DEMBOWSKI

Winowski war schon ein übler Geselle, dachte ich, noch während ich zu Boden ging. Als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte, damals ganz tief unten im Unterwasseraquarium in Swinemünde, in das nach uns niemand mehr ging, war ein noch ein akzeptabler Zeitgenosse. Ja, er hatte mich sogar auf die richtige Spur gebracht, dachte ich mich jetzt vor Schmerzen krümmend. Über mir versammelte sich eine interessierte Menschenmasse.
Doch ich nahm sie war und dachte an die Frage, die mein Leben auf den Kopf gestellt hatte. „Was ist mit am Morski Oko mit Dörte passiert?“ Und wieder sah ich Dörte aus meinem Leben laufen, über die Bergkuppe entschwinden. Für immer, wie ich ja noch im Unterwasseraquarium gedacht hatte. 
Damals hatte ich mit dem Trinken begonnen. Damals war ich auf der Spitze, dann der lange Weg hinab. Bis ins Unterwasseraquarium. Bis der breitbeinige, breitschultigere Typ, wie man sagte, in mein Leben tauchte, und mich mit dieser Frage, zurück ins Leben, ja bald sogar zurück zu Dörte, und, das musste ich ihm zugestehen, auch auf die Lamafarm brachte. 
Änderte nichts daran, dass Winowski ein übler Zeitgenosse war. Sonst hätte er nicht Reiser umgenietet, sonst hätte er sich in den letzten Wochen zumindest etwas mehr gepflegt. Er war kaum anzuschauen, so sehr schien in die Warschauer Geschichte mitgenommen zu haben. 
Ich stand auf, die Menschentraube löste sich auf, ohne dass sie nur ein Wort gesprochen, ohne dass sie mir nur eine Hand gereicht hätte. Winowski grinste dämlich, schlug mir nun auf die Schulter und streckte mir mit der anderen Hand ein Bier entgegen. „Hab ich gerade gekauft. Du warst ja für einen Moment unpässlich“, freute er sich. 
„Und was ist jetzt mit der Gefahr?“ 
„Ich wollte…also ich wollte….einfach nur mal wieder ein Bier mit Dir trinken, wollte ich“
„Aha!“ Dem Gesellen nahm ich nichts ab. Überhaupt nichts. Aber wieso war ich in Gefahr? Ich nahm einen großen Schluck.
„Und was ist jetzt mit der Gefahr?“, fragte ich noch einmal, doch Winowski war längst auf der Straße und stoppte den Verkehr. „Jetzt komm“, brüllte er auf der Bornholmer stehend. 
Ich blieb stehen und trank noch ein Schluck. Ich überlegte. Winowski kam unter den üblen Beschimpfungen der Autofahrer langsam zurückgetrottet. Ich verschwand im Laden, kaufte noch zwei Bier für den Weg. 
Wir spazierten durch die Kleingärten. Hier, so hieß es, hatte Kaminer seine Laube, aus der er mal mehr und meist weniger humorvoll über die deutschen Eigenheiten schrieb. Überhaupt kein Humor hatte ich. Noch nie gehabt und schon gar nicht, wenn mich jemand so begrüßte. 
Ich schwieg den ganzen Weg über, was Winowksi gelegen kam und mir auch, konnte ich doch über die Gefahr nachdenken, die von irgendwem ausging. Wohlmöglich Winowski, dachte ich, verwarf diesen Gedanken jedoch schnell.
Vielleicht hängt diese Gefahr mit dieser Postkarte zusammen, schoss es mir durch den Kopf. Vor ein paar Tagen hatte ich eine Karte aus dem Briefkasten gefischt, sie dann aber wieder vergessen. Gündogan, Santana, Götze auf einer Yacht. Eine billige s/w-Kopie. Auf grünem Plastik hatte jemand TIRED OF ALL THIS HATIN drübergedruckt. Mehr nicht. Es war nicht mehr passiert. Aber jetzt war ich in Gefahr und was sonst hätte diese Gefahr schon sein können. 
„Lass ma Kugelbahn gehen“, sagte ich zu Winowski, während ich aus dem Augenwinkel einen Raben beobachte, der anstatt über die Bahngleise direkt durch den S-Bahn-Tunnel, der Berlin dereinst getrennt, flog. Winwoski sagte, dass das eine gute Idee sei. 
Mit dem Berater war alles geklärt, Reiser war Winowskis Problem. Es musste die Postkarte sein. In der Kugelbahn erlaubte ich mir den alten Spaß und bestellte ein Kronen. „Sorry, mate, no Kronen.“ „Sorry, mate, no Kronen“, äffte ich die Thekenfrau nach. Das machte ich immer. “Kein Kronen, was ein Scheißladen!”, brüllte ich hinterher und die Thekenfrau lachte. 
Ich bestellte mir dann „einen dicken Humpen“ und trank einen großen Schluck. Vor dem Fenster hockte schon wieder ein dämlicher Rabe. „Nimmermehr, nimmermehr!“ brüllte ich in seine Richtung, doch der Rabe schaute nur stumm und bewegte sich nicht.
Im Keller las Heinz „Hornby“ Kamke aus „Fünf Zeilen, die der Fußball schrieb“. Das freute mich, Fußball war immer gut. Das ärgerte mich. „Nicht mal den Baade können die hier auf die Bühne stellen.“ 
„2x Gästeliste – Der Ermittler und sein Begleiter“
„Sie stehen hier nicht drauf! Wie war noch einmal….“ 
„Lass Dembowski durch, das geht in Ordnung“, mischte sich ein Typ ein, der offensichtlich noch mitten im Movember steckte. Er stellte sich als Peters vor und erklärte mir, dass Kamke das Programm ein wenig neu arrangiert habe. 
„Solange Du zahlst, ist doch alles in Ordnung“, sagte ich, schickte Winowski für eine neue Runde Kronen nach oben und nahm Platz. Der Raum war gut gefüllt, Kamke trat auf die Bühne, Peters setzte sich ans Klavier und die Show konnte beginnen.
showdown in der kugelbahn, teil VI – tired of all this hatin, schon wieder