Es war nicht die beste Idee, das Treffen mit Frank auf die lange Bank zu schieben. Zurück im Kiez organisierte ich mir erst einmal ein paar Biere beim Spätkauf an der Ecke Soldiner/Prinzenallee. Als ich den Laden verließ, stürmte mal wieder ein Einsatzkommando an mir vorbei. „Aus dem Weg, Dembowski! Wir ermitteln hier“, schrie mir einer der Jungs ins Gesicht und drückte mich an die Wand. Jemand anders verpasste mir einen Schlag ins Gesicht, schmiss mich an die Wand. „Das Spiel ist aus. Wir wissen genau, was Du da gekauft hast“ „Bier?“ „Schnauze. Beine auseinander, Hände an die Wand“ „Alta, ich bin es der Ermittler!“ „Lass ihn gehen“, hörte ich durch den roten Nebel, der mir von der Stirn lief. Das machten sie auch, das Bier lag auf den Treppen, durch die Scherben floss es langsam in Richtung Straße. „Suffkopp. Hau ab!“. Das musste ich mir merken, ich war auf dem Weg zum V-Mann.

Im Supermarkt stockte ich mein Kontingent an Bieren wieder auf, nahm gleich noch einen Korn mit. Auf den Schreck, dachte ich. Auf den Schreck steckte ich mir gleich noch ne Ernte an, riss die Fenster auf und betrachtete den tristen Januartag, von oben herab. Die Autos hatten ihre Scheinwerfer an, ein paar Leuten schritten durch das Eingangstor auf den Friedhof, nahmen Abschied, hielten Zwiesprache, zündeten Kerzen an. Das steht mir alles noch bevor, dachte ich, nahm einen tiefen Zug aus der Ernte, und einen großen Schluck aus der Flasche. Ich legte mir die „Reisen Im Eigenen Land“ vor. Wie verdammt relaxt Rossmy geklungen hatte. Damals als er auf sein Schaffen zurückblickte.

2003 standen wir bei Holz + Farbe. Rossmys Reise hatte ihn dort längst in den Süden getrieben, und während sich der Keller langsam füllte, stand ich in der Ecke und dachte, ich hätte es endlich gefunden jetzt. Ich wäre endlich angekommen. Nicht von internationalem Format zwar, aber derart bei mir, dass eigentlich alles andere auch egal war. Solange Tilman Rossmy spielte, fühlte ich mich gut aufgehoben.

Zehn Jahre später jetzt war ich längst wieder da. Wie würden meine Reisen im eigenen Land klingen, wie würde ich klingeln, wenn ich meine Vergangenheit sampeln würde? Ich nahm noch einen Schluck, ging auf die andere Seite, sah die Panke hinter den Bauten, sah ein paar Kinder im Rückhaltebecken im oberen Teil der Walter-Nicklitz-Promenade spielen. Zuhause. Wenn es auch nicht der Oderbruch war. Aber ich war mir sicher, dass ich zurückkehren konnte. Wann immer ich wollte.

Ich ging die Post durch, ein paar Rechnungen, ein Schreiben der Rentenversicherung, das mir meine nicht vorhandenen Rentenansprüche vor Augen führte, ein paar Einladungen zu diversen Neujahrsempfängen, die längst ohne mich stattgefunden hatten, ein netter Brief der Hausverwaltung, die mich um 258€ Nebenkostennachzahlung bat und mir im nächsten Schreiben freudig mitteilte, dass sie die Miete angepasst hätten. Die Gentrifizierung schritt voran, immerhin bleiben die Bierpreise stabil, dachte ich und nahm noch einen langen Schluck. Ich war wieder im Kiez und alles was er tat, war mir in den Arsch zu treten.

Am Nachmittag machte ich mich langsam auf den Weg in Richtung Ultrakiosk. Über die Uferstraße mit ihren verlassenen Industriegebäuden und Schrottautos, über den Nettelbeckplatz in Richtung Müllerstraße. Die Straßen waren menschenleer, am S-Bahnhof behagten sich ein paar Autofahrer, aber Anfang Januar lag die Stadt wie ausgestorben da. Seitdem es auch mit Bayer hinab ging, war dieser Teil der Stadt wieder das Ende der Welt. So wie früher, als ein Stück weiter unten die westliche Welt endete und dahinter die Fahnenmasten des Stadion des Walter-Ulbricht-Stadions die Macht des Sozialismus demonstrierten.

Das war schon ein absurder Wettkampf damals, dachte ich. Auf der einen Seite hatten sie Stadien gebaut, auf der anderen Seite mit seelenloser Platte gekontert. Sie hatten die Stadien zerfallen lassen und auf der Westseite waren Slums entstanden, dachte ich. Vielleicht konnte Frank mir helfen.

Frank stand bereits vor der Tür des Ultrakiosks. Ich war pünktlich. Er seltsam angezogen. Ein alter BSC Rehberge Trainingsanzug ,aus seiner Hornbrille war eine Kassengestell geworden, das ihm schräg übers Gesicht hing, der Trainingsanzug hatte ein paar Brandlöcher, er hatte sich jetzt einen Schnurrbart wachsen lassen und zog lässig an einer Filterlosen. „Dienstkleidung“, lächelte er mich an. „Ich bin die Milliarde. Ich bin der, für den sie mich halten. Solltest Du auch mal drüber nachdenken.“

Ich ignorierte ihn. Was ein Arsch, dachte ich, so wollte ich immer aussehen, und dann kommt dieser Typ und sieht so aus. Verdammter Arsch. Erstmal ein Korn. Auf den Schock. „Unter glücklichen Umständen, das hat mir jemand versichert, wird dieser Flughafen fertiggestellt“, hörte ich Wowereit im Radio sagen. „Hauptsache fliegen“, nickte mir die Verkäuferin zu. Ich stellte mich wieder zu Frank. Ultrakiosk, 19.09 Uhr.

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