Den Vatertags-Ausflug nach Berlin hätte sich Dembowski sparen können. Trotz aller Rückschläge aber wollte der Ermittler nicht aufgeben.
Am Vatertag hatte ich einige Erledigungen in der Stadt zu machen. Ich wollte mich bereits am Mittwoch mit ein paar Getränken für den Boateng-Coup belohnen, mich am Donnerstag dann mit einem Informanten treffen. Natürlich war es mir schwer gefallen, mich aus dem Oderbruch zu verabschieden. Ein paar Tage in Berlin würden mir mit Sicherheit wieder die Ruhe nehmen, würden mich wieder zu dem alten, dem aufgeregten Ermittler werden lassen. Ich hätte im Oderbruch bleiben sollen.
Die Aufregung um den anstehenden Boateng-Transfer hatte sich kaum gelegt, da stand ich bereits am Bahnhof in Eberswalde. Auf der Brücke über dem Bahnhof hatte eine Elektrische den Stromabnehmer verloren, ein paar Einsatzkräfte sperrten die Straße und aus beiden Richtungen strömten die Menschen auf die Eisenbahnstraße und bestaunten den Rettungseinsatz für die Elektrische. Auch auf den Bahnsteigen hatte sich am Kopf in Richtung Treidelweg eine Menschentraube gebildet. Ich stand ein wenig Abseits, rauchte und blickte immer wieder auf mein Telefon. 
So viele mir unbekannte Nummern wollten mir die ewig gleiche Frage stellen. Doch ich hatte diese bereits beim ersten Anruf nicht beantworten wollen und beim ungefähr zwanzigsten Anruf war ich nicht mehr ans Telefon gegangen, sah nun nur auf die Anzahl der Anrufe, schüttelte meinen Kopf über die eingegangenen Nachrichten, war in der Tat mehr als froh, weiterhin auf ein Smartphone zu verzichten und somit nicht auch noch von den Aufgescheuchtheiten der Internetuser belästigt zu werden. 
Die Boateng-Geschichte, so viel hatte ich auf der Lama-Farm noch mitbekommen, hatte sich verselbständigt und war längst größer als DerSamstag! und somit zu einem Fakt geworden. Wir hatten die Sehnsüchte einiger Dortmund-Fans genauso gut bedient wie die Ängste der Zweifler. Wir hatten mit DerSamstag! eine kontroverse Debatte um die Ausrichtung der Borussia angestoßen, die nun in den Weiten der digitalen Welt langsam gedeihen konnten. Wobei langsam natürlich nicht in der Natur des Internets lag, und mit jeder geäußerten Meinung war das Gerücht längst zu einer bekannten Tatsache geworden, die es – glaubte ich dem mysteriösen UK – auch war. 
Doch war es als Herausgeber des besten Boulevardblatt des Landes nicht meine Aufgabe, über Tatsachen und Unwahrheiten zu entscheiden, es ging einzig und allein darum, neue Leser zu gewinnen. Neue Leser bedeuteten bessere Media-Zahlen und bessere Media-Zahlen bedeuteten ein besseres Vermarktungspotential, höhere Werbeerlöse, eine gesichertere Zukunft, unabhängig von Piotr, dessen langer Konstrukteursschatten immer noch bedrohlich über mir hing. UK hatte endlich mal wieder für einen großen DerSamstag!-Erfolg gesorgt. 
Es tat dem Blatt gut und für mich war es ein weiterer Schritt in eine unabhängigere Zukunft. Nicht mehr von Frank Berg, nicht mehr von Piotr abhängig sein, dachte ich am Bahnsteig stehend. Ich achtete nicht auf die anderen Wartenden, die sich mit Bierkästen auf ihren großen Auftritt in der Stadt vorbereiteten, dabei immer mal wieder auf die nunmehr zu einem Abschluß kommenden Bauarbeiten auf der über uns liegenden Eisbahnstraße blickten.
Wieder gingen die Oderbruch- und Uckermark-Ausläufern spätestens hinter Bernau in das nunmehr angegrünte Einheitsgrau der Berliner Vorstadt über. Und hinter Pankow-Heinersdorf war es endgültig mit der Ruhe vorbei, die jetzt bereits volltrunkenen Vatertags-Ausflügler drängten sich in Richtung Ausgang, stießen mit ihren Bierkästen an meine Knie, doch ich blickte nur aus dem Fenster und blickte auf das sich verändernde Pankow, das in den vergangenen Wochen unter Baukränen begraben worden war. Vom Nassen Dreieck wehten Rauschschwaden in Richtung Bahnstrecke, an der Bornholmer fuhren zwei S-Bahnen aus Richtung Süden ein und mit einem langen Schwung fuhr die Regionalbahn in den Bahnhof Gesundbrunnen ein. Ich stand auf, und bemerkte die drei Typen nicht, die sich bereits in Eberswalde hinter mich gesetzt hatten und jetzt direkt hinter mir ausstiegen. 
Wenig später, ich hatte nur kurz meine Tasche in die Wollankstraße gelegt, saß ich im Oldie-Eck und belohnte mich für den gelungenen Coup. Der Laden war erstaunlich leer, aus der Jukebox plärrten die größten Hits der Helene Fischer, die in ferner Zukunft auf dem Friedhof am Bürgerpark Pankow begraben sein würde, wie mir Piotr eines Tages nicht ohne Stolz erzählt hatte. Kurzzeitig ließ ich mich in eine Diskussion über Fischer und Schlager verwickeln. Aber meine Warnungen und Beschimpfungen stießen nicht gerade auf fruchtbaren Boden. Die Trinker hier wollten sich ihrer Illusionen nicht berauben lassen. Sie fanden es toll, dass die Fischer den „kleinen Mann“, wie sie immer wieder mit Nachdruck betonten, „in eine andere Welt entführte“. Nicht mein Verein, nicht meine Welt. 
Es blieb mir nichts anderes übrig. Ich musste raus, ein wenig von der Stadt sehen. S-Bahn fahren, U-Bahn fahren, dem Grundrauschen der Pendler, Trinker, Touristen mein eigenes Schweigen entgegensetzen. Mit tief ins Gesicht gezogener Trucker-Kappe saß ich am Fenster, fuhr über eine Stunde den Ring, stieg letztendlich am Treptower Park aus, und ging am Ufer der Spree entlang in Richtung Kreuzberg. Hier im ehemaligen Grenzgebiet war das Rauschen noch lauter. Selten zuvor hatte ich so viele Feiertagstrinker gesehen, die mal wieder die Zeit ihres Lebens haben wollten. An einem Späti besorgte ich mir ein paar Bier, setzte mich auf die Oberbaumbrücke und beobachte die einfallende Nacht. 
Ich dachte an Boateng, DerSamstag!, und vor allen Dingen daran, wie sehr ich mich davon entfernte hatte. Koi war allemal wichtiger als ein Siegtreffer in letzter Minute, Dörte bedeutete mir mehr als jede Meisterschaft, die Planungen für das Lama-Trekking waren spannender als sämtliche Transfergerüchte, die mir jedoch mein Auskommen sicher würden. Dessen war ich mir bewusst. Ich nahm mir vor, Frank Berg in den nächsten Tagen die Zusammenarbeit aufzukündigen, die Nazi-Sache hatte sich doch ohnehin im Sande verlaufen, Berg war viel zu sehr mit den Vorbereitungen des Münchener Prozesses beschäftigt. Auch Piotr, dachte ich, würde ich abwimmeln. Spätestens nach der Götze-Nummer war er trotz aller Beteuerungen bei mir unten durch. 
Was bleiben würde, fragte ich mich und gab mir mit „Kampfansagen, Populismus und Banalitäten“ sogleich die Antwort. Auf der Oberbaumbrücke sitzend reduzierte ich meine Zukunftsplanungen im Fußballgeschäft auf die Formel KPB und nahm noch einen letzten Schluck aus der letzten Flasche der Nacht. Ich war jetzt deutlich angetrunken, spazierte die paar Meter zur Warschauer Straße zurück, ermüdet von meinen Überlegungen, die wahrscheinlich nicht nur mich langweilten. Kurz hinter dem U-Bahnhof passierte es. 
Ein Schlag, ein Wischer mit dem Ellbogen, noch ein Schlag. Meine Trucker-Kappe segelte in Richtung Gleise, ich stürzte auf den Boden. Über mir hatten sich die drei Typen aufgebaut. Sie mussten mich bereits den ganzen Tag verfolgt haben. Mit bedrohlicher Miene starrten sich mich aus ihren dummen Glatzengesichtern an, spuckten mir bald in Gesicht und wischten mir bald ihre Rotze mit ihren Fäusten aus meinem Gesicht. Neben mir wurde es rot. Mit blankpolierten Schuhen traktierten sie langsam meine Magen, spuckten mich an. Bis auf eine fragenden Blick hatte ich ihnen nichts entgegenzusetzen.
„Das ist für Boateng, Dummbowski! Steckt Deine Nase nicht in unsere Angelegenheiten“, höhnte einer und sein Schuh traf eine Rippe. Ich spürte nichts mehr, mir wurde schwarz vor Augen. Als ich wenig später von einer Menschentraube umringt aufwachte, waren sie längst verschwunden. Aus der Ferne kündigten sich bereits ein paar Martinshörner an. Mit der mir gebliebenen Kraft sprang ich auf, sprang, ein Bein nachziehend, meine Händen schützend vor den Magen haltend und blutüberströmt in die nächstbeste U-Bahn, die mich aus Friedrichshain forttrug. Ich musste weg, bevor sich hier eine weitere Situation ergeben würde. 
Als ich am nächsten Tag aufwachte, wusste ich nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen war, nur dass mich der Alkohol im Endeffekt gerettet hatte. Das Treffen mit dem Informanten sagte ich ab, schrieb UK nur „Du bist auf der richtigen Spur. Gibt es Neuigkeiten in Sachen Boateng?“, schleppte meinen schmerzenden Körper in Richtung Gesundbrunnen. Nur zurück. Was ich im Internet erledigen konnte, sollte ich besser im Internet erledigen. Dafür langte mir die Lama-Farm. An der Ecke Badstraße blickte mich das überlebensgroße Portrait der Boateng-Brüder an. „Gewachsen auf Beton“. Davon hatte ich genug. Ich war mir nicht einmal mehr sicher, ob ich nach Wembley fahren wollte. Aber die Boateng-Spur blieb heiß. Jetzt erst recht. Für DerSamstag! und für die Gerüchte!
überfall auf der boateng-spur