Immer wenn Redermann mir von seiner ersten Meisterschaft erzählte, ging es auch um das Spiel in Köln. Aus Gründen, die manche als ziemlich dummen Zufall und andere aber auch als unfähige Reiseplanungen bezeichnet hatten, verpasste er den 6-1 Erfolg im alten Müngersdorfer Stadion. Auch ich hatte das Spiel verpasst, zumindest hatte ich es nicht live im Stadion gesehen, aber ich hatte nicht mit meiner Anwesenheit gerechnet. 

Redermann hingegen war auch Jahre später untröstlich. Immer wenn es nach Köln ging, nahm er sich vor, jetzt endlich Revanche für das verpasste Spiel zu nehmen. Es wollte ihm nie gelingen. Wir gewannen die Spiele, verloren nur einmal durch ein Lottner-Tor, aber nie kam es zu einer Wiederholung des 94er 6-1.

„Nehm ich halt wieder einen neuen Anlauf!“, erzählte mir Redermann am Telefon. Er war dem Stau ausgewichen, hatte die Bahn genommen, war rechtzeitig im Stadion. Für den Exilanten Dembowski, also mich, hieß es wieder: Durch die Stadt nach Kreuzberg. Vorher nahm ich mir noch ein wenig Zeit für einen Spaziergang vom Potsdamer Platz zum Halleschen Tor. An der Topographie des Terrors saßen Touristengruppen mit Bierflaschen, kurz hinter dem Mahnmal donnerten Trabis an mir vorbei und in all der Zeit nahm ich kaum ein hochdeutsches Wort war. 

Diesen Teil der Stadt hatte ich bislang vernachlässigt, und schaute ich mich hier um, wußte ich nun auch wieder, warum ich das getan hatte. Am Checkpoint Charlie fühlte ich mich wie im Disneyland. Von der Tribünen winkten sie mir mit ihren Burgern zu, ein Laienschauspieler schrie Befehle in Richtung Osten. Vor ihm hatten sich die Kameras aufgebaut.

Am Ende der Friedrichstraße war Berlin dann wieder klassisch. Hierhin verirrten sich keine Touristen. Hier waren die Berliner unter sich. Sie saßen auf der Großbaustelle Mehringplatz, tranken Kaffee, verzehrten ein paar Döner und fuhren mit dem Skateboard an mir vorbei. Während ich so durch die Stadt lief, die Menschen beobachtete ,dachte ich wenig an das anstehende Spiel. 

Ich war beruhigt. Diese Mannschaft, das hatte ich schon weit vorher gedacht, würde sich auch in Köln von ihrer besten Seite zeigen. Sie war lange nicht mehr so jung und unerfahren, wie noch in der vergangenen Saison, in der sie den monströsen Punktevorsprung zwar nicht herschenkte, sich aber durchaus vom Trash-Talk der Verfolger und Medien hatte beeinflußen lassen. Sie waren die Ruhe selbst, somit hatte auch ich kein Grund nervös zu sein.

Als das Spiel los ging, mangelte es unserer Offensive noch an Präzision. Die Bälle segelten durch den Strafraum, fanden an der Eckfahne keinen Abnehmer. Doch auch als Novakovic einen harmlosen Kopfball über Weidenfeller ins Tor bugsierte, kam keine Unruhe auf. Nicht bei mir, und nicht bei den anderen Leuten in der Kneipe. Wir waren auf unserem Weg und dieser beinhaltete eben manchmal auch ein Gegentor.

Dass dieses Gegentor die Befreiung sein sollte, konnte man in dieser Form dann doch nicht so voraussehen. Service durch Sicherheit war die Ankündigung des Kölner Polizeisprechers. Eine Ankündigung, die Borussia dann wahr machte. Erst fanden sie die Sicherheit in den Standards zurück und spielten sich danach in einen Rausch. Wie Kagawa erst das 2-1 unter die Latte zimmerte und dann mit Polonia Dortmund die folgenden Tore in Angriff nahm, beeindruckte sogar mich, den kaltherzigen Ermittler. 

Beim 6-1 dachte ich sofort an Redermann. Jetzt hatte er seine Revanche. Jetzt war alles auf Anfang und sein Trauma überwunden. Borussia war wieder in der Spur. Sie hatten die absurde Krise überwunden. Die erste Krise, die als schlechtestes Resultat ein Unentschieden bei den in letzter Zeit mit allen Mitteln um den Klassenerhalt kämpfenden Augsburgern vorwies.

Das Spiel war aus. Borussia hatte Köln mit 6-1 abgefertigt und ein schneller Blick auf die Tabelle zeigte: Bereits sieben Spiele vor Schluß hatten wir unser großes Saisonziel erreicht. Wir würden die Saison mindestens auf Platz 4 beenden, hatten aber alle Zeit der Welt in den nächsten Spielen Stück für Stück eine bessere Platzierung zu zementieren. 

Für die wutschnaufenden und aufopferungsvoll stichelnden Verfolger musste dies ein Schock zur rechten Zeit sein. Auf dem Weg nach Hause blätterte ich durch die Tabellen. Wir hatten in der Rückrunde bislang 8 Punkte mehr als die zweite Mannschaft geholt, dabei 4 Tore aufgeholt und bewegten uns bereits jetzt im Klopp-Schnitt der ersten Jahre und wären, hätten wir nur die Rückrunde gespielt, immer noch über dem Strich. Nach 27 Spieltagen sah es damit weiterhin ganz gut aus.

Wie immer setzte ich mich an den Computer, überlegte mir ein paar populistische Parolen und schrieb dann den Kommentar.

Siege wie diese! (berlin / 25.03.2012) Siege wie diese, hatten sie gesagt. Siegen wie diese, sind die Nadelstiche, die das Rennen entscheiden werden. Ihre Penetranz, in der sie ihre Absurditäten vortrugen, nervte mittlerweile. Siege wie diese und wenn wir in Dortmund gewinnen. Siege wie diese, wenn die anderen Mannschaft für uns spielen und wenn wir in Dortmund gewinnen. Siege wie diese, sind die Nadelstiche. Herr Hoeneß, glauben Sie noch an Ihre Worte?

Der natürliche Meister aller Jahre war gegen Hannover auf Normalmaß gestutzt worden. Der Titelverteidiger deutete gegen Köln seine Klasse an. Ein weiteres Versprechen auf die Zukunft. Wir machen trotzdem weiter mit den Siegen, hatten sie sich in der Kabine geschworen und hatten trotzdem weiter gemacht. Die Nadelstiche der Bayern verfingen sich in dem dicken Meisterbrett der Dortmunder. Und Shinji Kagawa war die Dachlatte, die die kleinwüchsigen Bayern nie erreichen würden. Siege wie diese, liebe Bayern, waren die Antwort auf eine in Dortmund nie gestellte Frage. Diese lautet: Wer wird Deutscher Meister? Die Fans auf dem Müngersdorfer Friedhof wussten es längst: BVB Borussia! (dembowski / DerSamstag!)

siege wie diese – das 6-1 in köln