„Wir müssen uns treffen, Dietfried!“ Ich konnte mich nicht dran erinnern, dass Reiser mich jemals mit meinem Vornamen angesprochen hatte. Irgendwas war falsch, seine Stimme klang matt, er stockte lange zwischen den einzelnen Sätzen, doch allein seine Andeutungen trafen mich mit größter Wucht. War am Ende doch nicht alles umsonst? „Mehr erzähl ich Dir gleich bei Schie.“ Ich ließ die halb versandten Meistergürtelschnallenmails in meiner Outbox. Sie konnten warten. Martin hatte mittlerweile umgeschwenkt und mir neulich am Telefon, und wir telefonierten eher selten, einen Großteil der Kommunikation erledigten wir über Facebook, mit den Worten „Meisterschal kann jeder, aber hast Du schon einmal Meistergürtelschnallen gesehen? Nein! Sag ich doch“ mein neues Geschäftsfeld erklärt. Bislang hatte ich bis auf ein „Verpiss Dich, Dembowski“ noch kein Feedback erhalten. Ein Ausflug zu Schie konnte nicht schaden. Die Sache stank mir ohnehin langsam.

Runter in die Bahn. An Feiertagen war wie immer wenig Verkehr und der Untergrund der Stadt war an heißen Tagen wie diesen für mich gemacht. Am Stadthaus raus, hinter mir das alte Südbad, vor mir erst Julios alte Tanzschule. Ich öffnete die Tür, in der Ecke konnte ich Reiser schon über einer Currywurst sehen. „Reiser, altes Haus! Gibt es in der Meisterredaktion nicht genug Currywurst?“ „Ach, hör mir auf. Die kann ich nicht mehr sehen. Und die Dame da redet sogar mir nach dem Mund. Jetzt ist noch der König mit seiner Kaiserin dort aufgetaucht. Ich muss da raus. Aber das soll nicht unser Thema sein. Wir haben alles probiert, wir haben ihnen Steine in den Weg gelegt. Sie umschmeichelt, um sie für den nächsten Schlag näher an uns zu binden. Wir haben die Saat des Neids gesät und Gemeinschaft geerntet. Wir haben auf ihren Hochmut gezielt und ihr Herz gegen uns aufgebracht. Wir haben ihnen Lieder geschenkt und sie haben sie ignoriert. Wir waren machtlos, Dembowski. Das habe ich noch nie erlebt. Diese Stadt hat sich nicht abbringen lassen von ihrem Ziel. Ab jetzt, Anweisung von ganz oben, schauen wir aufs nächste Jahr. Wir werden das Volk bedienen und Du mischst Dich unter das Volk. Was wir von Dir erwarten: Du musst den süßen Duft der Missgunst verbreiten. Ganz langsam. Erst fein dosiert, dann in immer höheren, bitteren Dosen. Wir werden Dir Munition liefern. Schwimme einfach mit dem Strom, verhalte Dich in den nächsten Tagen und Woche ruhig. Geh endlich mal wieder vor die Tür, rede mit den Leuten, gewinn wieder ihr Vertrauen. Feier mit ihnen, wenn es was zu feiern gibt und tanze mit ihnen, wenn es was zu tanzen gibt. Wir haben noch lange nicht aufgegeben. Superbia, Avaritia, Luxuria, Ira, Gula, Invidia, Acedia. Diese Stadt wird uns nicht entkommen.“ Ich verstand. Ich konnte mich an keinen längeren Reiser-Monolog erinnern. Er hatte tatsächlich einen Plan B für Tag X. Als wir den Laden verließen drückte er mir noch schnell ein Ticket für das Gladbach-Spiel in die Hand. „Schau es Dir ruhig an, es kann nicht schaden. Martin, kann warten“.

In der Erdgeschosswohnung angekommen ließ ich mir seine Worte noch einmal durch den Kopf gehen. Er hatte nicht aufgegeben, sondern den Kampf angenommen. Ich war gespannt, auf die kommenden Monate. Ich öffnete mir ein Pils, steckte mir eine Ernte an und schlenderte zum Plattenspieler, legte „Painful“ von Yo La Tengo auf. „There is a big day coming, about a mile away. There is a big day coming, I can hardly wait. Let’s wake up the neighbours, let’s turn up our amps”

plan b für tag x

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