Während der Winterpause lasen Schill und Dembowksi sich gegenseitig die optimistischsten Schlagzeilen über ihre Vereine vor. Die beiden Freunde saßen im Soldiner Eck. Im Fernsehen lief erst Darts, und als alle Pfeile geworfen waren, flogen die Kugeln aus den Gewehren und Neureuther den Hang hinunter. Irgendwann begann die Handball-Weltmeisterschaft in Katar, doch die Tristesse der fußballlosen Zeit nagte an den Gemütern.

In den wenigen Testspielen während der Winterpause verzeichnete die Borussia mehr Verletzte als Tore, und das Geheul wurde lauter. Dembowski verstummte in Ermangelung jedweder optimistischer Schlagzeilen. Schill hingegen entwickelte sich den Januar über zu einem großen Fan der Winterpause.

Der Hamburger pflegte neuerdings ein Faible für Austro-Pop. Und vielleicht, so erzählte er Dembowski eines Tages, würde er im Laufe des Jahres sogar ein eigenes Festival an den Start bringen. „Mit allen Bands, die ich mag! Wenn Schill ruft, werden sie kommen!“
Der Gastwirt war euphorisch. Und Kühne war der Grund.

Noch im Dezember hatte Schill an ihm gezweifelt, doch im Laufe des Januars stellte sich der vermeintliche Rückzug nur als ein kleines, taktisches Manöver heraus. „Sein gutes Recht. Es ist sein Verein und sein Geld. Wir werden bald wieder angreifen. Vielleicht noch in diesem Jahr. Sonst im Volksparkstadion.“

Dembowski schüttelte nur den Kopf. Doch Schill las und las. Drmic, Diaz, und Otto schoß noch ein wenig Kohle nach. Drmic kam nicht, es wurde Olic.

Zur Pressekonferenz gab es im Soldiner Eck Freibier. Es war auch der Tag der Bundesliga-Rückkehr. Die, man musste nur auf die Tabellen schauen, interessierte Dembowski nicht, interessierte auch Schill nicht. Justin Hagenberg-Scholz, der eine Taktikanalyse machen wollte, und immer wieder „das wird noch wichtig, das wird noch sehr wichtig“ wiederholte, und der, sie wussten gar nicht warum, sich nach langer Zeit wieder einmal auf die andere Seite der Osloer getraute hatte, diesen Typen also, der sie noch mehr nervte als die Winterpause, baten sie vor die Tür, und als drauf einging, nicht wieder rein.

Noch ein paar Tage vorher wollte Dembowski nicht mehr. Es stand schlimm um den BVB. Aus der Winterpause war eine Verlängerung der letzten Auswärtsspiele des Vorjahrs geworden. Die Angst, und die Bedrohung des Dortmunder Selbstverständnisses der Erstklassigkeit wurde immer greifbarer.

Ein Philosoph stellte nüchtern fest: Der BVB hatte sich unter Klopp zu einer Selbstmord-Sekte entwickelt, und Verein und Fans folgten dem charismatischen Trainer in den Untergang. The Cult of Klopp verbrannte Geld wie dereinst THE KLF.

3 A. M. Eternal, Vollgasveranstaltungen und „BVB have now left the Bundesliga“.  Klopp als Drummond. Er würde schon überleben.

Dembowski fand diese Vorstellung beängstigend.

Den Spielern hingegen war es längst egal. Wie jede gute Band waren sie längst auseinandergebrochen, und ein Großteil hatte aus Mangel an Schönheit auf Mode-Designer umgeschult. Der Kapitän hingegen angelte sich Werbevertrag über Werbevertrag. Und der Sektenführer, der noch im Sommer 2014 charakterlose Profis abgelehnt haben soll, musste nun die Symptome behandeln. Mehr war nicht drin. Es würde schon reichen. So viel Qualität.

Als Schill ihm einmal von der Rückkehr der Dortmunder Blogs erzählte, schlug Dembowski die Hände über den Kopf zusammen. In Krisenzeiten, das wusste er, griffen Notfall- und Rückfallpläne. Dazu gehörten vereinsnahe Blogger, die mit Kräften die ausbrechende Missstimmung unterbinden sollten.

„Wir sind Borussia, wir sind der Verein. Und wer nicht für uns ist, der ist sowas von gegen uns“, schrien sie den Menschen ins Gesicht. Immer lauter, immer aggressiver, immer verbitterter.  Watzke arbeitete sich derweilen weiter an den Bayern, dem natürlichen Rivalen des BVB, ab.


Es gab keine guten Nachrichten! Nur ein Ablenken von den sportlichen Problemen. Auf die nicht weiter eingegangen wurde. Der Verein verweigerte den Dialog. Konzentrierte sich auf den Abstiegskampf. Nicht auf den Sympathiewettbewerb, den, denn die Bundesliga starb auch durch die Wüstentours der Bayern und der Schalker, und den irrwitzigen FFP-Vorstellungen der Wolfsburger weiter, konzentrieren, sondern nur noch die Klasse erhalten. Den Leuchtturm nicht bis auf die Grundmauern einstürzen lassen.

Schill sagte nur, dass Dembowski seine Launen mal besser in den Griff bekommen solle. Fußball sei immer noch ein Spiel, und das Bier ginge schon seit Monaten auf Haus. Mehr könne er ihm gerade auch nicht bieten. Im Fernseher lief die Olic-PK in Dauerschleife, aus der Jukebox klang Bologna und es war Samstag.


Bayern hatte bereits kassiert. Jetzt legte Hamburg nach. Schill verzweifelte. Dembowski lachte. Sah später die Bälle lang und hoch aus der Dortmunder Hälfte fliegen. Abstiegskampf. Oder nur die Maschinengewehrsalve über die Köpfe der Ahnungslosen.

Man beschimpfte Klopp. Und er beschimpfte die, die ihn beschimpften. Und forderte die Fans auf Wagenburgen zu bilden. Es waren die letzten, verzweifelten Versuche, den Verein zu retten. Es würde ihm nicht gelingen, und daran musste man sich langsam gewöhnen, dachte Dembowski und legte in seiner Wohnung noch einmal 3 A.M. Eternal auf. Live at the S.S.L. Früher, dachte er, musste man in den 90er gedacht haben, waren THE KLF auch besser.

Aber, dachte Dembowski, auch sie waren nur den durchgeknallten Gedankengängen eines Künstlers gefolgt. Für eine Weile wurden sie zu den großen Verführern, und dann eben waren sie, bis zur Verkündung des Weltfriedens, verschwunden.Nur Scooter hingen noch an dieser fernen Episode der Popmusik. Ein Trost war das nicht.

In der Nacht träumte Dembowski von Menschen hinter der Trainerbank, und wie sich die Spieler holten. Er wachte auf. Dunkle Nacht, Mauern, Hundegebell, die Barracken, Anweisungen, Knochenreste im Wasser. Frösche. Darf ich hier rauchen?  Ein Spiegel.

trostloser kick gegen leverkusen zeichen für kommenden untergang