Man muss auch mal ausschlafen dürfen, dachte ich beim ungefähr vierzehnten Bier des Abends.

Ich war nach dem Amsterdam-Spiel in der Kneipe versackt und alles die Musik betreffende war derart in den Hintergrund gerückt. Irgendwann hatte ich dann ans Ausschlafen gedacht und weiter „This is my message to you-ou-ou“ gesungen. Die drei kleinen Vögel spielten in der Endlosschleife und das war jetzt die Musik, die ich hören wollte. „Don’t worry bout a thing“ ich legte meinen Arm um Simone und gröllte „Cause every little thing’s gonna be all right.“

Simone sang mit. Sie war halt auch immer in der Kneipe. Und war Borussia-Fan. Und als Borussia-Fan war an diesem Abend alles perfekt. „Wenn man glaubt, Simone, man habe im Fußball jetzt aber alles gesehen, man habe in den letzten beiden Jahren sein Fußballlebensglück aufgebraucht, dann kommt diese Mannschaft daher und spielt einfach noch besser.“ „Ja, so ist es!“ lachte sie mich an. „Das Fußballlebensglück, das ist es. Wieviel wir davon haben. Stell Dir vor, wir wären nur ein paar Meter weiter westlich geboren. Wir wären jetzt Bochumer.“

„So ist das eben, Simone. Schicksal. Schicksal. Man wird Fan einer Mannschaft. Und ja nicht, weil diese Mannschaft jetzt die beste Mannschaft der Welt ist, sondern weil sie einen im entscheidenden Moment berührt hat, weil man sein erstes Spiel in diesem Stadion gesehen hat. Weil man mit seinem Vater gekommen ist, und der wurde schon von seinem mitgenommen. Deswegen wird man Fan, weil man einfach in einem Moment da ist und aufwacht, und alle anderen Dingen unwichtig erscheinen. Dann erst verfällt man dem Spiel. Man wird erst Fan einer Mannschaft, und dann wird man Fußballfan“, erklärte ich Simone.

„Und wenn man Fan einer Mannschaft ist, und alles bergab geht, dann hat man keine Option. Es ist da. Dieses Gefühl, was man sonst Liebe nennt. Durch dick und dünn, wie man sagt. In guten und in schweren Zeiten, wie man es sich bei der Ehe verspricht. Das ist natürlich ein ganz einseitiges Verhältnis. Aber auch in schlechten Zeiten ist man da. Wenn Lattek in Duisburg sein Comeback gibt und wenn Florian Homm in Venezuela angeschossen wird während er gerade deinen Verein rettet und das alles langsam zu einer Farce wird. Was willst Du machen, Simone? Nix sag ich Dir. Du kannst nichts machen“, erklärte ich ihr.

Ich musste Luft holen. Vor der Tür standen sie und diskutierten. „Du sollst kein Gott außer Götze haben“, sagte einer und die anderen nickten zustimmend. „Vielleicht Hummels? Drauf geschissen“, schmiss jemand ein. Ich überlegte kurz, was das überhaupt für ein Spiel war. Einfach so. Im Vorbeigehen und ohne Ballbesitz vier Tore gemacht und dabei immer brandgefährlich gewesen. „Cause everything little thing’s gonna be all right!“ , schallte es aus der Kneipe. Mein Bier war alle, meine Betrachtungen über das Fansein noch lange nicht am Ende.

Neues Bier, neuer Redeschwall. Ich schnappte mir Simone. Sie konnte mir nicht entkommen. „Und irgendwann, Simone, hörst Du mich? Irgendwann sitzt ein Trainer auf der Pressekonferenz und erklärt irgendwann noch früh in der Saison, dass diese Mannschaft jetzt aber wirklich mal Meister werden kann. Und Du lachst, weil der Typ, der da sitzt, der Trottel mit dem Regenschirm ist und aus England kommt und überhaupt Du Dich jetzt aber auch erstmal für Europa qualifizieren willst. Mehr nicht. Und trotzdem machst Du dann in der Saison alles weg. Und Du bist im Rausch. Und Du denkst, das wird nicht mehr besser. Niemals mehr besser. Weil Dein Verein, den Du so sehr liebst, und der die so viel Kummer bereitet hat, ja aus dem Nichts kommt und auf einmal wirklich den besten Fußball der Liga spielt. Im nächsten Jahr dann geht das so weiter. Und Du schüttelst Deinen Kopf, weil zusätzlich noch der DFB-Pokal geholt wird. Berlin! Ich mein, Berlin! Das können die nicht. Aber wie sie es auf einmal können. Und auf einmal, ohne dass Du es willst, und obwohl Du ja total genervt bist, wie sich der Fußball entwickelt hast, weil Du eben auch das ganze Drumherum betrachtest und weil Du es nicht mehr hören kannst, und weil Du mittlerweile eine Zeitung hast, die das ganze Drumherum ja auch noch befeuert und überhaupt , weil Dein Gegenspieler Reiser einfach komplett hohl dreht. Und weil und weil.“

„Three little birds pitch my doorstep! Singin’ sweet songs of melodies pure and true.” Die Stimmen erhoben sich wieder und für einen kurzen Moment schloß ich die Augen und wie bei einem perfekten Lied, oder wie bei der Suche nach einem perfekten Lied, wie also in den wenigen Sekunden, die es in einem Lied gibt und die man wieder und wieder hören will, möchte man, dass die Platte springt und springt. Aber auch nur für diesen einen Moment, wenn alles perfekt erscheint. Was macht man dann? Wenn die Platte springt und springt, fragte ich mich und ich hatte keine Antwort. Die Platte springt und springt und irgendwann langweilst Du Dich. Das kann es auch nicht sein, dachte ich und schnappte mir Simone, die mich immer noch anstarrte.

„Ach, Simone“, sagte ich ihr und nahm sie wieder in den Arm. „Diese Momente. Aber wo war ich stehen geblieben? Dann geht das so weiter und ein anderer Trainer setzt sich hin und sagt, dass Du jetzt aber auch nach London gehen kannst und Du lachst und denkst, der Trottel mit dem Regenschirm der hatte zwar keine Ahnung vom deutschen Fußball, aber er hatte das Gespür. Der hat die Fans gesehen und der hat die Mannschaft gesehen und der hat das Leuchten in den Augen gesehen und der hat die Welle gesehen, bevor es überhaupt eine Welle war, aber der Typ da, der hat Ahnung vom Fußball und der redet Dinge gerne groß. Er ist The One und er hat den Plan. Das wird nichts. Und dann sitzen wir heute hier in der Kneipe, schauen das Spiel und für einen kurzen biergeschwängerten Moment glaubst Du ihm doch.“

Simone schaute mich an. „Aber was kommt dann? Wenn alles erledigt ist? „Dann geht es weiter. Es geht immer weiter. Irgendwie. Mal besser und mal schlechter.“

Wir waren wieder beim Refrain angekommen „and every little thing is gonna be all right“ und ich wollte nicht, dass die Platte springt und springt. Ich wollte, dass es immer weiter geht. Irgendwie und wenn es schlechter werden würde, dann war das so und ich konnte es doch nicht ändern. Diesen Moment aber werde ich für immer in meinem Herzen behalten, dachte ich, als die Musik wieder von vorne begann.

„Don’t you worry bout a thing. Cause every little thing gonna be all right”

und die platte springt und springt – das spiel gegen amsterdam