Doch diesmal war da kein Aquarium. An den Wänden hingen alte Pin-Up-Kalender. Auf dem Tisch lagen Lidl- und Netto-Prospekte. In einer Ecke standen zwei Computer. Die Decke fiel mir auf den Kopf. In einem weiteren Raum hatte Piotr einen Fitnessraum eingerichtet, und dahinter befand sich eine Schlafstätte.  Mehr war da nicht. 
Piotr trug einen Trainingsanzug aus Ballonseide, rauchte Kette und reichte mir ein Bier. Immerhin hatte er den Kühlschrank mit Kronen gefüllt. Aus den Lautsprechern brüllte Black sein Wonderful Life. Ich trank. Auf den Schock. Diesmal im Frühling. Wieder unter der Erde. And no way to contact Dörte, meine Liebe! Ob sie sich überhaupt erinnern würde. 
In erster Linie, so erklärte es mir Piotr, würde ich mich um die verschwundene MH370 und Brodski kümmern, aber das, so schob er gleich nach, sei eigentlich nur ein allzu vorgeschobener Grund, um ihn nicht nach einiger Zeit zu durchschauen. 
„An diesem Ort entspringt die Dunkelheit, an diesem Ort ist es so hell, dass Du das Licht nicht mehr erkennen wirst. Es wird Dir wie die vollkommene, die perfekte Dunkelheit erscheinen. Doch aus diesem Schwarz, mein lieber Freund, entsteht alles Licht. Aus diesem Schwarz speist sich die Welt. Seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden.“ 
Mit Piotrs esoterischem Mist hatte ich noch nie etwas anfangen können, und es gelang mir immer noch nicht. Wie es mir gelingen sollte Flug MH370 zu finden, was das mit Uli Hoeneß zu tun hatte und wieso ich mich darauf überhaupt einlassen sollte, das erklärte mir der windige Konstrukteur auch auf Nachfrage nicht. 
„Du wirst das schon sehen. Aber bis dahin, Dembowski, all right and good night“, sprach Piotr und verschwand durch die Tür. 
Die Wochen vergingen. Hoeneß erhielt sein Urteil, der BVB stolperte durch die Liga, kassierte fünf Tore in zwei Champions League-Spielen, Bayern wurde Meister, die Ukraine zerbrach und über Syrien sprach niemand  mehr. Draußen trugen die Bäume wieder Blätter. Der Flug blieb verschwunden. Und ich im Keller. 
Ich schlief im Keller, ich aß im Keller und ich trank im Keller. In all der Zeit sah ich keinen anderen Menschen. Die, die ich sah, waren durch den Computerbildschirm von mir getrennt. Manchmal ging ich meine alten Aufzeichnungen durch. Damals im Unterwasseraquarium, und noch davor, als ich aus einem langen Alptraum aufwachte. Als der BVB Meister wurde und als es zur Wachablösung kam. 
Ich war älter geworden, und mit mir hatte sich die Zeit verändert. Ich sah Reiser, und wie er sich in Warschau noch einmal aufgebäumt hatte. Doch Lewandowski war gewechselt, und Reiser tot. Ich sah Kamke und Peters. Und das Blut an meinen Händen. Ich erinnerte mich an Redermann und Amok. Sie alle hatte ich verlassen. Es gab Dembowksi. Es gab Dörte. Es gab die Lamafarm. Doch sowohl Dörte als auch die Lamafarm gab es nicht mehr. Zumindest nicht hier. Ich trank Kronen, und starrte auf den Bildschirm. Klickte mich durch ein search.grid. Brodski war Russe, ein Sibirer und Sporttaucher. Auf den wenigen Bildern, die es von ihm gab, blickte er zufrieden in die Welt. Er trug eine rote Baseball-Kappe. 
Oleg Chustrak stammte aus der Ukraine, verdingte sich als Techniker auf Schiffen im fernen Osten. Sergei Deineka stammte aus der Ukraine, über ihn fand sich noch weniger. Es gab zahlreiche Theorien und wenige Anhaltspunkte. Unzählige Länder zogen ihre Flotten zusammen. Und fanden nichts. Ich klickte mich durch ein search.grid. Und fand nichts. Hatte Brodski für die Konstrukteure gearbeitet? War er der Mann hinter den Unterwasseraquarien? Und was spielte das für eine Rolle? 
Der BVB drehte das Spiel gegen Wolfsburg. Es ging wieder aufwärts. Doch ich war mittlerweile zu aufgeschwemmt, zu unrasiert und von den Namen, den Theorie und den Unglücken zu abgelenkt, um dem Sport überhaupt noch eine Bedeutung beizumessen. Ich sah nichts mehr. Um mich herum war es dunkel. Ich fand keinen Ausweg mehr, war im Spinnennetz Piotrs gefangen.  Ich begann auf Mario Götzes Facebookseite Kommentare zu lesen. Mitunter kommentierte ich auch. Es war hoffnungslos. Einmal schmiss ich den Dollinator an. 
„Wir stehen in der Viererkette jetzt schon wieder sehr gut, wir haben eine Ordnung drin. Jetzt arbeiten wir an der Spieleröffnung und am Toreschießen.“ 
Er lag wie immer nahe an der Wahrheit. Und war wie schon lange Vergangenheit. Noch einmal sah ich Doll mit dem Porsche aus der Tiefgarage preschen. Danach hatte ich ihn nie wieder gesehen. Er hatte mir zum Abschied eine Rose aus dem Auto geworfen. Die, hatte ich damals gedacht, würde er nicht mehr brauchen. Ich erfühlte die getrockneten Blätter in meiner Geldbörse. 
„Sie nennen Dich Seuchenvogel!“ Piotr stürmte in den Raum. „Sie denken, dass Du es bist. Dabei bist Du nur eine Simulation. Auf Autopilot.“
Piotr trug ein weißes Shirt mit roter „Zugteilung Hamm“-Aufschrift, dazu Badelatschen und seine alte Ballonseidentrainingsanzugshose, die dereinst vielleicht einmal grün gewesen war. Das aber schien langer her. Die Ballonseidentrainingsanzugshosenbundkordel war ausgefranst, und sicher schon das eine oder andere Mal in seinem Mund gewesen.

Aber nicht die Kordel machte mir Sorgen, sondern vielmehr der Gedanke daran, dass ich auf Autopilot draußen gewesen war. Denn das war nicht der Fall. Hoffte ich zumindest. Um mich herum lagen die leeren Bierflaschen, die 1.000 gerauchten Kippen und die Hoffnungslosigkeit der Pizzaschachteln, die Piotr mir Tag ein, Tag aus vor die Tür gestellt hatte.

Piotr war aufgeregt. Es war Anfang April, Dortmund nach großem Kampf gegen Madrid ausgeschieden,  dafür aber Bayern besiegt. „Die Spieler sind keine Roboter“,  hatte Sammer ungewohnt sachlich kommentiert. Und die Maschine war immer noch nicht aufgetaucht. Dachte ich.

Noch vor wenigen Minuten hatte ich mich über das search.grid geklickt und die neusten Meldungen über die verschwundene Blackbox in mich aufgesogen. Irgendwo vor Perth sollte sie liegen, berichteten die einschlägigen Medien und auch die Verschwörungstheoretiker waren längst weitergezogen.

„Ich muss mich korrigieren“, lachte Piotr. „Sie nannten Dich Seuchenvogel. Dann hast Du Ihnen wieder Hoffnung gegeben. Wie Du das gemacht hast, obwohl Du hier warst? Ganz einfach. Du hast Deine Gedanken gesteuert, wir haben Deine Gedanken übertragen. Hat Dich jemals jemand gesehen? Nein! Sie haben es nur geglaubt, dabei warst Du die ganze Zeit hier und hast wie ein Verrückter nach Brodski gesucht. Du hast geklickt, Du hast gelesen, Du hast nie eine Pause eingelegt. Nicht einmal bei den Spielen. Du hast Dich Deiner Aufgabe gewidmet. Und dabei doch immer wieder an die Borussia gedacht. Die wirst Du nicht los, die wirst Du niemals los. Denn der Verein ist in Dir. Der Verein wird immer in Dir bleiben. Und das hast Du bewiesen. Und so hast Du ein Wunder geschaffen.“

Mir wurde bei der Aufeinanderreihung der Sätze, vor allen Dingen jedoch bei der Verknüpfung dieser Sätze schwindelig. Mit welcher sprachlichen Wucht mir Piotr meine Gedankenleistung der letzten Wochen um die Ohren schlug, beeindruckte mich zutiefst. Ich musste auf seine Ballonseidentrainingsanzugshose blicken. Mein Blick wanderte hoch, an seinem Shirt vorbei, direkt an seine Lippen, aus denen eine Tüte hing. Er zog genüsslich. „Guter Stoff, den haben wir uns verdient. Hier roll Dir auch eine!“ Er schmiss mir einen Beutel Gras rüber.

Ich schmiss ihm den Beutel Gras zurück. „Bleib bei Kronen. Und du?“ Er zog an seiner Tüte. Er erzählte mir vom #bvbmiracle. Und wie es sich entwickelt hatte. „Du hast es vor Wolfsburg nicht denken wollen, und hast es doch gemacht. Du hast es dann gedacht und hast es in die Menschen getragen. Die haben es zu den Spielern getragen und diese waren wieder da. Auf einmal. Jojic, Kirch, Friedrich. Kennst Du die überhaupt?“

Piotr blieb ein Idiot. Aber die Technik, die ihn umgab verblüffte mich immer wieder.

Er knallte mir zwei Bilder auf den Tisch.

„Kennst Du den noch?“

„Ja, das ist Ilkay. Einmal am Bahnhof in Dortmund und einmal, warte, und einmal…..Das kann nicht wahr sein!“

„Ist es aber.“

Ich war lange genug in diesem Keller unter der Kolonie, um zu wissen, wer da neben Ilkay stand.

„Nikolai Brodski!“

Piotr sprach den Namen beiläufig aus. Ein wenig Nachdruck mochte ihn seiner Stimme gewesen sein. Aber es schien völlig normal.

„Wie zum Teufel?“

„Nick Brody. Sagt Dir das was?“

„Homeland. CIA. Iran!”

“Und woher stammten die illegalen Passagiere?”

„Iran“

„Genau. Ein Höllenritt. Er hat noch eingecheckt, ist dann jedoch Richtung Russland. Malaysia. Da kannst Du Dir da alles kaufen. Die Bayern waren Brodski auf der Spur. Wollten ihn abwerben. Aber er gehört zu uns.“

„Aber wieso die Krim? Geht es noch bescheuerter?“

„Ich erkläre es Dir, Dembowski!“

Von Moskau hatte sich Brodski auf den Weg Richtung Krim gemacht. Piotr hatte die Verbindung hergestellt. Ein Militärkrankenhaus am Hafen von Jewpatorija. Mit Zugang zum Schwarzen Meer. Ein neues Tauchverfahren zur Heilung von Rückenleiden. Ein wenig Strahlung. „A pocket full of kryptonite“, wie Piotr augenzwinkernd anmerkte. In wenigen Tagen. So wie sich Brody von seiner Gefangenschaft erholte hatte, so sollte sich Gündogan erholen. Es war ihm gelungen.

„Noch zwei, drei Wochen. Wahrscheinlich aber noch am Ostermontag, der Symbolwirkung wegen wird Ilkay verlängern. Und dann ist das #bvbmiracle komplett. Guter Job, Dembowski!“

Ich machte mir ein Bier auf, ging die Treppen hoch. Auf der Koloniestraße spielten sie Fußball. Das Pokalspiel gegen Wolfsburg stand an. Es war Teil des Wunders.

sie nannten ihn seuchenvogel, II – das militärkrankenhaus