Wer immer Cutting Crew verbrochen hat, und damit richte ich mein Klage an Dich, Nicholas „Nick“ van Eede, sollte sich besser Sorgen machen. Wenn „I’ve Just Died“ bereits nahe an einem Kriegsverbrechen war, dann hast Du Dich mit „I’ve Been In Love Before“ mit Sicherheit schuldig gemacht. Seit Tagen bereits läuft dieser unsägliche Schinken im Erdgeschosswohnungsradio. Ich habe keine Ahnung warum, ich habe keine Ahnung wieso. Langsam komme ich mir hilflos vor. Meine Gedankenleistung übersteigert die der Tatort-Drehbuchschreiber seit Tagen nicht mehr.

„Wer ist Opfer, wer ist Täter? Wen observieren wir, wen schützen wir?“ Redermann ist längst in der Schleife gefangen. Sein Beitrag in der Hoppenheim-Sache beschränkt sich auf die hundertfache Wiederholung seiner neuen Leitsätze. Er will, so erklärt er mir, Vorsicht walten lassen. Bevor sich da keine neuen Erkenntnisse ergeben, gibt er an, muss man sich mit der Frage nach Tätern und Opfern beschäftigen. Nur nicht eine unschuldige Person verdächtigen, nur nicht eine schuldige Person freisprechen. Wir müssen Anstand bewahren, ist seine aktuelle Lieblingsfloskel. Was immer in Redermann gefahren ist, es könnte uns gefährlich werden. Hat er am Ende die Seiten gewechselt?

In die Momente der Ruhe sticht die theatralische Stimme van Eedes. Jetzt wieder mit „should have walked away, should have walked away“. Hättest niemals singen sollen und Du, Redermann, hättest aufpassen sollen. Wir werden Dich jetzt observieren, denke ich und notiere „was ist mit redermann?“ in meinen Block. Diese Dingen jedoch lenken mich in der Summe von der eigentlichen Problematik des Tages ab. Wir sitzen längst im großen Boss und außer Redermann will ohnehin niemand mehr über Hoppenheim reden. Nicht heute, nicht mit van Eede im Kopf, nicht mit dem Generalstreik in Griechenland.

Doch Redermann stört mich massiv. „Das hat mit Fuß, das hat mit Ball, das hat mit Fußball nichts zu tun“, grölt er immer wenn ich meine Stimme erheben und über die möglichen Auswirkungen des Generalstreiks reden will. „Lass endlich die Politik aus dem Spiel. Halt endlich den verdammten Ball flach. Bratwurst, Bier, Borussia. Oder willst Dich jetzt den Protesten anschliessen? Killing in the name of what?“ Die Situation, kurz vor der Eskalation, überfordert mich. Auf der einen Seite haben wir hier die Fans der Borussia, die entweder nicht anreisen können oder nicht abreisen können. Auf der anderen Seite haben wir die Spieler der Borussia, denen ein ganz ähnliches Schicksal droht. „Wollen wir uns von der Politik die Saison verderben lassen, Ernst?“ „Idiot! Die trainieren einen Tag länger in der Sonne und fliegen Freitag zurück.“ „Schon mal überlegt, was Neven macht, wenn er die Proteste sieht? Der schließt sich da an. Das sind die Informationen, die mir aus dem Umfeld zugespielt worden sind.“ „Deine Phantasie!“ „Wenn schon“ „Hör auf zu saufen!“ „Und Du!“ Die Stimmung im großen Boss ist endgültig gekippt.

Ich setze mir meinen Walkman auf, öffne die Tür in Richtung Borsigplatz, stelle mich an die Bushaltestelle und fahre Richtung Flughafen. Wenn es Informationen gibt, werde ich sie dort aus erster Hand bekommen. Zwischendurch verfluche ich die Rating Agenturen, die seit Wochen drohend über den Konstrukteuren schweben. Das ist Redermann nicht klar, davon hat er wieder keinen blassen Schimmer. Aber wenn „Fitch“ Dich erst einmal im Visier hat, hatte Piotr mir erklärt, gibt es kaum einen Ausweg. Ein Downgrade wäre für die Konstrukteure tödlich, hatte er mir am Telefon gesagt, und gegen dieses Downgrade musste er jetzt ankämpfen. Seine „Occoupy Masuren“-Bewegung hatten einige Bewohner dort in den falschen Hals bekommen und jetzt musste er sich auch noch mit Besatzer-Vorwürfen rumschlagen.

Zum Glück gibt es Ja,Panik. Im Bus höre ich Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit. 2x epische 14 Minuten. Einmal um die Welt. In meinem Fall vom Borsigplatz bis zum Flughafen. Schimpft mich gescheiterter Ermittler, beleidigt mich, beerdigt mich in der Küche meiner Erdgeschosswohnung, denke ich mir, ihr könnt mir nichts. Ich habe gesehen, wie es funktioniert. Und ich werde Euch zeigen, wie es according to Dembowski. Ich bin too big to fail. Ich bin Eure letzte Hoffnung. Nicht nur für die Griechenland-Reise, nicht nur für die Titelverteidigung. Ich werde Euch, ob Ihr es wollt oder es zu verhindern versucht, retten. Ich werde keine Bomben schmeissen, ich werde sie auffliegen lassen. Alle!

Hopp, Lindner, Rösler, Merkel, Kind, Reiser, Fitch, Dörte, Moodys, Zwanziger, von der Leyern, Schröder, Fischer, Sierau, Ackermann, Barroso, Tönnies, Westerwelle, Gabriel, Trittin, Gysi – ich werde Euch alle auffliegen lassen. Too big to fail. Markiert meine Worte. Und Neven wird mir helfen.

too big to fail