Lange schon war ich nicht mehr für ein paar Tage in der Erdgeschosswohnung. Es gab immer was zu tun. Ich war unterwegs und einmal bereits auf dem Sprung in eine andere Zeit. Doch die Sache mit Casino Express kam mir dazwischen und ich blieb. Und verließ aber doch immer die Erdgeschosswohnung. Gestern hingegen war endlich mal wieder so ein Tag. Einfach in der Wohnung versacken, ohne Rücksicht auf Ermittlungen. Der Zeitplan für die nächsten Wochen ist straff und ich brauchte die Ruhe und die Dunkelheit. Ich rauchte und starrte auf die dunklen Wände. In der Küche wurde der Kaffee langsam kalt, auf dem Plattenteller drehte sich der Mondscheiner und ich machte mir ein paar Notizen, spärlich beleuchtet von einer kleinen Flamme. Und einer sieht Straßen und Namen. Und ich sehe nichts. Außer dem Flackern der Kerze.

Die letzten Wochen waren atemlos, kaum war ich aus den Masuren zurück, war ich wieder mitten drin in den Ermittlungen. Aus dem Unterwasseraquarium hinein in die Realität. Und je mehr ich über das Unterwasseraquarium nachdenke, umso mehr frage ich mich, ob ich überhaupt dort war. Es existieren keine Bilder, keine Tonbandaufnahmen und von Tomasz habe ich seitdem nichts mehr gehört. Und doch weiß ich, dass es wahr war, dass die Geschichten dort unten passiert sind und letztendlich etwas verändert haben. In mir und in Zukunft auch in der Nordstadt. Wir färben ab. Wir sterben ab. An jedem Tag. Einmal mehr und einmal weniger und einmal sind wir nicht mehr da. Erst an einem Ort, dann an mehreren Orten, dann überhaupt nicht mehr und bald auch in den Herzen. Verschwinden. Nicht mehr da sein.

Als Dörte damals ging, schaute ich ihr nach. Sie stand auf, ich sah sie an, sie ging zur Tür. Sie war verschlossen. Wie ihr Herz. Ich stand auf. Öffnete die Tür und sie war weg. Für immer. Eine Nichtigkeit vielleicht, ein falsches Wort, ein paar Sätze zu viel. Sie war getroffen. Von mir. Kurz nachdem wir dort auf dem Balkon saßen und die Platte noch einmal umgedreht hatten. Es war das Ende. Wir sahen uns nicht mehr, und während sie mich vergaß, blieb mein Herz für lange lange Zeit verwundet. Ich brauchte eine Zeit, kam auf die Beine und landete hier. Mit den Schmerzen. Mit den klaffenden Fleischwunden. Mit der Perspektive, die keine mehr war.

Mondscheiner! Moonshiner. Shiner Bock. Ernte 23. In der Küche sitzend, blätterte ich durch die Blätter. Sie waren wie immer voll mit Nichtigkeiten und Streitigkeiten. Die Menschheit geht zugrunde seitdem ich denken kann und sie ging immer schon zugrunde, dachte ich und blätterte von EU-Krise zur Murdoch-Anhörung zum verpassten Sommermärchen und zu der zu dünnen Herzogin. Wir lassen uns fallen und werden fallen gelassen. Wir fangen uns auf und das Fangnetz zerbricht unter unseren Körpern. Wir stürzen. Und landen nie. Es gibt kein Unten und kein Oben, dachte ich beim letzten Flackern der Kerze. Danach. Stille und Dunkelheit. Ich stand auf, tastete mich langsam in Richtung Lichtschalter und von dort in Richtung Tür. Schuhe? Overrated!

Durch die Eingangstür hin zur Haustür. Strahlender Sonnenschein und Kleppo. Weiter, immer weiter. In die Kneipe. Juliane Werding. Flipper. Die Wirtin. Nie wieder Erdgeschosswohnung. Nie wieder – da kommste nur schlecht drauf. Aber die Werding rettet mich: „Schwarze Vögel, roter Himmel, Frau am Meer / riecht an Blumen, aber ihre Hand ist leer / sieht ein Schiff im Sturm versinken / hört Menschen schrein / sie ist nicht verlassen /nur allein“. Es müsste immer Musik da sein. Ich kippe vom Barhocker.

stimmen im wind