Frank ging mir am Arsch vorbei. Ich blieb einfach noch eine Woche im Oderbruch. Was scherten mich die Anweisungen der Sneakersmafia, was scherten mich die täglich neuen Gerüchte, die täglich neuen Vollzugsmeldungen. Wichtig war mir das alles nicht mehr. Mich auf die Rückrunde vorbereiten, wie Frank mir am Telefon erzählte, konnte ich auch im Oderbruch. Indem ich einfach wieder Abstand gewann, dieses unsägliche Wirrwarr und Geschachere kommentarlos an mir vorbeirauschen lief.

Hin und wieder klingelte das Telefon, dann meldete sich irgendwer und wollte mir die neuesten Transfergerüchte schmackhaft machen, meist drehte es sich dabei um französische Wunderstürmer und unzufriedene Ex-Borussen. Manchmal erklärten mir meine Informanten auch, dass Lewandowski jetzt aber wirklich auf dem Weg in Richtung England war. Tag ein, Tag aus meldete auch Frank sich zu Wort. Er wurde nicht müde, seine dringenden Fragen als Drohungen zu formulieren. „Wenn Du nicht delieverst, dann…“ begann er seine täglichen Anrufe, die ich müde lächelnd am Seitenarm der Oder in Empfang nahm. Was scherte mich meine Verbindung zur bösen Seite, wenn ich einfach noch nicht bereit war, überhaupt nur übers delievern nachzudenken?

Mir war klar, dass ich mir mit meiner Verweigerungshaltung keine Freunde machte. Die Leute erwarteten Schlagzeilen, Insiderinformationen, Skandale, Ermittlungen und ein paar Floskeln. Sie erwarteten nicht, dass ich mich dem Inside Job erst einmal verweigerte. Es war Frank, der mir immer wieder nahelegte, jetzt doch endlich mit meinem Job zu beginnen. „Du bist da jetzt drin, Du wirst jetzt geführt, Du hast den point of no return längst überschritten“, dröhnte er mir ins Ohr. „Moment, der Schwimmer bewegt sich“ „Was zum Teufel machst Du, was erlaubst Du Dir eigentlich?“

Seine Verzweiflung war groß. Ich war seine Verbindung in die Szene. In eine Szene aber, die nur in seinen Vorstellungen existierte. Wenn ich nicht ablieferte, hatte er ein Problem. „Dreh doch noch ein paar Runden mit dem Rad. Der Flur ist doch lang genug“, rief ich ihm stets zum Abschluss unserer Telefonate zu.

Am Neujahrstag lauschte ich den Worten Wowereits, der mir wenig Hoffnung auf Flugzeugbeobachtungen am Neujahrstag 2014 machte. „Deshalb bündeln wir alle Kräfte, um den Eröffnungstermin im Oktober 2013 einzuhalten“. Seine Worte plärrten rauschend über das Radio. Seine Worte machten mich traurig. Wie würde ich die Lärmgründe für einen gepflegten Vollrausch vermissen. Die Flugzeuge hatten das Bild des Soldiner Kiezes seit Jahren geprägt und mit einmal sollten sie verschwinden? Das waren meine Sorgen zum Jahresbeginn. Die den Fußball betreffenden Gedanken sparte ich mir für die zweite Monatshälfte auf, die die Musik betreffenden Überlegungen schob ich ebenso auf die lange Bank.

Am ersten Januarwochende aber packte mich die Reiselust, die Sehnsucht nach der dreckigen und lauten Stadt. Dörte verstärkte diesen Wunsch. Sie ballerte mich seit Tagen mit Cro zu. „Das ist der Stoff aus dem die Träume sind.“ Ich fragte mich, welche Träume sie damit meinte. Meine mit Sicherheit nicht. Als ich mich am frühen Montag endlich auf den Weg machte, schnappte ich mir am Bahnhof Eberswalde den Tagesspiegel. Welch herrliche Botschaft die Schlagzeile übermittelte.

Flughafen BER wird auch 2013 nicht eröffnet
Termin im Oktober ist laut Betreibergesellschaft nicht mehr zu halten / Weitere Kosten von einer Milliarde Euro erwartet

Das war mein Berlin. Das war mein Kickstart in das Jahr 2013. Und Wowereit reihte sich damit ein in die Reihe der großen Berliner. Ich rief Frank an. „Alles in Butter, wir treffen uns um 19.09 Uhr am Ultrakiosk, nähe Müllerstraße“ „Du bist bereit?“ „Hell yeah! Das bin ich“

treffen wir uns am ultra kiosk