FRANK BERG

Der Mann blickte auf die Straße, fuhr sich durch die kurzen Haare, richtete seinen Scheitel. Aufgewachsen in der ostwestfälischen Provinz. Aus gutem Haus. Sein Vater an der Universität Paderborn, die Mutter Lehrerin in Höxter. Mit 15 die Scheidung. Der Mann blieb bei der Mutter. Abitur. Aufbruch in die weite Welt. Zivildienst in Köln. Krankenhaus. Das Nachtleben. Die erste Freundin mit 20. Nach zwei Jahren trennten sie sich.
Berg kannte seine Geschichte mittlerweile auswendig. Immer wieder hatte er sie aufgesagt, er glaubte an seine Geschichte, an seine Kölner Jahre. An die Studentenzeit, an die neue Chance im NRW-Innenministerium, Abteilung Verfassungsschutz. Ja, er glaubt sogar an Bayer Leverkusen. 
Er blickte wieder auf die Straße, strich sich noch einmal durch seine Haare. Es war jetzt bereits weit nach 20 Uhr, und im Gegensatz zu den letzten, ereignislosen Stunden fuhren die Bahnen wieder. Doch Dembowski war nicht in der ersten Bahn, er war nicht in der zweiten Bahn und er war auch nicht in der dritten, der vierten und der fünften Bahn, die in Abstand von wenigen Minuten kurz hinter der Currywurstbude zu stehen kamen. 
Die ersten paar Jahre in Düsseldorf waren verhältnismäßig ruhig verlaufen, aber seit den Fußballkriegen – und er war Leverkusen-Fan, er war Fußballexperte – war es mit der Ruhe vorbei gewesen. Irgendwann hatten sie in nach Dortmund abkommandiert. Die Hochburg der Rechten, hatte er gedacht und den Auftrag verstanden. Doch Dortmund war komplizierter. Es gab nicht nur die Rechten, es gab auch die aktiven Fangruppen, die dem Innenministerium zu viel und zu falsche Fanpolitik betrieben. 
Am Ende, hatten sie ihm immer wieder gesagt, sind wir alle arbeitslos. Wir brauchen Erfolge. Wenn es keine Erfolge gibt, hatten sie ihm gesagt, sind wir alle arbeitslos und deswegen brauchen wir Erfolge. Erst hatte Berg sich noch gefragt, was mit Erfolgen genau gemeint sein könnte. Nach einiger Zeit hatte er es verstanden. Gab es keine Erfolge, schaffte man sich diese Erfolge, in dem man für ein gesundes Maß an Unruhe sorgte. 
Da kam das Ruhrgebiet gerade recht. Die Rivalität der beiden größten Vereine hatte längst das gesunde Maß überschritten, und sorgte seit langer Zeit schon, für ein gesundes Maß an Unruhe. Das galt es nun, mit gezielten Aktionen zu befeuern. Mal ein Plakat hier, mal eine Fahnenklau da. Wie sonst, hatten sie Berg gefragt, sollte den sonst das Gelbe Wand-Banner von der Südtribüne verschwinden. Und auch das hatte Berg verstanden. 
Beide Seiten, hatte Berg nach einigen Wochen festgestellt, waren an den maßgeblichen Stellen schon fest in der Hand vertrauenswürdiger Personen. Ein Konzept, dass sich an anderen Stellen, wie Berg sich gedacht hatte, bereits bewährt hatte. 
Als sich der Zeiger langsam auf 20.30 Uhr zubewegte, gab Berg auf. Dembowski würde nicht mehr aus der Tram steigen. Zwar konnte Berg sich nicht vorstellen, dass der Ermittler von der Sache Wind bekommen hatten, doch würde er hier nicht mehr aussteigen. Berg holte sich noch ein Vittel aus der Tankstelle, lief über die Kreuzung, die nun wieder frei von Papierschnipseln, die vom Verkehr in alle Himmelsrichtungen getragen wurden, war. Er hielt sich auf der linken Seite. Vielleicht würde er Dembowski in seiner Wohnung antreffen. Dort wäre der Zugriff erschwert, doch er würde es schon hinbekommen. Irgendwie. 

Und er sagt: Was ist das für ’ne Szene? Sie teilen die ganzen Leute auf in Gute und in Schweine. Ja und sie sprechen diese ganze 70er Jahre Sprache. Und er sagt: Nein danke, aber ich will nicht wieder zurück.

Vor der Weinhandlung hatte sich eine Menschentraube versammelt. Drinnen, erzählte man ihm, gab es Live-Musik. Könnte ich mir auch anschauen, für einen Moment zumindest, dachte sich Berg und ging hinein. 

Und sie sagt: Das ist alles gar nicht wahr. Du bildest Dir das alles nur ein. Ja mir ist letztens schon sowas an Dir aufgefallen. Ja ich glaub Du bist neidisch, weil Du nicht so richtig dazugehörst

Er stand jetzt direkt neben der Bühne, die im Keller der Weinhandlung lag. „Wahnsee“, stand auf einem Bild hinter den alternden Musikern. Jemand hatte ihm ein Bier in die Hand gedrückt. Er hörte der Band zu, die ihre besten Zeiten schon lange hinter sich hatte. Der Text gefiel ihm. 

Und er sagt: Schau Dir doch nur diese Typen an, ich weiss alles was sie interessiert ist Koks und ihre Frisuren. Und komm mir nicht mit diesen Verschwörungstheorien. Er sagt: Ich war da vor langer, langer Zeit.

Er schaute sich um, sah die Blicke auf sich gerichtet. Hatten sie ihn erkannt? Wofür stand er in ihren Augen? Wussten sie von seinem Auftrag? Wussten sie von seinen Taten? Der Keller war stickig, die feuchte Luft kroch durch seinen Körper. Er musste festhalten, doch da war nichts. Er griff in die Leere, zitterte, stürzte beinahe, hielt sich nur auf den Beinen, in dem er sich gegen die Wand fallen ließ. 

Und sie sagt: das ist alles gar nicht wahr Du bildest Dir das alles nur ein. Ja mir ist letztens schon sowas an Dir aufgefallen. Ja ich glaub Du bist neidisch, weil Du nicht so richtig dazu gehörst.

Erinnerst Du Dich, fragte er sich. Erinnerst Du Dich wirklich? Er rannte die Holztreppe hoch. Auf einmal wieder klar. Sie hatten ihm gesagt, wenn Du einmal fällst, fällst Du für eine lange, lange Zeit und er hatte nicht sterben wollen, er hatte leben wollen. Und deswegen hatte er den Job angenommen und deswegen hatte er Dembowski angeheuert. 
Doch Dembowski hatte nicht geliefert. Darüber hinaus war er frech geworden. Die Sache mit Reiser interessiert ihn nicht. Aber das er sich in den letzten Wochen klar gegen ihn positioniert, mit den Fangruppierungen nicht nur auf den ersten Blick gemeinsam Sache machte, darauf war er spätestens nach der als „geheim“ deklarierten Presseerklärung zum Bremen-Spiel gekommen. Nicht vorher. Nach dieser Veröffentlichung aber hatte Dembowski eine Grenze überschritten. 
Der Bremen-Einsatz, der im Vorfeld mit der größten Notwendigkeit von ganz oben hatte durchgedrückt werden sollen, musste abgesagt werden. Und so waren sie auf einem PR-Trümmerhaufen sitzengeblieben, den Wendt mit seinen „Spielplatz“-Vergleichen zwar ein wenig stabilisieren, aber eben nicht zur Seite hatte wischen können. 
Berg rannte jetzt die Soldiner entlang. Stromschläge wie Blitze schossen durch seinen Kopf, der sich immer wieder zusammenzog, der nicht mehr aufhörte, von Stromschlägen zerschossen zu werden. Er rannte an einem Pornoladen vorbei, an einer Bäckerei, vor dessen Tür immer noch zahlreiche Leute saßen und Tee tranken, ein weiter Zugang zu einem Friedhof – das musste Dembowskis Friedhof sein! – öffnete sich, doch Berg rannte und rannte. Und stoppte erst am Ende der Straße. 
Als er nach links blickte, sah er Dembowski mit einer weiteren Person, die Treppen zu einer hellbeleuchteten Kneipe hochsteigen.
showdown in der kugelbahn, teil IV – alles, weil du nicht so richtig dazugehörst