BERG

Von der Tankstelle aus betrachtet, lag eine merkwürdige Ruhe über der Osloer Straße. Seit einigen Minuten bereits war keine Tram aus dem Westen und keine Tram aus dem Norden über die Kreuzung an der Prinzenallee gefahren.

Noch einmal setzte er die Flasche an und nahm einen weiteren Schluck. An der Currywurstbude in der Mitte der Osloer Straße gingen die letzten Würste des Tages über die Theke. Seit einiger Zeit nun war sein Blick auf diesen Punkt fixiert. Doch ohne Tram würde hier nichts mehr passieren. Sein Blick wanderte die Prinzenallee runter in Richtung U-Bahn. Es war vielleicht 20 Uhr, aber die Prinzenallee wurde, es war immerhin Anfang September geworden, bereits von den Straßenlaternen ausgeleuchtet.

Er hasste die Menschen, die aus den Gemüseläden kamen. Er hasste die Menschen, die, unfähig ihr eigenes Essen zu bereiten, in die Dönerbuden einkehrten. Er hasste die abgehalferten Trinker, die sich mühsam, kaum noch klaren Gedankens, aus der Eckkneipe in die Abenddämmerung schoben. Er verachtete, die, die ihre letzten Habseligkeiten veräußerten, nur um es durch den nächsten Tag zu schaffen. Er bemühte sich, den Hass und all die Verachtung zu unterdrücken.

Eine Frau, vielleicht Anfang 20, schob sich mit ihrem Kinderwagen an ihm vorbei. Ein brüllendes Kind, eine Zigarette, ein Typ – mit Sicherheit nicht der Vater! – mit einer Kanne Kindl in der Hand. Noch ein Schluck, noch einmal das Gefühl des kalten, klaren Wassers aus seiner Vittel-Flasche, die er zu seinem eigenen Erstaunen, in der hintersten Ecke der Tankstelle hatte entdecken können. Er bildete sich ein, sich allein durch dieses Wasser unsichtbar zu machen.

Niemand trank hier Wasser. Entweder Bier, oder – sollte es ein anderes Getränk sein – eine Cola aus dem Discounter gegenüber. 1.5l Zucker mit Geschmack. Dazu ein fettiger Döner. Eine Zigarette. Er hasste diese Gegend der Stadt. Er hasste diese Stadt, die ihren Schmutz nur notdürftig mit den Bio-Wochenmärkten und Soja Latte-Trinkern in den ehemaligen Ostbezirken kaschieren konnte. Er wäre lieber nicht hierhergekommen.

Jetzt war die nächste Tram aus dem Osten, jetzt war die nächste Tram aus dem Westen bereits seit über einer halben Stunde überfällig. Die Ampelanlage war zu allem Überfluss ausgefallen, was die aus Richtung Moabit kommenden Busse jedoch nicht davon abhielt, ohne zu Halten über die Kreuzung zu rauschen.

Auf der Soldiner Seite entledigte sich ein älterer Herr seiner Habseligkeiten, stand im Straßenlaternenlicht halbnackt auf den Tram-Gleisen und brüllte unverständliche Beschimpfungen in Richtung Post. Ganz langsam zerriss er, nur mit einer weißen Unterhose bekleidet, seinen Bierbauch schwer vor sich herschleppend, ein paar Briefe und schmiss die Schnipsel, wieder begleitet von unverständlichen Hasstiraden, in den Abendhimmel. Sie regneten wenige Meter von ihm auf die verstreuten Kleidungsstücke nieder, Autos wichen ihm aus. Und die Tram war weiter überfällig.

DEMBOWSKI

Eine seltsame Woche, dachte ich im Biergarten eines Spätkaufs auf der Bonrholmer Straße sitzend..

Natürlich hatte ich das Spiel gegen Frankfurt wieder in der Kneipe verfolgt, die ja nun seit so langer Zeit schon meine eigentliche Berliner Heimat geworden war. Auch wenn ich dort längst als Skurrilität des Alltags abgeheftet worden war, so boten mir die guten Menschen in Kreuzberg zumindest für wenige Stunden in der Woche ein Gefühl der Heimat an. Nichts vermisste ich in Berlin mehr, als den Geruch des Stadions, als die Gesänge der Südtribüne, die in ihren besten Momenten ein ganzes Stadion, ja eine ganze Stadt vereinten und die sich, einmal erlebt, für immer in die Erinnerung brannten.

Manchmal dachte ich an die einsamen Minuten vor dem 3-2 gegen Malaga zurück. An die absolute Ruhe des Stadionvorplatzes, auf den mich meine Angst getrieben, eigentlich, dachte ich an die letzten Minuten zurückdenkend, mich meine Angst geworfen hatte. Ich hörte Norbert Dickel den Spielstand in Köln verkünden und sah zeitgleich Jürgen Kohler, wie er gegen Köln in Zeitlupe zu Boden ging und Koller den Ball lang in Richtung Südost spielte. Ewerthon, im Abseits stehend, erwischte ihn, und Steffen Freund sägte sich mit Stefan Klos in die Nord, während Matthias Sammer jubelnd abdrehte und Andreas Möller den Ball um die Hamburger Abwehrmauer zirkelte. Ricken hämmerte den Ball in den Winkel, den Rene Tretschock in diesem Moment aus rund 18 Metern flach ins Tor bugsierte, Santana lag unter einer Menschentraube an der Eckfahne. Mit dem Abpfiff setze der Regen ein.

Doch die Kneipe war nicht das Westfalenstadion, noch roch die Kneipe nach Westfalenstadion. In den letzten Wochen kam erschwerend hinzu, dass der Lieferant, aus mir vollkommen unverständlichen Beweggründen, ein Kronen-Lieferstopp verhängte hatte. Es lief nicht rund, und die Saison hatte gerade erst begonnen. Doch auch der Lieferstopp und die befremdliche Heimat in Kreuzberg, konnten den vierten Sieg im vierten Spiel nicht verhindern. Es war kein gutes Spiel, es war, wie bislang alle Saisonspiele, kein Spiel, an das man sich am Saisonende groß erinnern würde.

Letztendlich hatten man wahrscheinlich sogar die beiden Debüttreffer Mkhitaryans aus seinem von den Erfolgen – und zumindest bei mir: vom Alkohol – benebelten Erinnerungen streichen müssen. Das aber, die Saison hatte nun gerade erst begonnen, war bislang noch nicht absehbar.

Am nächsten Tag war Özil dann doch nicht zum BVB, sondern zum Champions-League-Gruppengegner Arsenal gewechselt. Während ganz England, ja ganz Fußball-Europa ob des Rekordtransfers entzückt und zugleich verwundert war, konnte mich der Transfer jedoch nicht in Erstaunen versetzen. Dass Özil wechseln würde, war schon länger bekannt. Auch dass Özil nicht zum BVB wechseln würde, war schon länger bekannt. Zwar war der letzte Dominostein nicht gefallen, doch das lag nicht an meinen Quellen, sondern war allein der Unfähigkeit David Moyes geschuldet, der viel zu spät und viel zu halbherzig einen letzten Versuch in Sachen Özil unternommen hatte. Immerhin tat mir das Schweigegeld Boatengs gut, die Vertreter des in Gelsenkirchen geborenen Özils hatten sich bei mir noch nicht gemeldet.

Auf der Bornholmer Straße waren schon seit gut einer Stunde keine Trams mehr in Richtung Wedding gefahren, doch nun kamen aus Richtung Wisbyer und auch von der Berliner gleich mehrere Bahnen, die alle in Richtung Westen fahren würden. Es war an der Zeit. Vielleicht würde ich im Oldie Eck noch einen Absacker nehmen, dachte ich, während sich eine dicke Faust in meine Rippen bohrte. „Dembowski, Du bist in Gefahr!“, strahlte mich Semjon Winowski an.

teil 2 – winowski klick

showdown in der kugelbahn, teil I – als die tram einmal nicht kam