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WINOWSKI

Nachts sah Winowski das zerplatzende Gesicht Reisers. Tagsüber sah Winowski die letzten Augenblicke im Leben der Reporterlegende. Nichts hatte sich geändert. In den letzten Wochen hatte Winowski nichts mehr gesehen. Nichts mehr gesehen außer das Gesicht Reisers, das zerplatzende Gesicht und den letzten Augenschlag.
Wenn er schlief, schlief er nicht, sondern träumte von Reiser. Wenn er wach war, war er nicht wach, sondern sah die verschwommenen Bilder. Erst das zerplatzende Gesicht, dann den letzten Augenschlag. Nie erst den Augenschlag und dann das Gesicht, nie so wie es wirklich geschehen war.
In seinen wenigen klaren Momenten saß Winowski in einem Büro am Schönhauser Tor. Von dort überblickte er die Torstraße, sah den Berliner Verlag und dahinter den Alexanderplatz mit Hotel und Fernsehturm. Nachdem er in Polen alle Spuren verwischt hatte, war er hier gelandet. In der Schaltzentrale der Konstrukteure, die seit langer Zeit mit allergrößtem Interesse die Entwicklungen in den Schaltzentralen Nordrhein-Westfalens verfolgten.
Erst darüber waren sie dann, als Abfallprodukt ihrer Recherche, auf die Lewandowski-Akte gestoßen. Dembowski hatte es gefreut, aber für ihn, Semjon Winowski, 120kg schwer, war es harte Arbeit gewesen. Monatelang hatte er sich auf Anweisung von Piotr im Millenium-House in Warschau verdingen müssen und monatelang war nichts passiert, bis dann eben doch etwas passiert war und er, so musste er sich eingestehen, ein wenig vorschnell gehandelt hatte.

Danach hatte ihn Piotr aus der Schußlinie genommen. Seine Stadt, seine Welt bestand aus dem untersten Abschnitt der Schönhauser Allee. Dort fühlte er sich sicher, wenngleich er einige Male beim Überqueren der hier abschüssigen, kurvenreichen, zweispurigen Schönhauser in Gefahr geraten war. Doch immer hatte er im letzten Moment ausweichen, und somit auch sein Leben retten können. Von der 8mm-Bar bis zur Ecke Torstraße. Mehr traute er sich nicht zu. Mehr traute auch Piotr, der ihm eine Wohnung im Hinterhof der Agentur verschaffte hatte, nicht zu.
Seine Schlaflosigkeit und seine Ängste dämpfte Winowksi mit den Bieren, die er allabendlich in der 8mm-Bar trank. Hin und wieder fand er den DJ ganz okay, doch immer war er von den Rock’n’Roll-Hipstern genervt, die hier einkehrten, um das „wahre Berlin“ zu finden, wie Winowski angewidert vor sich hersprach, während er einem Clash-Konzert auf der Leinwand zuschaute. Über die Lautsprecher dröhnten die Savages, der Geschmack der Saison, der ihn wieder das zerplatzende Gesicht, den letzten Augenschlag sehen ließ.
Nur wenn der DJ die neue No Age auflegte, die weit entfernt davon war der Geschmack der Saison zu werden, konnte er für einen Moment, diesen kleinen Moment, den er jeden Tag suchte und so selten fand, das Gesicht, den Augenschlag vergessen.
Als er wieder einmal tagsüber in seinem Büro saß und sich fragte, was in den anderen Büros eigentlich genau gemacht wurde, und wozu die Scheinheiligkeit des Publikumverkehrs aufrecht erhalten wurde, platzte Piotr von einer seiner Reisen in Winowskis Tagtraum.
„Dieser Berg macht mir Sorgen“, sagte Piotr. „Der hat den Ermittler wieder ins Visier genommen. Und diesmal wird er nicht so einfach davonkommen.“
Winowski hatte Dembowski ein paar Mal über die Überwachungskameras im Büroraum der D.D. GmbH gesehen. Manchmal machte Dembowski nichts, manchmal öffnete er sich schon gegen Mittag eine Flasche Kronen und wenig später noch eine Flasche Kronen. Einmal hatte Dembowski sich stundenlang ein Lama-Video angeschaut und dabei Tränen gelacht. Doch meist saß der Ermittler betrübt in seinem Büro und machte nichts.
Winowski konnte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand Dembowski für irgendetwas drankriegen könnte und auch nicht, dass dies jemand machen wollte.
Piotr erzählte noch einmal die Geschichte von Berg und wie er mit Dembowski unter dem Vorwand der Informationsbeschaffung Kontakt aufgenommen hatte. Winowski verstand es trotzdem nicht. Er verstand zwar die Worte V-Mann, Nazis, Innenministerium, Düsseldorf, gerade Düsseldorf verstand er, aber er konnte sie nicht in einen Zusammenhang bringen.
Aber die Sache war dringlich. „Reiß Dich zusammen, Winowski! Du hast lange genug geruht.“ Winowskis Auftrag war einfach. Dembowski noch vor der Osloer Straße abfangen, und unbedingt bereits kurz hinter der Bornholmer rechts in Richtung Kugelbahn abbiegen.
Dort war für den Abend eine Lesung angekündigt. „Aber das ist nicht weiter interessant. Berg vermutet Dembowski an der Ecke Prinzenallee. Geht einfach zur Lesung und schüttet Euch zu. Hinter gibt es noch Musik. Du machst das schon und denk dran. Sag Dembowski nichts davon, sag ihm nur, dass Du mal wieder einen heben möchtest. Schau Dich, er wird es Dir auf der Stelle glauben. Sag Dembowski überhaupt nichts. Betrinkt Euch einfach und pass auf ihn auf.“
Piotr hatte dafür gesorgt, dass die Linien in Richtung Virchow-Klinkum für ein paar Stunden nicht fuhren und so blieb Winowski noch ein wenig Zeit mit der U2 zur Schönhauser und dann am Viadukt entlang in Richtung Bornholmer zu eilen. Den schwarzen Raben, der ihn ein kleines Stück des Weges begleitete und dann Höhe Paul-Robeson-Straße Richtung Westen abschwenkte, bemerkte Winowski nicht.
Als der den Spätkauf fast erreicht hatte, sah er den Ermittler gerade in Richtung Tram laufen. Winowski rannte und rammte Dembowski seine Faust in die Rippen. „Dembowski, Du bist in Gefahr“, strahlte er. Der Ermittler schaute ihn entgeistert an.
showdown in der kugelbahn, teil II – der schläfer