Ein besonderer Tag für mich. Mein 100.Geburtstag. Dembowski wird alt, sagt dann auch Redermann und hebt mal wieder ein neues Glas in die Luft. Einige liegen bereits zersplittert auf dem Boden, doch in der Kneipe stört es heute niemanden. Vorfreude auf den ersten Spieltag. Yarik, der jetzt immer häufiger Gast in der Kneipe ist, schmeißt mit Weisheiten, Redermann eben mit Gläsern um sich. Reiser haben wir hier seit der Sache mit Rubbeldikatz nicht mehr gesehen. „Hausverbot“, brüllt die Wirtin mir zu „der hat den Flipper 10x hintereinander auf Tilt gesetzt. Da machste nichts. Und dann immer seine Clüver-Geschichten. Den hat es jetzt auch erwischt. Ich möchte nicht wissen….“ „Wenn wir einen Menschen auf den Mond bringen können, werde ich doch Dein Herz brechen können“, säuselt Yarik derweilen Simone ins Ohr.

Simone ist eigentlich mit Amok gekommen. Sich mal vorstellen. Wo sie doch schon so viel von Redermann und mir gehört hat, sagt sie und Amok ist auch erst bester Dinge. Doch er schaufelt sich dann schnell sein Schnapsgrab und verschwindet auf der Toilette. Freie Bahn für Yarik. Der Nordstadtschreiner ist gut drauf. Heute hat er mal  wieder ein paar Läden auf Vordermann gebracht. Mit echtem Holz, wie er mir vor seinem Flirt mit Simone erklärte. Toll, hatte ich ihm geantwortet und mich ernsthaft gefragt, was Yarik sonst so macht. Aber jetzt hängt er da mit Simone, Amok ist verschwunden, die Wirtin beschäftigt, die Wentraud noch im Kiosk, Reiser hat Hausverbot und Redermann hängt mir wieder in den Ohren.

„Jetzt ohne Soulvan, schau mal, das ist natürlich scheiße, aber Amy ist auch weg und Amy war die Kraft hinter dem Soulvan und jetzt ist Amy weg und der Soulvan auch, aber wir müssen zu den Spielen fahren. Wir müssen dahin, ohne wenn und aber. Hab Yarik schon gefragt, der will seinen Schreinervan nicht geben und die Konstrukteure tun auch nichts mehr raus. Die Regeln müssen eingehalten werden, sagt Piotr und Tomasz ergänzt sogar: Sonst knallt es! Du kannst Dir vorstellen, wie geschockt ich war. Tomasz wurde von cc auf einmal zum Absender. Das macht der nie. Du hast ihn auch getroffen. Die Sache mit dem Soulvan ist ihm wohl nahegegangen. Ob es wegen Amy ist oder wegen dem Van an sich? Wer kann schon behaupten, die Wahrheit dahinter genau zu blicken? Ich definitiv nicht. Immerhin haben wir den Samstag, doch die Grundproblematik bleibt. Wir müssen zu den Spielen…“ „Du MUSST!“ „…fahren und ich habe da jetzt einen Plan. Vor langer Zeit kannte ich mal einen, der immer mit der Bahn fuhr und der fährt immer noch mit der Bahn. Der schwarzen Bahn, wie er sie nennt. Noch hat er mir nicht verraten, was genau „schwarz“ sein soll, aber immerhin fährt er und er kennt sich sogar bestens aus. Von Dortmund nach Freiburg, nur ein Katzensprung mit dem Mob.“ „Redermann, hörst Du Dir manchmal eigentlich auch zu?“ „Was? Wieso? Bin ich der Typ, den ich vor langer Zeit schon kannte, den ich jetzt wiedergetroffen habe? Das habe ich nie behauptet. Dembowski, du magst zwar alt sein, ein Fuchs bist Du noch lange nicht.“

„Noch ne Runde“, rufe ich zur Wirtin, stehe erst einmal auf und lasse die Worte nachklingen. Redermann zündet sich seine Zigarre an. Ich laufe auf und ab. Schaue auf die Jukebox, verachte die Lieder dort und wünsche mir doch mindestens Element Of Crime herbei. Weißes Papier. Yarik wieder, Simone ist bereits wieder weg. Amok auch. Er hat es von der Toilette geschafft. „Manche Dinge werden schwerer, umso mehr wir uns bemühen. Wenn wir uns nicht bemühen – Beispiel: Sommer! – wirds auch nicht besser. Mistsommer. Der Kanal. Nichtmal Algen! Himmel hilf.“ Er zeigt auf mein altes „Enjoying Global Warming Since 1976“, sein Blick wird kalt, seine Faust knallt auf die Theke nieder. „Willst Du mich verarschen? Erderwärmung? Wo denn? Hier nicht! Es ist immer noch ein Sommer kälter!“

Das ist das Problem an der Kneipe. Da will man seinen Geburtstag feiern, tritt jedoch ständig irgendwem auf den Schlips. Ich bin es leid. Redermann schrottet unseren Soulvan, schiebt es auf Piotr. Yarik bricht seinen Flirtversuche ab, schiebt es mein Shirt. Reiser trinkt, schiebt es auf den Schlager. Die Wirtin macht keinen Umsatz, schiebt es auf den Sommer. Die Wentraud wird ausgeraubt, schiebt es auf den Affenmaskenmann. Casino Express und Aki trennen sich, schieben es auf dem Ruhm. Die Bayern werden nicht Meister,schieben es auf die WM. Die Blauen werden nie Meister, schieben es auf Rollo. Schumacher gewinnt keine Rennen mehr, schiebt es auf sein Team. Die Plattenindustrie verkauft keine Platten mehr, schiebt es auf das Internet. Niemand will für irgendwas Verantwortung tragen. Wenn der „Samstag!“ gegen die Wand fährt, trage ich dafür Verantwortung und wenn Redermann den Soulvan schrottet, trage ich dafür Verantwortung. Darüber denkt niemand nach. Am Tisch hat Redermann bereits einen neuen Gesprächspartner gefunden. Vor ihm liegt eine DB-Karte, mit dem Stift zieht er Linien auf dem Netzplan. Ich höre nur WET und verschwinde.

An der Bude steht er wieder. Kleppo. Wahrscheinlich die letze echte Person in meinem Bekanntenkreis, denke ich und stelle mich zu ihm. Doch auch er lamentiert gleich. „Dembowski, Dein T-Shirt ist ein Witz. Ich stehe jetzt hier schon seit langer Zeit und warte auf den Auto-Corso, Du weißt das. Du machst Dich immer drüber lustig. Aber! Ich stehe hier und warte und der Sommer, das kann ich Dir sagen, ist auch nicht da. Alles Propaganda. Dein Shirt auch! Ohne Sommer keine Erderwärmung. Gazprom!“ Ich gehe weiter. Irgendwer normal? Irgendwer auf dieser Welt normal? The Jam. That’s Entertainment. Die 7″ dreht sich jetzt. Irgendwo ist immer Sommer, denke ich und packe meinen Koffer. Wenigstens für ein paar Tage. Bevor es los geht.

soulvan geschrottet und kein sommer. 100 jahre dembowski