an weiteren Lärmattacken. Der Ermittlungsausschuß setzt die Sache gerade ohnehin in den Sand. Wir werden uns andere Sachen einfallen lassen, wieder zurück zur Basis. Nicht mehr am großen Rad drehen und erst die kleine Räder ölen und laufen lassen. Wir sind die Konstrukteure! Unsere Vergangenheit ist Eure Zukunft! Daran wird sich so schnell nichts ändern. Ich hau mir noch ein Pils rein, gehe zurück in die Erdgeschosswohnung und lege Casino Express auf.

undercover an der trinkhalle