Wie ein Spiel alles veränderte.
Noch vor nicht allzu langer Zeit war unser Held ein Wrack. Mit seiner Borussia ging es spätestens nach der Reus-Verletzung zu Ende, die Kagawa-Rückkehr war der letzte Sargnagel. „Ein Marketinggag, ein Sargnagel!“, Dembowski hatte es immer wieder laut aufgesagt. Und es war nicht weggegangen. Und nichts hatte sich im Kopf verändert. Es war nur noch dunkler. Es war nur schmerzhafter. Der Aufstieg und Fall der Borussia. An einem kleinen, wendigen Japaner festgemacht.
Er hangelte sich von Kneipe zu Kneipe. Der traurige Held nannte es „neue Freunde machen“ und war sich doch bewusst, dass sie bald wieder verschwinden würden. „Solange ich trinke“, schrieb er auf ein zufälliges Stück Papier, „bin ich nicht allein.“
Auch auf der Lamafarm liefen die Dinge nicht nach seinen Vorstellungen. Dörte vertrieb sich die Zeit scheinbar nicht nur mit den Lamas, sondern pflegte wieder Kontakt zu Piotr. Dieser Konstrukteur, dessen Rolle Dembowski auch nach Jahren nicht wirklich logisch erschien. „Was plante er, warum plante er, und warum konnte er in der Zeit reisen?“ Das waren die Fragen, die sich der Ermittler immer wieder stellte. Dann trank er ein Bier. „Zur Beruhigung“, sagte er und verfing sich immer tiefer in seinem Schmerz.
Nur Koi, der einsame Karpfen, hielt ihm zu diesem Zeitpunkt am Leben. Der stille Begleiter, der so dankbar am Ufer wartete, aus einer Böschung hervorstieß und ihn begrüßte. Immer. Egal, wie er sich fühlte. Egal, aus welcher misslichen Lage er sich wieder auf die Lamafarm gerettet hatte. 
Aber dieses eine Spiel hatte ihn wieder aufleben lassen. Klar, Dembowski hielt die Kagawa-Rückkehr immer noch für ein Marketinggag, aber es war ein sehr guter. Denn der kleine Japaner entschied nicht nur das Spiel gegen Freiburg, sondern vielmehr war es auch das große Comeback des Kevin Großkreutz.
Hinten rechts war für den Dortmunder nichts mehr zu holen, das wusste Dembowski. Nicht mit Piszczek, nicht über die Dauer einer Saison. Und im Mittelfeld gab es immer bessere Spieler. Immer. In jedem Jahr. Doch niemand sah, wie Großkreutz sich aufrieb, wie er sich bewegte und wie er auch für Kagawa der Anker im Spiel der Borussia war.
Die Tür bei der Nationalmannschaft war zu, auf welcher Position auch immer, dafür war er Bundestrainer Löw einfach zu egal. Und auch bei der Borussia lief er natürlich Gefahr, zu einem Lukas Podolski zu werden. Kevin hatte da kein Bock drauf, und kämpfte. Auch deswegen, und nicht nur weil sie Freunde waren, bedeutete ihm Kagawas Heimkehr so viel. Das bewunderte Dembowski an Großkreutz.
„Wenn Sie eines Tages Großkreutz wegjagen, gehe ich nicht mehr in Stadion“, hatte der Ermittler zu Hauke Schill gesagt, aber der war, so sehr er sich auch freuen wollte, weiter in tiefen Hamburg-Depressionen, nickte nur.
Und so bewegte sich die Ermittler-Welt an diesem Samstag wieder in eine neue Richtung. Dörte, dachte er sich, würde es schon richten, und irgendwann vielleicht einmal die Wahrheit über Piotr erfahren. Für Dembowski war Piotr ein Störfaktor, ein undurchsichtiges Element in einem Spiel, das er nie hatte spielen wollen. Er konnte es nicht ändern. Und Reiser, so glaubte unser Held ganz fest, ja, er drückte sogar seine Daumen, war tot. Egal, was Piotr auch erzählte.
Aber Kevin sei Dank glaubte Dembowski wieder an sich.

„Eine Woche kein Alkohol“, schrieb er an die Küchenwand seiner neuen Wohnung. Unten spielte Hilde auf. Sie war gerade wieder bei Denkmal angekommen. Dembowski ging ins Bad, pisste einmal in den Sandeimer, und öffnete das Wohnzimmerfenster, und schüttete den Eimer über der Straßensängerin aus. Doch noch war er zu betrunken. Ab jetzt aber wollte er an seiner Präzision arbeiten. Gegen die Straßensänger und damit er endlich wieder Erfolge feiern konnte. 
über kevin großkreutz