Und verdammt noch einmal, wie es um Borussia ging. Ein paar Tage vor dem Pokalfinale in der Ermittler-Stadt, denn was anderes war sie seit meiner Ankunft nicht mehr, trafen langsam die ersten Schwatzgelben ein. Noch mischten sie sich unauffällig unter die anderen Touristen, doch mich hielt einfach nichts mehr im Kiez. Ich fuhr runter zur Gedächtnis-Kirche und blickte auf die ersten Aufbauten. Berlin schmückte sich für das Fest und wenn ich mit den Menschen dort sprach, so erzählten sie voller Vorfreude vom Pokalfinale. Sie erinnerten sich an die 1989 und 2008 und wollten auch 2012 mitfeiern. Die ersten Polizisten standen am Merch-Stand und deckten sich mit Fanutensilien ein.

In meinen Spaziergang durch den alten Westen mischten sich jedoch schnell Misstöne. Pokalfinale? Denkste! In die Vorbereitung hatte der Verein eine PK platziert. Die Fans hegten die größten Hoffnungen, nachdem uninformierte Zeitungen wieder einmal Gerüchte rausgehauen hatten. Mindestens Lewandowski, wenn nicht gleich Lewandowski und Kagawa würden ihre Vertragsverlängerung verkünden. Wenn wir auch nicht an diese Gerüchte glaubten, so hatte ich Redermann doch überreden wollen, an der PK teilzunehmen. Er aber hatte mir abgesagt und als die ersten Gerüchte über den Inhalt der PK dann die Runde machten und mich auf meinem Mobilfunkgerät erreichten, war auch klar, dass Redermann mal wieder den richtigen Riecher gehabt hatte. „Stadionsponsor verlängert Vertrag“, war in der SMS zu lesen. Ich zuckte mit den Schultern. Mit einer Vertragsverlängerung hatte ich nicht gerechnet und jetzt eben das. Wenn ich auch ein Romantiker war, oder besser gesagt mit einer mir eigenen Romantik durch die Welt lief und Bilder sah, die sonst niemand sehen konnte und auch Visionen hatte, die sich manchmal bewahrheiteten, so war mir immer klar gewesen, dass ich nie wieder unter den großen Lettern mit der Aufschrift WESTFALENSTADION gehen würde.

Aber ich trug den Namen in meinem Herzen, hatte in meinem Leben bislang nicht einmal diesen anderen Namen verwendet, der dem Verein jedoch mächtig Kohle brachte. Rund 45 Millionen bis 2021. Um es jetzt genauer auszurechnen. Würde ich auch nicht ablehnen. Die Seele des Vereins, oder den Namen, hatten andere verkauft, jetzt ging es um Kohle. Natürlich. So war das. Auch bei der Borussia. Für mich ging der Streifzug über den Ku’damm weiter. An diesem bewölkten Tag konnte man die Vorfreude greifen, nur ab und an wurde diese Vorfreude durch das anstehende Relegationsspiel gestört. Hertha gegen Fortuna. Noch einmal ging ich zur Samenhandlung. Sie lag direkt an der Straße zum Flughafen Tegel, dessen Fortbestand mir diese Woche mein Leben gerettet hatte. Ich sah den Fortuna-Bus auf dem Weg zum Flughafen. Er folgte den Justiz-Fahrzeugen, aus dessen Fenstern traurige Gesichter auf das Treiben in der Straße blickte. Wo würden diese Gesichter das Finale am Samstag verfolgen? Was hatte sie hinter die Fenster geführt? Sie trugen Holzfällerhemden und hatten eine ungewisse Zukunft vor sich. Mit weitaus gravierenden Konsequenzen als ein Abstieg der Hertha, der Aufstieg der Fortuna oder auch der neuerliche Verkauf des Stadionnamens. Und hatte ich nicht hinter einem der Fenster Komaroff ausgemacht? Hatten sie ihn tatsächlich erwischt? Auf jeden Fall war mir der üble Kerl seit langer langer Zeit nicht mehr unter die Augen gekommen. Das sprach dafür!

Während ich am S-Bahnhof vorbei in Richtung Hafen ging, drehte mein Mobilfunkgerät durch. Ich ignorierte es. Erst als ich mich im Café am alten Großmarkt niedergelassen hatte, mir ein Bier bestellte, in den Himmel blickte und meinen Laptop aufklappte, sah ich das Ausmaß der Erregung. „Sie haben uns alles verdorben!“ „Das ist kein würdiger Abschluß!“ „Verräter!“ „Unendlich enttäuscht vom Verein!“. Nicht nur der Inhalt der zahlreichen Nachrichten, die mich erreicht hatten, sondern auch der Inhalt der Kommentare im Internet. All das war mir ein Rätsel. Was fehlte mir, dass ich es nicht so sah? Was war anders? Ich wollte nicht lange überlegen. Und überlegte doch mindestens drei Biere lang. Dann fand ich einen Beitrag, der mit Seid Westfalenstadion unterschrieben war. Fantastisch! Daran wollte ich mich in meinem Kommentar orientieren, denn es war mal wieder Zeit für einen Kommentar.

Seid Westfalenstadion -Holt das Double!(berlin / 09.05.2012) Jetzt also die Verlängerung. In der Woche zwischen Meisterschaft und Pokalfinale. In den nächsten 09 Jahren wird der Name Westfalenstadion nicht an das Stadion zurückkehren. Und bis dahin wird genau eine Generation an Borussia-Fans nicht einmal in das Westfalenstadion gegangen sein. Das stimmt auf den ersten Blick traurig, ist auf den zweiten Blick eine Katastrophe, aber auch nicht zu ändern. Der Namensgeber hat den BVB gerettet. Hätte es ihn nicht gegeben, würde wir dieses Wochenende in Berlin nicht geben. Dafür muss man nicht dankbar sein, das aber muss man akzeptieren. Jetzt also die Verlängerung! Und Widerstand regt sich: Für immer Westfalenstadion! Ganz klar. Das wird es auch immer sein. Doch die Aufgabe der Fans darf nicht der Kampf gegen den Verein sein. Die Fans müssen den Namen bewahren! Das ist ihre Aufgabe. Und darum rufe ich Euch zu: Kämpft um den Namen Westfalenstadion. Verdrängt ihn nicht aus der Erinnerung. Erzählt Euren Kindern davon! Erzählt den neuen Fans davon! Und korrigiert sie, wenn es notwendig ist. Das WESTFALENSTADION wird immer bleiben! Ihr müsst es nur wollen. SEID WESTFALENSTADION! Niemand kann Euch den Namen verbieten! Und jetzt: Borussen, schaut auf Berlin! Und holt das Double! Für das WESTFALENSTADION und für Euch! (dembowski / DerSamstag!)

seid westfalenstadion – der kommentar