Ein trauriger Trinker, ein alter Mann. Vielleicht hätte Dembowski den Magendoktor aufsuchen sollen!

Eigentlich hätte ich Redermann längst in die Geheimnisse unserer neuen Mission einweihen sollen und natürlich war er es eigentlich auch schon. Aber Redermann wäre nicht Redermann, wenn er alles ein Geheimnis betreffende einfach zur Seite wischen würde. Soulvan oder Borussia, mehr war nicht drin.

Trotzdem hatte ich es mir vorgenommen. Noch einmal eine detaillierte Schilderung der anstehenden Aufgaben. Den Tag hatte ich damit verbracht, mich unfassbar alt zu fühlen. Ich hörte erst Dinosaur, dann Neil Young, dann wieder Dinosaur und bald wieder Neil Young. Es war erschreckend, wenn ich mich allein fühlte, fiel ich auf immer ältere Musik zurück, ohne mich nur im Geringsten für neue Sachen zu interessieren. Dereinst hatte mir Musik viel bedeutet, zu viel dachte ich die Unterlagen für Redermann zusammenstellend.

Vor ein paar Jahren noch hatte die Musik mein Lebensmittelpunkt dargestellt. Ich war mit den Gedanken an die neueste Platte von Hrubesch Youth eingeschlafen, hatte von Tilman Rossmy und seiner Regierung geträumt und sang beim Aufstehen die Lieder der Baptist Generals. Ich hatte mich für neue Musik interessiert und jetzt, trotz des Praktikums bei Teenage Kicks PR, war mir die Aufregung um die neueste heiße Band keine Mühe mehr wert. Die jungen deutschen Bands nannten sich nun Messer, Die Heiterkeit, Die Nerven und so weiter und so fort. Und wenn sie mein Herz früher mit Sicherheit hätten ausfüllen können, so berührten sie mich momentan überhaupt nicht mehr.

Meine eigenen Befindlichkeiten hingen mir zum Hals raus, sie lenkten mich zwar ab, behinderten mich jedoch massiv in der Zusammenstellung der Unterlagen. Meine Schwermut war für mich kaum auszuhalten. „Sehen Sie hier“ rief ich am Fenster stehend auf die Wollankstraße hinunter „den vormals glücklichsten Menschen der Welt. Schauen Sie genau hin! Achten Sie auf den Schatten, den sein vom Leben gezeichneter Körper auf diese Straße wirft!“ Ich breitete meine Arme aus, beugte meinen Körper, ohne es zu merken, immer weiter und immer bedenklicher aus dem Fenster. Es fühlte sich verdammt gut an. Loslassen! Endlich loslassen! Sich noch einmal erinnern und dann loslassen, dachte ich und löste mich langsam vom Fensterbrett. Unten hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet. Sie blickten hoch, ich blickte runter und kam ihnen immer näher.

Ich hatte Ramada Inn auf volle Lautstärke gedreht, auf Repeat gestellt. „A few drinks now and she hardly nows him. He just looks away and checks out.” Oh, Dörte forever ago, dachte ich dem unfassbar guten Gitarrenspiel Neil Young lauschend. Wenn es ein Ende gab, wenn es einen Moment gab, endlich loszulassen, noch einmal auf das Leben zu blicken, und zu sehen, was gut war und was schlecht war und was unausweichlich war, und sich dann aller weltlichen Lasten zu befreien, dann war dieser Moment jetzt für mich gekommen. Nie wieder Unterlagen für Redermann zusammenstellen, nie wieder ermitteln, nie wieder über das Ende einer Leidenschaft nachdenken, nie wieder nur neben sich stehen, endlich volle Kontrolle über mein eigenes Handeln haben.

Mir war nicht klar, wie ich mich verhalten sollte, ob ich mich überhaupt richtig verhielt und wie ich in diese Lage gekommen war. Gerade noch hatte ich mich unendlich alt gefühlt, über meine vertanen Chancen nachgedacht, hatte über der Verbindung von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart philosophiert und war letztendlich auf einem guten Weg gewesen. Eigentlich, dachte ich über der Wollankstraße hängend, wollte ich nur Redermann über seine neuen Aufgaben informieren, doch dann hatte mich die Hoffnung auf Erlösung kalt erwischt.

Waren es die Bandnamen oder war es Neil Young oder war es einfach die unfassbare Angst vor den bevorstehenden Aufgaben, die mich in Richtung Fenster getrieben hatte. „When she says it’s time to do something, maybe talk to his old friends who gave it up, he just pours another tall one, closes his eyes and says “that’s enough” and every morning comes the sun” . Ich fragte mich, woher der verrückte alte Mann diese Informationen hatte und ob er überhaupt Recht hatte. Mir ging es mit Dörte verdammt noch einmal nicht schlecht, ich hatte mich einfach wieder zu sehr an den guten Geschmack eines kalten Pils gewöhnt.

In Kreuzberg, dachte ich aus dem Fenster hängend, würden am Samstag fünf Kronen vergebens auf den Ermittler warten, der Ermittler, der an einem lausigen Freitag im Januar 2013 ein für alle Mal seine Vergangenheit zu seiner Gegenwart gemacht hatte. „He loves her so!“, wirklich? Natürlich, verdammt! Nicht nur die fünf Kronen würden mich vermissen, zumindest Dörte würde mich auch vermissen. Zumindest Dörte, dachte ich auf die immer größer werdende Menschenmasse unter dem Fenster blickend. Zumindest Dörte. Sie war immer für mich da.

In meiner Tasche vibrierte es. Ich schnappte es mir, hing jetzt beinahe mit dem Kopf nach unten. „Redermann hier. Die haben den Kiosk überfallen. Es war nicht der Affenmaskenmann.“ „Gerade schlecht, Ernst. Ich häng hier aus dem Fenster!“ „Hörste wieder traurige Musik für einen traurigen Menschen? Du stellst Dich immer an. Mach das Fenster zu und hör Dir das an“ Er hatte Recht. „Moment, ich zieh mich mal gerade wieder rein.“ „Du hörst echt zu viel Neil Young!“ „Ja!“ „Ok. Also“, begann er.

Zu einem versuchten Raub auf einen Kiosk an der Scharnhorststraße in der nördlichen Dortmunder Innenstadt kam es am gestrigen Donnerstag, den 17.01.2013, 18.26 Uhr. Zwei unbekannte Männer, einer mit einer Schusswaffe bewaffnet, wollten von der Kioskbetreiberin die Herausgabe des Kasseninhaltes erpressen. Sie hatten jedoch nicht mit der massiven Gegenwehr der 62-Jährigen gerechnet. Die Täter flüchteten letztendlich ohne Beute vom Tatort. Nach Angaben der Frau betraten zur o.a. Zeit zwei maskierte Männer den Kiosk, in dem sich die Inhaberin zu diesem Zeitpunkt alleine aufhielt. Der Größere der beiden Männer zeigte eine Schusswaffe und forderte die Herausgabe des Bargelds. Anders als von den Tätern erwartet ergriff die Frau diverse Gegenstände und warf diese in Richtung der Täter. Trotz mehrfacher Versuche eines Täters die Kasse zu öffnen, blieb diese zu. Genervt flüchteten die Männer über die Scharnhorststraße bis zur Ecke Fichtestraße. Hier verlor sich ihre Spur. Die Unbekannten werden wie folgt beschrieben: 1.Haupttäter mit Pistole etwa 1.95 m groß, schmale Statur 2.Täter nur 1.60 m groß, untersetzte Statur.“

„Verdammt!“ „Bin schon dran. Aber erstmal Bremen“ Jetzt sang Redermann: „Alle Bremer stinken, alle Bremer stinken, weil sie aus der Weser trinken!“ „Lass das nur nicht den DFB hören. Sonst Stadionverbot!“ „Is klar. Wir machen die ein. Und Du komm mal runter und schraub Dir ein paar Kronen rein.“ „Verdammt, gute Idee!“ Und so wurde aus meiner Vergangenheit doch nicht meine Zukunft. Noch einmal Glück gehabt, dachte ich, schnappte mir ein Bier und legte die Mutmaßungen über Hendrik auf. Wie gut neue Musik doch sein konnte!

 

Ich rief den Langen an. „Die Punkte nicht vergessen! Ich bin wieder an Bord. Projekt 81 lebt! Dembowski auch. Es war verdammt knapp!“ „Dass Du immer so übertreiben musst.“

projekt 81 lebt, dembowski auch