Doch was in den Gesichtern der Störche stand, wurde an diesem kalten Dienstag noch lange nicht zur Wahrheit. Wenn sie sich auch nicht wehrten, so gelang es ihnen doch der Borussia ein 0-4 ab zu trotzen. Immerhin, werden sie sich gedacht haben. Nach ein paar Minuten bereits war das Spiel durch und hätte Klopp nicht ausgerechnet Barrios eingewechselt, es wäre für immer beim 2-0 geblieben.
So aber fielen gegen Ende des Spiels noch zwei Tore. Nicht einmal unverdient, aber auch herzlich egal. Wichtig war an diesem Abend nicht die Höhe des Sieges, sondern überhaupt der Sieg und ein wenig natürlich auch die Art und Weise, wie dieser zustande gekommen war.
Die beiden Tore veränderten da nichts. Sie waren jedoch immer ein Ärgernis für die Redakteure, die ihre Berichte aus dem Stadion doch bereits nach 85 Minuten versenden und jetzt vor der Aufgabe standen, noch schnell 2 Tore – zum Glück aber nicht einen komplett auf den Kopf gestellten Spielverlauf – in ihren Bericht einzufügen. Das gefiel mir +1.
In der Kreuzberger Kneipe hielt ich es nicht lange aus. Kaum hatte ich den Raum betreten, wedelten auch sie mit dem Berliner Wochenblatt, Ausgabe Wedding. Bislang hatte ich dort meine wahre Profession ausblenden können, war einfach nur als Fan dort aufgetaucht und hatte mir so die Kronen hinter die Binde schütten können, ohne größere Aufmerksamkeit zu erregen.
Das war jetzt natürlich dahin. Sie wollten etwas erfahren. Der Beruf des Ermittlers und wie man wird, was man ist. Was hätte ich groß antworten sollen? Der ausgedachte Teil hatte den Weg ins Wochenblatt geschafft, der nicht ausgedachte Teil hätte nicht nur die Zuhörer zutiefst deprimiert.
Ein paar Kronen waren trotzdem drin und beim 4-0, diesem Tor aus dem Lehrbuch, lagen wir uns alle in den Armen. Nicht oft kam es zu diesen Szenen im Strafraum und noch nie hatte ich einen Torwart vor der Abwehrmauer gesehen. Dass zwei Kieler dann auch noch die Deckung der Eckfahne übernahmen, die große Lücke für Perisic ließen, machte die Sache noch absurder.
Es roch beinahe nach Café King, doch auch wenn ich es hätte beweisen können, Borussia hatte an diesem Abend enttäuscht. 5 Tore hatte ich vorher auf dem Tippzettel notiert, bei 4 Toren jedoch blieb der Zeiger stehen. Wieder 100€ versenkt. Langsam wurde es mit der Kohle knapp. Die sichersten Tipps sind immer die unsichersten Tipps. In Zukunft würde ich mich weniger auf mein Bauchgefühl verlassen. Stück für Stück hatte ich mich vom Leitmotiv der Konstrukteure verabschiedet.
„Unsere Vergangenheit ist Eure Zukunft (ist unsere Gegenwart)“ – Was hatte Piotr mit der Ergänzung bezwecken wollen. Irgendwann würde ich mich bei ihm erkundigen, doch jetzt blieb dafür keine Zeit. Für den Mittwoch standen große Erledigungen auf dem Plan. Der Dienstag musste sich verabschieden. Beeindruckend dann, wie pünktlich er es schaffte. Der Dienstag endete und am Mittwoch war wieder Zeit für einen Kommentar.
Langsam gingen mir die Themen aus. Natürlich: Für die Fans der jüngeren Borussia-Generation war dies nun die erste Chance auf das Double. Das gab es bei allen Erfolgen der letzten 23 Jahre noch nicht. Zwar blickten wir auf einen Pokalsieg, einen Champions-League-Sieg, zwei UEFA-Pokalendspiele, fünf Meisterschaften und unzählige Supercups zurück, doch die Chance eines Doubles war in der Tat eine historische Chance. Mangels anderer Ideen nahm ich mir vor, diese Chance in meinen Kommentar einfließen zu lassen. Danach stand ein Besuch im Olympiastadion auf dem Programm.
Gladbach wollte gewinnen und Skibbe auch. Ich blätterte zur Einstimmung noch einmal ein wenig durch den kicker. Wenn ich ihn auch verachtete, manchmal hatte er seine lichten Momente. So auch in der montäglichen Ausgabe. Das Treffen dreier Weltmeister. Bislang von mir ignoriert. Was interessierten mich Eckel, Hölzenbein und Brehme. Doch meine Augen verharrten auf der letzten Seite des Interviews.
kicker: Wer ist für Sie der beste deutsche Spieler aller Zeiten
Eckel: Ganz klar, der Fritz wars.
Hölzenbein: Ja, der Fritz.
Brehme: Ich habe den Fritz leider nie spielen sehen. Aus meiner Generation war es Diego Maradona.
Ein Brehme-Highlight, dessen Bilder heute noch in Mailänder Studenten-WGs hängen, dessen Karriere nach dem Ende seiner Laufbahn eine typische WM90-Karriere war. Einfach kein Glück gehabt, nicht einmal in Interviews. Sie druckten seine Antworten ab und entblößten ihn dabei. Musste man das tun? Wahrscheinlich schon. Aber in der Frage steckte ich nicht drin.
Von Brehme aber zurück an den Tisch, zurück an den halb angefangenen Kommentar über die historische Chance. Ich strich ein paar Sätze, nahm ein paar Füllwörter raus und las noch einmal drüber:
Die historische Chance
(berlin / 09.02.2012) In den Augen von Mats Hummels konnte man es deutlich sehen. Die Borussia ist da und wird sich die Chance nicht nehmen lassen. Kein anderer Dortmunder Spieler verkörpert die neue Philosophie der Borussia besser. Der Leader auf dem Platz geht auch in den Interviews voran. Bis auf die Bayern gäbe es keine Mannschaft, vor der sich Borussia fürchten müsse, so Hummels. Jetzt also wolle man auch ins Finale einziehen. Ähnliche Worte fand der Innenverteidiger bereits nach dem Düsseldorf-Sieg. Noch besser als 2008 wolle man im Pokal abschneiden, hatte er da gesagt. Was Hummels nicht weiß: Erstmals seit langer langer Zeit hat der Ballspielverein die Chance das Double zu gewinnen. Sie marschieren in der Liga, 14 Spiele in Folge ungeschlagen, und begreifen den Pokal als große Chance! Die Null-Gegentore-Abwehr um Pokaltorwart Langerak ist dabei das Prunkstück, das Mittelfeld um Sahin-Nachfolger Leitner der Taktgeber und der Sturm mit Lewandowski und Barrios immer da. Diese Borussia wird die historische Chance nutzen. Das Double führt in diesem Jahr nur über die Borussia.(dembowski / DerSamstag!)
So richtig zufrieden war ich nicht, würdigte ich den wahren Triumphator der letzten Wochen mit keinem Wort. Sebastian Kehl hatte bewiesen: Ein neuer Vertrag sollte nur eine Frage der Zeit sein. In all den Jahren seiner Abwesenheit hatte er nie den Mut verloren und einmal zurück auf dem Platz, konnte man ihm bislang nur seinen Fehlpass gegen Arsenal vorwerfen. Das tat ich aber nicht. Hatte ich in meiner kurzen Laufbahn doch auch so einige Fehlpässe gespielt.
Ich telefonierte noch kurz mit Redermann. Wir beschlossen, in einer der nächsten Ausgaben ein langes Stück über Kehl zu bringen. Tat zwar momentan jeder und wir würden dem Hype ein wenig nachhängen. Aber er hatte es sich verdient, wie es sich auch Kuba verdient hatte, den ich noch vor ein paar Monaten zum Teufel gewünscht hatte, der nun aber zum ersten Mal in seiner Dortmunder Zeit seine Stärken ausspielte. War es nur der EM-Traum, der ihn befeuerte oder hatte er gesehen, dass es momentan in Europa keine bessere Mannschaft gab und dass er Teil eines großen Traums war. Ich wußte es nicht. Kuba wahrscheinlich auch nicht.
Im Olympiastadion fror ich, brüllte hin und wieder aus guter alter Tradition „Skibbe raus“ und langweilte mich gepflegt, bis Dr. Felix irgendwann genug vom Spiel hatte und es kurzerhand entschied. So macht man es als Schiedsrichter. Man entscheidet Spiele. Nicht die Spieler entscheiden Spiele, sondern die Schiedsrichter entscheiden Spiele. Dachten sich auch die Spreeborussen, die mich zu einem Getränk ins Spreeeck einluden. Bei uns geht es auch immer um Party, hatte der Typ in der Schlange mir erklärt und mich direkt angeworben. Ich verschwand schnell aus seinem Sichtfeld. Langeweile? Ok! Aber Spreeborussen. Und dann noch die mit den falschen Farben und dann noch immer auch Party? Das war mir zu viel. Auch ein Ermittler hatte eine Ehre, wenn es auch eine zweifelhafte Ehre war.
pokaltage – die historische chance