die kugelbahn komplett

WINOWSKI

Winowski verstand die Welt nicht mehr. Jetzt hatte ihn Dembowski wieder für ein paar Kronen nach oben geschickt. Aber es gab keine Kronen. Nicht hier, nicht im Berliner Norden. Nicht im Wedding. Winowski ging trotzdem wieder die wenigen Stufen nach oben.

„Sind Sie gerade mit diesem Typen reingekommen?“

Der, der ihn das fragte, sah verloren aus. Deswegen ignorierte Winowski ihn. Er war nicht hier, um Fragen zu beantworten. Er war hier, um Dembowski zu beschützen. Da konnte er keine Fragen zu Dembowski beantworten.

DER RABE

Siehst Du den Raben? Kar, Kar. Wie er auf dem Geländer sitzt und sich in einem unbemerkten Moment in die Kugelbahn begibt. Dort sitzt er nun über dem Kamin, der noch keine Wärme von sich gibt. Siehst Du den Raben? Kar, Kar. Der seinen Blick durch den Barraum schweifen lässt. Dort sitzt er nun über dem Kamin, der noch keine Wärme von sich gibt. Siehst Du den Raben? Kar, Kar. Er hat Winowski und Berg fest im Blick. Siehst Du den Raben? Er ist bereit.

PETERS

Kamke war dann doch noch mit einer Nummer rausgekommen. Dem König von Deutschland. Den hatte er immer im Kopf.

Und bevor sich der Saal füllte ging Peters den Text durch. Er mochte ihn, wenngleich ihm der Ansatz prätentiös erschien. Er interessierte ich nicht für Ribery. Er interessierte sich nicht für Kanzler, Kaiser oder Könige. Zwar mochte er Rio Reiser, und beim Klang des Namens Reiser fragte er sich, was mit diesem Boulevard-Schreiber geworden war, der Jens mit vornahmen hieß und im Sommer auf einmal nicht mehr über Fußball geschrieben hatte, ja, überhaupt nicht mehr geschrieben hatte. Seit dem Sommer.

Als er den langhaarigen, angetrunkenen Mitdreißiger die Treppe runterkommen sah, schob er ein paar Stühle zur Seite und bemühte sich zum Einlaß. Noch war der Raum spärlich gefüllt, noch brauchte er jeden Gast und mit Dembowski wollte er sich den Tourabschluß nicht verscherzen.

Peters war den ganzen Weg aus dem Westen angereist. Um Kamke zu treffen, um mit ihm den Tourabschluß zu feiern. Jetzt ging es darum, den Tourabschluß so erträglich wie möglich zu gestalten. Berlin, Kugelbahn. Das war die Realität. Berlin, Volksbühne. Das war der Traum.

Er strich sich noch einmal über seinen Oberlippenbart, organisierte den Einlaß für Dembowski, dessen Dankbarkeit sich in argen Grenzen hielt. Was ein Arsch, dachte Peters. Typisch Boulevard. Aber sie brauchten diesen Menschen, mussten sich mit ihnen gemein machen, um den langen Weg von der Kugelbahn in die Volksbühne gehen zu können. Ja, einen Schritt weiter ins Babylon würden sie auch noch gehen. Doch hier waren Kamke und er. Gefangen im Keller eines Plattenbaus. Direkt an der alten Zonengrenze.

Immerhin hatten sie ein Klavier. Und als er da so stand, Dembowski sich einen Platz gesucht hatte, sein Begleiter mit zwei schweren Humpen und einer Karikatur von Mensch in den sich jetzt schnell füllenden Raum trat, blickte er auf Kamke, der auf der Bühne immer verlorener, immer einsamer wirkte. Kamke zitterte.

DER RABE

Und wenn er fliegt, dann durch die Einsamkeit. Und manchmal fliegt er zu zweit, doch es ist ein Stürzen in die Einsamkeit. Durch die Höhlen in den Höhlen. Durch die Türen hinter den Türen hinter den Türen. Und wenn er fliegt, dann durch die Einsamkeit. Und wenn er spricht, dann in fremden Sprachen, die nur er sich ausgedacht. Mit Stimmen hinter den Stimmen. Und wenn er fliegt, dann durch die Einsamkeit. Zu den Übergängen hintern den Übergängen. Und wenn er Grenzen überwindet, so hat er sie sich selbst geschaffen. Und wenn er stürzt aus den höchsten Höhen der Höhlen hinter den Höhen. Und wenn er spricht mit in fremden Sprachen und wenn er fliegt, dann durch die Einsamkeit. Und wenn er das Licht sieht, dann wirft er die Schatten. Und wenn er wacht, dann sieht er das Leiden. Und wenn er leidet, dann fliegt er allein. Und manchmal fliegt er zu zweit, doch es ist ein Stürzen in die Einsamkeit. Durch die Höhlen in den Höhlen. Durch die Türen hinter den Türen hinter den Türen. Und wenn er ein Licht sieht, ist er der Schatten. Und wenn sie ihn rufen, antwortet er niemals mehr.

DEMBOWSKI

Kamke sah gut aus. Er stand auf der Bühne und ich saß in der dritten Reihe, beobachtete seine Bewegungen und fragte mich, wo Winowski mit dem Bier blieb. Manchmal blickte ich mich um, sah den, der sich als Peters vorgestellt hatte, in meine Richtung und an mir vorbeiblicken. Der Raum füllte sich. Ich war wohlig betrunken. Die unbestimmte Angst, die sich mit Winowskis Eintreffen über mich gelegt hatte, verschwand. Ich sah klar. Die Geräusche verschwammen. Und ich sah klarer, als ich jemals zuvor gesehen hatte. Die Irrwege der letzten Monate. Die verschlungenen Pfade, die mein Leben genommen hatte.

Ich teilte das Leben auf. In Gut und in Böse. Der Raum füllte sich. Und ich teilte das Leben auf. In Leben und Sterben. Ich teilte die Menschen auf. In Gute und in Schweine. Ich bemerkte Winowski nicht, als er sich zu mir setzte. Ich bemerkte Berg nicht, als er sich in die Reihe hinter mir setzte.

KAMKE

Endlich konnte es losgehen. Er fand, dass er gut vorbereitet war. Seine Unterlagen mochten in Luckenwalde geblieben sein. Seine Erinnerungen, darüber freute Kamke sich, nicht. Kamke dachte das Leben in Zeilen. Wenn Kamke etwas sah, wurden aus den Bildern Zeilen, die sich in seinen Kopf einbrannte. Das schmerzte manchmal, doch meist war er dankbar für diese seltene Gabe. Die hatte ihn hierhergebracht und Peters hatte es ihm erklärt. Über die Kugelbahn würden sie irgendwann in die Volksbühne gelangen. Er hoffte bald, und fürchtete nie. Er zitterte, und sah, wie Peters ihn beobachtete. Ein schwacher Moment. Mehr nicht. Ausverkauft. Am Ende einer schlechten Woche. Hinter der milchigen Scheibe die Kegel. Er zitterte und sah, wie Dembowski, das musste er sein, sein Bier ansetzte und merkte nicht, wie das Licht ausging. Ein Raunen. Peters am Klavier. Das war Kamkes Platz. Peters verstand. Und stand auf. Peters stand jetzt im Halbschatten. Und Kamke saß in der Dunkelheit. Doch er konnte die weißen von den schwarzen Tasten unterscheiden. Nicht jetzt. Aber schnell. Applaus und Peters, im Profil!, begann: „Jedes Jahr im August, beim Expertenstreit. Denk ich so bei mir, es wär mal Zeit.“ Jetzt herrschte vollkommene Stille. Er blickte durch den Raum und bemerkte den Raben am Treppenabsatz warten.

showdown in der kugelbahn, teil VII – der keller