Noch bevor sich die Skyline der Westfalenmetropole linker Hand ausbreitete, der Florian zu sehen war und an diesem klaren Frühlingstag auch das Westfalenstadion voller Vorfreude auf das Bremen-Spiel im Sonnenlicht leuchtete, machte sich bei mir dieses Heimatgefühl breit. Ich war mir nicht sicher, ob es noch stark war, doch meine schlimmsten Befürchtungen, den kompletten Verlust des Heimatgefühls, hatten sich nicht bewahrheitet. Al s der Zug die Werse passierte, war ich daheim. In einem anderen Sinne vielleicht. Dortmund war nach meiner damaligen Rückkehr nie mehr zu meiner Heimat geworden. Die Verbundenheit zur Stadt war eine Verbundenheit zur Borussia. Keine Frage: Ich verstand die Leute, die es in den Pott zog, die dem Verein näher sein wollten. Ich war ebenfalls einer von Ihnen gewesen, aber mein Glück hatte ich dort nicht mehr finden können. Wentraud, ach Wentraud, dachte ich, wenn Du mich nur sehen könntest. Wentraud war, das immerhin hatte Redermann mir erzählt, sonst schwieg er zumeist, und wenn er nicht schwieg, pöbelte er mich immerzu an, spurlos verschwunden. An der Trinkhalle, so Redermann weiter, herrschen jetzt andere Sitten. Anstellen! Bestellen! Bezahlen! Verschwinden! Das Wentraud-Regime, so ungeheuerlich es auch war, hatte seinen Charme gehabt und gerne erinnerte ich mich an die Bierlieferungen direkt in die Erdgeschosswohnung.

Weniger gerne erinnerte ich mich an die Tage in der Erdgeschosswohnung, die in mir den Nebel freigesetzt hatten. Erst verlor ich meinen Antrieb, dann schleichend auch meinen Verstand. Einmal ohne Verstand war mir alles egal gewesen. Aber natürlich: Das waren lehrreiche Zeiten in Dortmund. Die Reiserschule hatte mich auf DerSamstag! vorbereitet und wenn ich an den Big Boss zurückdachte und wie Redermann und ich damals auf dieses großartige Büro direkt am Borsigplatz gestoßen waren, dann kamen mir manchmal die Tränen. Nur dachte ich nicht mehr daran. Es lag in meiner Vergangenheit und in der wollte ich nicht mehr wühlen. Es war schmerzhaft. Ich war noch frei, ich erzählte der Welt davon, ich hatte überhaupt keinen Zweifel an meiner Freiheit, die ich am Ende Redermann zu verdanken hatte. Er war es, der mich aus der Nordstadt vertrieben hatte. Er war es, der mir auf eine – zugegeben – recht unfreundliche Art und Weise den Weg in meine Freiheit gewiesen hatte.

Was man für sentimentale Scheiße denkt, wenn man in den Pott zurückgekehrt, dachte ich, jetzt in Hamm angekommen. Man macht sich Gedanken über die verrückten Wendungen des Lebens. Und ist dann erstaunt, von den Schmerzen, die diese sentimentale Scheiße in einem auslösten. In gut 24 Stunden würde ich wieder im schönsten Stadion der Welt sein, in gut 24 Stunden stellte sich nur die Frage, ob Marin das Zeug zum nächsten Wück hatte? Wahrscheinlich nicht. Das beruhigte mich. Die Mannschaft hatte gegen Augsburg ihre Lektion gelernt. Dem zwanzigsten ungeschlagenen Spiel in Folge stand nicht mehr viel im Weg. 90 Minuten auf dem Platz und auch die Gefahr, dass sich die latente Angst, die nach den 14 Toren der Bayern, im Dortmunder Fanumfeld breit gemacht hatte, auch auf das Stadion übertragen und im Laufe des Spiels in Unmut umschlagen würde.

Ganz klar, in Dortmund herrschte mittlerweile Gewissheit. Der nächste Titel würde spätestens im Freiburg-Spiel eingefahren sein. Darüber gab es, kratzte man ein wenig an der Bedenkenträgeroberfläche, überhaupt keinen Zweifel. Nicht einmal ich war frei davon. Was passiert, wenn Du alles verlierst? Du startest einfach noch einmal von vorne. Doch diese Lebenserfahrung musste man erst einmal gemacht haben. Vor nicht einmal sieben Jahren hatte sich das Schicksal des Vereins in einem Hangar am Flughafen Düsseldorf entschieden. Nachrichten aus einer vergangenen Zeit. So wie ich Dortmund abgeschüttelte hatte, die Erinnerungen daran schmerzhaft und deswegen ausgelöscht waren, so erinnerte sich heute kaum jemand an diesen Schicksalstag. Borussia Dortmund, die logische Konsequenz, hatte ein natürliches Anrecht auf den Platz ganz oben. Wachablösung eben. Von DerSamstag! ausgerufen und von den sogenannten Leitmedien übernommen. Hatte DerSamstag! noch verständlich geschrieben, so waren die nachfolgenden Hymnen der Leitmedien maximal schön formuliert, entbehrten jedoch jeder geistigen Klarheit und jeder verständlichen Grundlage.

Logisch nur, dass in den letzten Tagen dann die Furcht eingekehrt war. Die Furcht, die sich auch durch den mangelnden Respekt untereinander ausdrückte. Hatte jemand Meinung A, kam jemand mit seiner Meinung B um die Ecke. Meinungsverschiedenheiten waren natürlich die Grundlage jeder Diskussion, doch diesen Diskussionen ging leider jede Relevanz ab. So wie eine Mannschaft niemals 18 Spiele in Folge gewinnen würde, so würde diese Mannschaft jedoch auch nicht auf fatale Art und Weise einbrechen. Der größte Gegner der Borussia war immer noch die Arroganz. Es bestand kein Zweifel, dass sie diesen Gegner in der letzten Woche gesehen hatten und dass sie Mittel finden würden. Am Anfang verliert man immer den Respekt vor dem Gegner. Das waren die entscheidenden Prozentpunkte in den nun anstehenden Spielen.

Was für sentimentale, weltfremde Scheiße man denkt, wenn man in den Pott zurückkehrt, dachte ich und stieg am Hauptbahnhof aus dem Zug. Willkommen zuhause, es war eine lange lange Reise. Das Zuhause hatte sich verändert, ich mich auch. Nur die Liebe für den Ballspielverein und alles mit dem Ballspielverein zusammenhängende würde niemals vergehen.

sentimentaler quatsch bei einfahrt nach dortmund