Take me out tonight / Where there’s music and there’s people / And they’re young and alive




Von hier konnten sie den Norden sehen. Es war ihre Himmelsrichtung. Kein Licht. Keine Bewegung. Nur kühle Dunkelheit.


Wanderten ihre Augen ein wenig in Richtung Westen sahen sie den Tower des Flughafen Tegels, und die Siemensstadt mit ihren letzten Werken, direkt vor ihnen lag die zweigeteilte Silhouette des Märkischen Viertels, und noch ein wenig weiter in Richtung Osten und noch weiter im Norden erhoben sich die Arkenberge.

Unter ihnen lag der schiffsförmige Bau des Gesundbrunnencenters (Werbung: Gesundbrunnencenter, mehr als ein Center!), an dessen weißen Mauern sich die Abendsonne spiegelte. Und im Herzen ihres Blicks lag die Stephanskirche, Prinzenallee, Ecke Soldiner Straße.

Langsam glitt ein Airbus A321 aus Richtung Hohenschönhausen kommend durch ihre Sicht. Umso größer die Maschinen waren, umso weniger bewegten sie sich in der Luft.

Die Flugzeuge lagen still über den Dächern der Bezirke und verschoben sich minutenlang immer weiter in den Westen, bis sie von den blinkenden Lichtern der Landebahn am Flughafen Tegel geschluckt wurden. Dahinter die Sonne, ein roter Ball, den jemand hinter die Erdkrümmung fallen ließ.

„Das war es! Verdammt, Olic, Du Fußballgott. Nur der HSV!“ sagte Schill, drehte sich um, und rannte die Treppen runter.

Ferundula und Dembowski blieben noch einen Moment. Auf der anderen Plattform sahen sie einige Touristen. 

„Studenten. Sie sind der Anfang. Wir sind das Ende.“

Auch Dembowski ging nun, aber nur wenig Schritte. Dann stürmte Ridley an ihm vorbei. 

„Der Flieger aus Madrid, verdammte Scheiße! Ich muss los.“

Ein paar Tage vorher stand der Ermittler auf einem seiner Streifzüge durch den Kiez an der Ecke Prinzenallee, Badstraße. Die U-Bahn spuckte Pendler aus, die langsam an die Oberfläche krochen und im Schein der Neonlichter ihren Weg gingen. In der letzten Zeit hatten sich einige neue Gesichter unter die Bevölkerung gemischt.

Nicht nur die Afrikaner, nicht nur die Türken, nicht nur die Araber, nicht nur die Deutschen waren nun hier, sondern auch die Rollkoffertouristen, die sich auf die kurze Reise aus Kreuzkölln machten, um das echte Berlin zu erleben. Sie alle waren in Eile. Dembowski saß auf der Mittelinse. Sah den M27er. Sah die abbiegenden Lieferwagen. Sah die Leute im Yahala gebeugt über ihren Hähnchenbergen sitzen. Es war Dembowskis Lieblingsort. Dies war sein Tempo, dies war sein Läum und um ihn herum waren seine Leute.

„Dembo!“

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Dembowski zuckte.

„Schau nicht auf mich!“

Dembowski zuckte erneut. Er sah auf das Wandgemälde vor ihm. Jetzt war alles klar. Die Stimme war schleppend, ein wenig träge.

„Alter, Jerome! Was machst Du denn hier?“

„Boaclan! All our kindness was taken for weakness! Aber wir schlagen zurück. Der Prince ist auch da. Komm mit!“ Jerome rückte sich seine Brille zurecht.

„Die ist so scheiße.“

„Lass mich, Dembo. Ich bin Profi. Komm, wir müssen los.“

Auf dem Weg erzählte Jerome von den Ausrutschern im Pokal, von seinem Trainer, und wie wenig er überhaupt verstand, von dem, was der erzählte. „Manchmal geht es. Manchmal nicht. Die Stimmung ist mies.“

Sie waren jetzt an der Bibliothek. Der Prince wartete.

„Ermittler! Hast Du das mitbekommen? Suspendiert. Was ein Fake! Ich wollte abhauen. Jetzt das. George hat mir von diesem Agenten erzählt. Ich muss  mit ihm reden. Ich will zurück. Hertha, das ist es. Mailand, New York. Das bringt alles nichts. Ich bin müde von all dem Hass. Ich brauch ne Family. Hast meinen Frisörladen gesehen? Undercut! Kein Fake. Für die Familie.“

Die Wurzeln sind fest auf der Straße, die Krone reicht hinein in die höchste Etage

Dembowski zog eine Visitenkarte aus der Tasche. „Hier! Ruf halt an. Der wohnt auf nem Hausboot. Nen ganz kleines Licht!“

„Cool. Danke. Wir müssen.“

Aus der Ferne klangen die Beats. George war im Affenkäfig.

„Du kriegst mich nicht hier raus, ich bin hier zuhaus! Gewachsen auf Beton. Guck die Wurzeln sind fest auf der Straße, die Krone reicht hinein in die höchste Etage. Gewachsen auf Beton!“
Boaclan, Dembowski verstand.

„Ey, Jerome! Wasn eigentlich mit Dir? Auch Hertha?“

Aber sie hörten ihn nicht mehr.

Freitag, am Vorabend der Entscheidung. Die Vorhänge des Soldiner Ecks glänzten im letzten Kneipenlicht. Sie waren mit einer fein säuberlichen Nikotinschicht überzogen.


Dembowski stand an der Jukebox. Back to black.
„We only said goodbye with words. I died a hundred times. You go back to her, and I go back to black.“

Alle waren sie da.

„Klub der 27er. Kenn ich!“ schrie Marko.

Hagenberg-Scholz analysierte, Ferundula telefonierte, am Tresen saß Marko, drehte noch eine Zigarette, bestellte noch ein Schultheiss. Niemand sprach. Es war der letzte Tag.  Vor der Veränderung. Das wussten sie. 

„Ein Punkt, den werden wir schon holen! Den werden wir uns schon holen. Wirklich. Dardai macht das.“

„Alter, Marko! Hör auf zu heulen. Was soll Schill denn denken?“

Der Wirt schwieg. Suchte Justin, doch der Analyst war weiter in seine Daten vertieft. Der Fußball war  lange noch nicht vermessen.

Über den Bildschirm flackerten die Nachrichten. Der IS machte wieder Boden gut, der Bundestag besprach Gesetze mit wohlklingenden Namen, und, da sie unter Freunden waren, verschwiegen sie weiterhin das, was verschwiegen werden musste. Polizisten prügelten. Im Land brannten weiter Flüchtlingsheime. Einzelfälle. Blatter hat keine Gegner mehr. Die Lokführer hatten ihren Streik beendet.  

„Ich ertrag das nicht mehr. Wohin Du schaust Weltuntergang. Schlechte Gedanken, negative Gedanken. Das ist alles, was sie von uns wollen. Sie halten uns unzufrieden, damit wir kaufen. Sie machen uns Angst, damit wir uns absichern. Sie hetzen uns gegeneinander auf, damit wir nicht denken!“ Schill war wütend.

„Ey, wusstest Ihr, dass es im Osten keine Hunde gab?“

Marko, ein Alt-Rocker, dessen schüttere, graue Haare nicht mehr auf seine Vergangenheit hinwiesen, war seit einiger Zeit Teil der Soldiner Crew. Er war eines Tages einfach bei Schill reingestolpert, und saß seitdem am Tresen rum.

Erst schwieg er.

Dann, nach einigen Bieren, öffnete sich seine Welt.

Dann sprach er.

Immer.

Er war Berliner. Echter Berliner. „Aus Charlottenburg! Aber das ist der Wedding! Hier sind die Rocker!“ wie er bei seinem ersten Besuch angedeutet hatte.

Es war nicht ganz klar, ob Marko wirklich wusste, wo er war.

Aber er war da, und mit ihm seine Geschichten von der Route 66, vom Mauerfall, und langen Nächten vor 3 SAT. 

„Ich habe sie alle aufgenommen. Alle. Alles auf VHS! 214 Kassetten. Jetzt reißen mir die Leute, die aus den Händen. 500€ für ein Lady Gaga-Konzert. Frühe 90er. Vor 30 Jahren.“

Vorschuss gefällig? Ferundula war nicht mehr nur auf sein Hausboot angewiesen.

Die Geschichten unterhielten Schill, der nervös hinter der Bar saß, mal dies und mal das säuberte. Dembowski drückte Stairway To Heaven rein. Er wusste, dass es keinen langen Weg mehr geben würde, es keine Möglichkeit gab, die Straßen zu wechseln. Sie steuerten direkt auf den letzten Spieltag zu. Alles würde enden.


„No time to change the road your on“, sang er und gesellte sich zu Ferundula, der sein Gespräch beendet hatte.
„Was is los? Deals am Start, Ferundula?“

“Das war der Prince! Hertha! Ich? Ich! Der hat vor ein paar Tagen angerufen. Jetzt: Jeden Tag. Der Typ ist kein Fake! Der will das.”

Der Agent strahlte. Die Geschäfte liefen passabel.

„Wasn das fürne Idee? Wie soll das gehen? Hertha? Der Prince? Du?“

„Hertha, dit wärs. Alle kommen sie zurück. Erst der Prince, dann der Jerome. Die Alte von dem ist komplett durchgeknallt. Die haben hier gedreht gehabt. Diese Woche. Affenkäfig. Boaclan. Danach hat Jerome Lewandowski umgehauen. Erstmal aber einen Punkt in Hoffenheim. Das schaffen wir.“
„All our kindness was taken for weakness!” sagte Dembowski.

„Sach ma, Ferundula, ist das draußen eigentlich Deine Karre?”

„Vorschuss für den Hertha-Deal! Wenn ich nur den Preetz….“

 Dembowski aber hörte ihm nicht mehr zu. Seine Gedanken kreisten um die Klopp-Jahre, um die Kehl-Jahre. Das Ende, das für Klopp mit einem schallenden Lachen begonnen hatte, war nicht mehr nur absehbar, es war gekommen. Nie wieder Vollgas, nie wieder schauen, was dabei rauskommt. Dembowski hatte es gewusst. Bei der Kagawa-Verpflichtung.

Nix würde gut werden. Sie hatte es ihm nicht geglaubt, nicht glauben wollen. Aber es war so gekommen, weil es nicht anders kommen konnte. Der BVB war an seine Grenzen gestoßen. Er hatte sich im Kampf mit unbezwingbaren Gegner aufgerieben, schon in dem Moment, in dem sie den Kampf angenommen hatten. Sie wollten den Dortmunder Weg gehen, und hatten ihn ja tatsächlich bis zu Ende beschritten. Der Weg, das hatten sie und vielleicht auch eine Versicherung so gewollt, ging weiter. Bis in den April. Alles war vorbei.  Aber Dembowski würde stark bleiben. Einmal Vollgas, einmal Borsigplatz, und dann Tucheltime!

 Dembowski nicht allein. Die Vermessung des Fußballs, klar, die hatte Priorität, doch jetzt drehte sich bei Hagenberg-Scholz alles nur um den letzten Spieltag, um die letzte Möglichkeit zur Datenerhebung vorm nahenden Ende der Saison. Er würde mit zwei Sky Go-Accounts auflaufen. Anders würde es nicht gehen. Nicht hier.

Etliche Entscheidungen waren bereits gefallen, jetzt ging es nur noch um den Kellerkampf, und natürlich um den großen Abschied für Klopp, für Kehl. Den Einzug in die Europa League. Schill hatte sich zu Justin gesetzt. Am Tresen besprachen Dembowski und Ferundula den Hertha-Deal, Marko trank.

„Schill, ich muss Dir mal was zeigen. Es wird Dir nicht gefallen.“

Nach einigem Wischen hatte Hagenberg-Scholz die Grafik gefunden, Schill beugte sich über ihn.

 „Der HSV wird ohne Van der Vaart deutlich schlechter aufspielen, schließlich hat sein möglicher Ersatz Diaz einen wesentlich geringeren GoalImpact, Schill.“

Schill sah ihn kopfschüttelnd an. Seine Augenbrauen zuckten.

Justin war in Gefahr. Das spürte er. Hauke würde ihn attackieren. Nur eine Frage der Zeit.

„Don’t shoot the messenger, Hauke! Just don’t!“

Schill schwieg. Hagenberg-Scholzs Stuhl wackelte bedenklich. „Nicht schon wieder der Tretimpact!“ dachte Justin.

 „Schill, halt die Ohren steif, der Diaz oder du, einer wird abkippen. Nicht ich!“

Schill schwieg lange. 

„Gekonnt aus der Affäre gezogen, Hagenberg-Scholz.“

Er ging zurück an die Bar. Justin atmete auf. Jetzt war er sich sicher. Dembowski war die Ruhe selbst. Vor so einem Finale.

„Da sitzt er, dieser widerliche Fußballromantiker. Jetzt steht er. Sich seiner Sache sicher. Er wird es noch zu spüren bekommen. Er wird sein Fett noch wegbekommen“, dachte Justin, und war sich bald schon nicht mehr sicher, ob er nicht doch geredet hatte. Er blickte zum Ermittler. Aber der war weiter in sein Gespräch vertieft.

Für Hagenberg-Scholz war klar, dass BVB morgen straucheln würden. Weiche Faktoren wie die lähmenden Verabschiedungen von Klopp und Kehl, für die er sich nur in Ausnahmefällen überhaupt interessierte, denn sie hatten, das war sein fester Glaube, auf die Berechnung des Fußballs keinen Einfluss, wurden durch eine erschreckende Datenlage zu einer großen Gefahr für den BVB.
Nicht nur die Rückkehr von Weidenfeller sprach gegen einen Dortmunder Sieg, aber sie war, das dachte Hagenberg-Scholz, sicher ein Hauptgrund für das anstehende Scheitern.

„Ein Foul in Strafraumnähe, ein Freistoß von Junozovic, der bekanntlich 8 von 10 Freistößen verwertet und alles wird wie ein Kartenhaus zusammenbrechen“, dachte er.

Eine Niederlage, und die letzte Ausfahrt Pokalfinale würde zugleich zu einem Schicksalspiels für den Verein. Aber wie sollte in Berlin ein Sieg gegen statistisch übermächtige, zudem durchaus sympathische Wolfsburg gelingen?

„Wasn los, Justin?“

Hagenberg-Scholz hatte Dembowski nicht bemerkt. Er biss sich auf die Lippen. „Bloß nichts sagen, bloß nichts sagen“, dachte er. Er beließ Dembowski in seinem Glauben.

„Das wird schon, Dembo!“

„So sieht es aus. Fische putzen! Europa erobern. Tucheltime!“

Aber die Datenlage, das wusste Hagenberg-Scholz, sprach gegen die Borussia, sprach gegen Feldzüge. Alles war vorbei. Er sah es in seinen Tabellen. „Schill, bringste mir noch ein Chai-Latte?“
Ein Fehler!
Mit vier Mann stürmten Schill, Ferundula, Marko und der Ermittler auf ihn los. Es war zu spät. Tretimpact 201. Bisheriger Höchstwert.

„Diese Idioten!“ schrie Hagenberg-Scholz, und rannte um sein Leben. „Ihr werdet schon sehen! Das werde ich twittern! Shitstorm! 12.439 Follower!“

„Wasn dieses Twitter? Der arme Kerl. Kann nicht ma richtig saufen. Macht ihr das immer?“

„Marko. Twitter ist das neue Petzen. Und Hagenberg-Scholz will es so. Frag ihn das nächste Mal nach Hertha. Dann hast Du den ersten Tritt. Und den Shitstorm. Der hat erst diese Woche Barbara Eggert von der Westfalenpost abgeschossen. Starke Leistung. Ein echter Radfahrer!“

Langsam klang der Abend aus. Marko erzählte, und war bald allein. Der große Tag der Entscheidung. Der härteste Abstiegskampf aller Zeiten. Die Abschiede von Klopp, von Kehl; auch von Hamburg?
Auf den Stufen zu seiner Wohnung brach Dembowski zusammen. Koi, Koi, Koi. Er hatte ihn vergessen. Ging es ihm gut? Dörte, genervt, sagte ja. Es war spät. Die Arbeit auf der Lamafarm war kein Vergnügen. Sie legte wieder auf.

Spieltag. Endlich.

Das Soldiner Eck füllte sich. Schill begrüßte seine Gäste per Handschlag. Er trug seinen alten HSV Joe-Bademantel.  

„Wieso nur, Schill, wieso nur?“

„Joe hat uns Olic gebracht. Deswegen.“
„Hoffentlich steigt ihr ab. Unerträglich!“

Hagenberg-Scholz saß bei seinem Equipment. Ferundula und Marko an der Bar. Aber Dembowski setzte sich zu Justin. Heute waren sie alle Dortmunder. Die sieben Jahre Klopp, die 13 Jahre Kehl. Die Meisterschaften, der Fußball, der wilde Ritt, die Verluste, der Kampf, der letzte Tabellenplatz.
Im Dezember 2014, im Moment des freien Falls, hatte Klopp gesprochen. Abseits der großen Öffentlichkeit. Eher für sich.

„Krisen gehören im Fußball dazu, um den Erfolg wertzuschätzen. Wer auf die Geschichte zurückblickt, stellt fest, dass es das Schönste ist, sich rauszuarbeiten, wenn einen alle schon in Sack und Asche gehauen haben – später sagt man dann, wisst ihr noch, wie wir daraus eine geile Geschichte gemacht haben.“

Das hatte Klopp gesagt, und jetzt, später, wenn man sagen konnte „wisst ihr noch“ und jetzt, da alles vorbei war, saßen sie 500 Kilometer entfernt. Das Westfalenstadion kam ohne sie aus, Klopp und Kehl kamen ohne sie aus. Sie waren einfach nicht. Auf die transportierten Bilder angewiesen. Fernsehsport Fußball. Sie brauchten sich.
 Es war zu viel Geschichte, es war zu viel passiert. Niemand konnte das alleine ertragen, dann stumpfte er ab. Fußball waren nicht 22 Menschen und jubelnde Menschen auf einem Bildschirm, Fußball waren die Begegnungen davor, Fußball war die Luft im Stadion, Fußball war laut, Fußball war größer als jede Fernsehkamera ihn jemals einfangen könnte, aber doch waren Hagenberg-Scholz und Dembowski darauf angewiesen.

Schill zeigte Konferenz.

Die Dortmunder schauten Borussia.

Sie waren fern ihrer Heimat.

Die Choreographie, die Gesänge, auch die frühen Tore. Sie sahen es durch einen verpixelten SkyGo-Schleier. So ging es vorbei. Es waren nicht ihre Momente. Sie waren zu weit weg. Sie konnten es nicht fühlen.

Zur Halbzeit erspielte sich der BVB ein 3:1. Kagawa, natürlich und ausgerechnet Kagawa, der das Ende eingeleitet hatte, ohne es zu wollen, traf und spielte wie 2012. Mkhitaryan hatte auf Autopilot geschaltet, und navigierte, Reus, Aubameyang. Das war alles stark. Sogar Weidenfeller konnte ungestraft Neuer sein.

Hertha lag zurück. Aber das war egal. Dazu liefen die Resulate zu sehr für sie. Marko erzählte ein paar Witze. Von China, einer Mauer. Und einem Lachen. Ferundula war am Telefon.
Schill saß still. Hamburg konnte nichts zeigen. Aber zur Halbzeit war alles offen. Freiburg lag zurück. Stuttgart hing in Paderborn mit einem 1:1 fest. Alles würde gut werden.

„Olic holt uns raus“, sagte Schill zu Dembowski, der in der Halbzeit jetzt auch einmal auf die Konferenz schaute.

„Sonst was passiert?“

„Nix. Freiburg verkackt es halt.“

Olic traf. Schalke blieb Schalke. Ein zusammengewürfelter Haufen ohne Willen, ohne Interesse an einer gemeinsamen Zukunft. Sie waren seit Anfang der Saison in der Zigarettenpause, und besprachen ihre Ausstiegsklauseln. Auch deswegen gelang Rajkovic schnell das 2:0. Hamburg konnte jetzt nur warten. Schill war ruhig. Als Stuttgart traf, und dann Hannover, war es ohnehin klar. Das große Finale plätscherte dahin. Klar: Freiburg traf noch einmal, aber das war es.

Der größte Abstiegskampf aller Zeiten endete mit den Absteigern Paderborn und Freiburg. Am Ende siegte immer die Bank. Streich war den Tränen nahe. Klopp und Kehl weinten. Im Westfalenstadion lief Jukebox-Musik. Hagenberg-Scholz und Dembowski lagen sich in den Armen. Von der großen Leinwand im Stadion sprach Klopp ein letztes Mal zu seinem Volk: „Alles wird gut!“ sagte er. Es war ein späte Antwort.

Ferundula bekam davon nichts mit.

„Sami, der große Sami! Auch Hertha, sagt der Prince. Ich muss den später abholen. Flughafen. Komm wir fahren zum Humboldthain! Feiern!“

Schill schnappte sich ein paar Kisten Bier, an der Curry Baude am Gesundbrunnen organisierten sie sich noch ein paar Currypommes mit Majo. Dann hoch auf 61 Meter. Das Saisonende. Bier, Flieger, Sonennuntergang, Humboldthain.

Sie standen still. Hagenberg-Scholz, Dembowski, Schill, Ferundula. Es war ihre Saison. Es war die Saison des gefahrlosen Scheiterns. Die Heimat war weit, so weit entfernt. Und sie zogen mit dem Bier auf den Bunker. Sie waren Freunde, aber sie gingen ihre Wege. Hagenberg-Scholz an seinen Computer, Schill in seine Kneipe, Ferundula an seinen Job. Nur für den Ermittler war alles vorbei.

Er war jetzt ganz allein. Die Hände auf dem Rücken verschränkend spazierte der Ermittler die Serpentine hinunter. Manchmal erblickt er zwischen Bäumen einen Menschenauflauf auf einer der großen Wiesen des Humboldthains. Noch war das Licht des letzten Tages der Saison nicht ganz verschwunden, noch tickte auch die Uhr im Volksparkstadion. Dembowski nahm die letzten Stufen, vermied den Umweg über den Rosengarten. Immer mehr Menschen rannten in die Mitte der Liegewiese. Sie alle blickten zur Rundbogenpergola, die oberhalb der Wiese thronte.

Dembowskis Blick wanderte langsam, ganz langsam den Hang hoch und sah, was den Menschenauflauf hervorgerufen hatte: 

Dörte!

Sie saß auf einem Lama. Sie trug einen großen, durchsichtigen Rucksack und hielt in der einen Hand eine Borussia Dortmund-Fahne und ihre andere Hand klammerte sich um ein Megaphon. Sie sah Dembowski nicht, und ritt los.

„Wer muss das bezahlen? Nicht nur in Westfalen! Der ki-ka-kleine Mann muss an seinen Geldbeutel ran, aber ob er sich das leisten kann? Europapokal, Europapokal, Europapokal, Europapokal!“
Dembowski rannte los.

Als Dörte ihn sah, kurz bevor sie den Menschenauflauf am Ende des Hanges erreichte, sprang sie vom Lama, und rannte in seine Richtung. Auf dem Rücken einer großer, durchsichtiger Rucksack.  

Und im Rucksack: Koi!

„Ich habe gelogen. Er hat Dich vermisst! Alles wird gut!“

Koi huschte ein Lächeln über seine Lippen.

„Sommerpause“, sagte Dörte.

„Pokalfinale“, Dembowski.

Sie waren jetzt am Ende des Humboldthains. Sie saßen auf dem Lama. Dörte vorne, der Rucksack mit dem strahlenden Koi, ganz hinten Dembowski. Noch ein Schluck Bier, die BVB-Fahne wehte im Abendwind. Sie ritten in den Sonnenuntergang.

In einer Gastrolle: Der große Mucki spricht Hagenberg-Scholz

sonnenuntergang, humboldthain