Kamke fluchte. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Überhaupt nicht.
Als die Anfrage kam, erschien alles irgendwie stimmig. Seine „Fünf Zeilen, die der Fußball schrieb“ waren in all den Jahren an so vielen Stellen, von so vielen, ihm zum Großteil nicht einmal vom Hörensagen bekannten, Menschen gelobt und manchmal sogar – wenn die Zeit und der Verstand es zuließ – sogar gewürdigt worden.

Da erschien es Kamke nur logisch, dass er dem Angebot zustimmte, und, obwohl es nicht viel Geld, aber wer, hatte sich Kamke gefragt, noch bevor er auf das Angebot, und zwar ohne weitere Nachfrage, ja ohne weitere Verhandlungen, einging, bekam für seine Leidenschaft, seine Weltflucht schon mehr als nur ein spärliches Honorar. Auf diese Frage hatte Kamke keine Antwort gefunden. Und so hatte er sich, zu unbedarft, musste er jetzt feststellen, auf seine erste Tour begeben. 

Das Heimspiel im Laboratorium war noch ein kleiner Erfolg gewesen, doch fortan, war die Tour, seine erste Tour – und seine letzte Tour, wie Kamke immerfort gedacht hatte, den Bach runtergegangen. 
Am Dienstag kamen spärliche 12 Leute ins Fatal nach Landau. Mittwochs war er nach Blaubeuren ins „Zum fröhlichen Nix“ gebucht worden, doch strich Kamke sofort das „fröhlich“, als der Veranstalter ihm von der großen Konkurrenz im benachbarten Ulm erzählte. Im Roxy, hatte Kamke hören müssen, werde zu den rockigen Klängen von Imaginary War das große Fest der Wilken Unternehmsgruppe begangen. 
Da war Kamke bereits 300km gefahren und hatte vor insgesamt 17 zahlenden Leute gelesen. Wenn er auf der Bühne sprach, fragte er sich, zu wem er überhaupt sprach, und wofür er überhaupt sprach. 
„Igor Belanow, Šuker, Xavier // Martín Vázquez, Sorín, JPP. // Maniche und Petit. // Raúl (Blasphemie?). // Jari Litmanen, Ballack, Pelé.“ (kamke, fünf zeilen, XXX)
Seine „Fünf Zeilen“ waren nur fünf Zeilen – manchmal auch 10, doch dazu kam er nicht – und es fiel ihm nicht leicht, die Zeit mit fünf Zeilen zu füllen, nur um am Ende des Abends auf einer alten Matratze im Veranstalterbüro zu nächtigen, nicht ohne vorher noch einmal vom Veranstalter auf die wirklich übermächtige Konkurrenz hingewiesen worden zu sein. „Aber“, hatte der Veranstalter gesagt „es war trotzdem ein Highlight für uns hier in Blaubeuren“. Dann hatte der Veranstalter ihm 20 Euro in die Hand gedrückt. 
Am Donnerstag hatte er in rund fünf Stunden die rund 600km an den südlichen Stadtrand Berlins zurückgelegt. Die Wunderbar Luckenwalde war, so hatte es sein Booker erklärt, das Aufwärmprogramm für den großen Tourabschluß in Berlin. An der Bar lehnend, jetzt doch einmal ein Bier trinkend, blickte er auf das bisherige Programm dieses verlassenen Ortes im Berliner Speckgürtel. 
„Tiere streicheln Menschen – eine granatenstarke Actionlesung mit Martin „Gotti“ Gottschild & Sven van Thom“ war dort für den 04.09.2013 eingetragen. Direkt danach „Fünf Zeilen, die der Fußball schrieb, mit Heinz „Hornby“ Kamke“. Das war er. Aber ohne Hornby. Wieder kamen ein paar versprengte Seelen, die, bis auf vielleicht drei Leute, die Bar schon vor der Zeit verließen. 
„Kasalo (auch wenn’s nicht so war). // Helmut W. (Tor des Monats, sogar!) // Skurril: Jürgen Pahl. // Michi Ballack: fatal? // Wahre Tragik? Andrés Escobar.“ (kamke, fünf zeilen, XXVII)
Hatte Kamke gedichtet und vorgetragen. Und niemand hatte zugehört. 900 km für 70 Leute (mit Stuttgart! Dem Heimspiel). Am Freitag war er so früh wie möglich nach Berlin gefahren. Die Kugelbahn befand sich auf der falschen Seite der Mauer, direkt am Bahnhof Bornholmer Straße. Am Ende einer ins Nichts führenden Kopfsteinpflasterstraße. Dort angekommen, hatten sie ihn sofort in den Keller geschickt. Es gefiel ihm hier. Am anderen Ende des Raums konnte er auf der Bühne stehend das Ende einer alten Kegelbahn sehen. Der Raum war bestuhlt. Und er hatte ein gutes Gefühl. Zum ersten Mal. 
Bald darauf hatte Peters den Raum betreten und sich ans Klavier gesetzt. Hier würden sie zum ersten Mal den „König von Deutschland“ geben. Der krönende Abschluss der Tour. Er war wieder nach oben gegangen, und hatte sich mit Peters am Kamin niedergelassen. Noch einmal waren sie den Text durchgegangen und hatten dabei nicht den schwarzen Raben bemerkt, der sich vor der Tür zum Hof niedergelassen hatte und seinen Blick starr auf das konzentrierte Duo gerichtet hatte. Kamke hatte noch einmal in seinen Unterlagen geblättert, um mit Peters auch noch einmal seine Texte durchzugehen. Doch die Texte hatte er in Luckenwalde vergessen. 
Kamke fluchte. So hatte er sich den Tourabschluss nicht vorgestellt. Überhaupt nicht. Doch jetzt konnte er nichts mehr daran ändern. Es war 20 Uhr, in wenigen Minuten würden die ersten Gäste eintreffen. Um 21.30 Uhr war Showtime. Noch aber liefen die Charlatans. 
Hey country boy // Hey country boy // What are you sad about // Everyday you make the sun come out // Even in the pouring rain // I’ll come to see you // And I’ll save you, I’ll save you
showdown in der kugelbahn, teil III – fünf zeilen, die niemand hört