Nach Tagen wie dem 03.März 2012 blieb bei mir meist nur Sprachlosigkeit zurück. Ich hatte mich früh auf den Weg durch den Frühlingstag gemacht. Endlich kehrte der innere Frieden zurück. Ich mied die Hauptstraßen und ging immer weiter in Richtung Süden. Die trendigen Mitte-Boys in ihren Skinny-Jeans und mit ihren grünen Plastiksonnenbrillen störten mich zu meiner Überraschung nicht weiter, ich bog einfach in die nächste Seitenstraße. Ich hatte alle Zeit der Welt. Und es satt, mich von den Umständen hetzen zu lassen.

Hart am Volkspark Friedrichshain vorbei, ging es für mich in Richtung Kreuzberg. Am Platz der Vereinten Nationen bog ich nach rechts in Richtung Ostbahnhof. Es erstaunte mich, wie wenig die Stadt dort mit dem mir bekannten Teil der Stadt zu tun hatte. Hier war die Stadt stehen geblieben. Doch auch hier sah ich die Mitte-Boys auf der Straße. Sie standen dort. Einer trug ein Schild in der Hand, ein Keyboard auf dem Rücken. Aus meiner Richtung hinter ihm stand sein Kollege. Er fotografierte ihn. Und als sich der Fotografierte zu mir umdrehte, stand auf dem Schild „Techno“. Als Kulisse hatten sie sich die Friedrichshainer Platte ausgesucht. Vielleicht war es sogar ein gutes Bild, doch meine Verachtung für sie blendete derartige Überlegungen komplett aus.

Menschen in Kneipen! Das waren meine Menschen. Nicht Menschen auf Straßen! In Richtung Kreuzberg sah ich die Überreste des Spreeufers. In ein paar Jahren schon würden dort nur noch Medienhäuser stehen, und bereits jetzt hatte das Maria geschlossen und vereinzelte „Fuck Media-Spree“-Schriftzüge deuteten auf einen lange verlorenen Kampf hin. Die ferne East-Side-Gallery mit ihrem kleinen Uferweg würde der letzte Rückzugpunkt sein. Sie redeten von einer weltoffenen Stadt, und nahmen den Menschen ihre Freiräume. Stück für Stück. Mich scherte das wenig. Ich hegte seit langer Zeit keine Hoffnung mehr. Nicht auf Besserung. Nicht einmal auf einen Stillstand.

Die Stadt war längst im festen Griff der Kapitalisten, die noch aus den allerletzten Brachflächen Gold machen wollten. Am Bethanien angekommen, sah die Welt bereits ein wenig freundlicher aus. Hier tollten Hunde im Park, der Geruch von Kiff wehte herüber, die Sonne stand tief über dem Park. Frühling! Ich würde den Rest des Tages in der Kneipe verbringen, ließ mich daher noch einmal kurz nieder. Nahm einen Schluck aus meiner Wasserflasche, blätterte im Handbuch und war verdammt guter Dinge. Die Kapitalisten hatten den Fußball fest im Griff, doch sie würden uns niemals den Sport klauen können. Verdammt, dachte ich, unter welchen Schikanen die Fans sich gegen die Kommerzialisierung der Liga wehren, das ist verdammt großartig. Immer wieder las ich über exorbitante Preissteigerungen in anderen Ligen. Doch hier waren sie alle sensibilisiert. Und dann noch die Borussia, die jetzt im zweiten Jahr in Folge die Liga rockte!

Der Glücksfall Sahin. Die Tragödie Sahin. Was für Sahin eine sportliche Katastrophe war, bedeutete für den BVB Verhandlungssicherheit. Wo willst Du spielen, Shinji? Wer würde Dir so vertrauen, Kuba? Das waren die Fragen, die sich den Spielern jetzt stellten. Sie waren Teil der wahrscheinlich besten Mannschaft dieses Jahrtausends und ihnen musste bewusst sein, dass sie egal wohin es sie treiben würde, auch der nächste Nuri Sahin werden könnten. Verhandlungsmasse in einem menschenfeindlichen Umfeld. Woche für Woche spielten sie vor 80.000 Zuschauern und Woche für Woche waren sie zwar als Einzelspieler keine Stars, als Mannschaft jedoch immer unbezwingbarer.

Darüber dachte ich nach, während ich in der Kneipe die Konferenz verfolgte. Gomez versiebte seine Chancen. Die gerade erst gestartete Serie der Bayern war bereits in Halbzeit 1 mächtig in Gefahr. Über die Blauen musste man nicht mehr nachdenken. Sie hatten ihre Chance auf die Meisterschaft vertan. So ließen sie dann den rührigen Freiburgern die Punkte im Breisgau. In den nächsten Spielen würden sie ohne Abwehr spielen. Dann flog Neuer an der Kugel vorbei. Hoeneß lief rot an, Heynckes nickte die Niederlage ab und Robben war gedanklich sicher noch bei seinem Weltklasseauftritt im Wembley-Stadion. Alles war so gekommen, wie es kommen musste. Alles war so gekommen, wie ich es bereits vorher erklärt hatte. Jetzt mussten wir nachlegen, und wie wir nachlegten. Locker, mit Wucht und überhaupt nicht mehr an die Meistersaison erinnernd.

Wir holten uns die Punkte, nachdem wir genau 170 Sekunden für Hoffnung gesorgt hatten. Doch Perisic tankte sich durch, Piszczek legte den Ball scharf rein und Kagawa hämmerte den Ball aus kurzer Distanz unter die Latte. Nachgelegt. Andere Mannschaften wären zusammengebrochen, doch diese Mannschaft war momentan unverwundbar. Die Fans träumten vom Titel. Die Spieler bereiteten sich auf den nächsten Gegner mit brutaler Qualität vor. Am nächsten Samstag in Augsburg. Das Spiel würde wieder beim Stand von 0-0 begonnen. Noch war nichts gewonnen. Und doch träumte ich längst von dem Gewinn der Meisterschaft im Spiel gegen Gladbach.

„Uli Hoeneß, Uli Hoeneß, merkst Du‘ es nicht? Merkst Du es nicht? Wir werden Deutscher Meister, wir werden Deutscher Meister! Und Du nicht, und Du nicht!“ singend ging es zurück in den Norden. Niemand hatte die Absicht, ein Spiel zu verlieren. Niemals mehr. Für immer unbesiegbar, BVB! Zumindest für heute! Den Kommentar aber würde ich erst nach dem Spiel der Gladbacher verfassen.

uli hoeneß merkt es nicht

7 Gedanken zu „uli hoeneß merkt es nicht

  • März 7, 2012 um 7:02 am
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    r-man, wenn du das nächste mal in der stadt bist (23.3?), meld dich vorher. ich zeig dir die orte, an denen borussia mit schlechter sky-kameraführung und ohne soundtrack, dafür in ranzigen eckkneipen auch in in berlin so wirklich daheim ist. der nachmittag des grauens soll dir eine lehre sein. nun wirst du am 25.3 wohl eher nicht für das köln-spiel in berlin sein, aber meld dich. es gibt sie, die mysteriösen orte. (und btw/ hätte noch eine karte für das bremenspiel am 17.3 über. bock?)

  • März 6, 2012 um 11:29 am
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    haha, ich war am samstag auch in kreuzberg unterwegs. in der ersten kneipe haben sie tatsächlich kaiserslautern – wolfsburg gezeigt! durchgängig. in der pause dann in der hoffnung auf konferenz die kneipe gewechselt und bei hertha – bremen gelandet! durchgängig. abends dann zum warmtrinken gegangen und zufällig über eine bvb übertragung auf grossbildleinwand mit soundtrack von curtis mayfield und war gestolpert. nach dem 1:1 mussten wir allerdings los, weil wir um 20 uhr nen tisch reserviert und uns verabredet hatten. schräger tag, aber letztlich war ja dann doch alles gut.

  • März 5, 2012 um 11:55 am
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    Den Gesang sollten wir uns im Stadion ohnehin für den direkten Vergleich aufsparen, und dann auch nur wenn er angemessen ist. Was er aber sein wird

  • März 5, 2012 um 11:50 am
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    Da ich mich gg Bremen in eurem Stadion befinde, bitte ich von den Hoeneß-Gesängen abzusehen 🙂

  • März 4, 2012 um 9:02 pm
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    Frei nach Klaus N. "Uli Hoeness hohl das Fernglas raus."

  • März 4, 2012 um 6:44 pm
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    Oh ja! Nächste Woche bitte wieder so ein Tag. Und die Woche drauf dann endlich wieder im Stadion

  • März 4, 2012 um 2:48 pm
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    Ein schöner Tag gestern. Ich höre das Lied quasi noch durch die Straßen hallen.

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