Und so flogen erst die Vorstädte an mir vorbei und als es keine Vorstädte mehr gab, sah ich aus dem Fenster auf das sandige Brandenburg, bewunderte das Land der Frühaufsteher für seine Werbeagentur und sah am Mittellandkanal voller Verachtung auf die Autostadt. Alles an ihr war mir zuwider. Alles an ihr stieß mich ab. Vor ein paar Jahren, wir hatten gerade eine Meisterschaft verspielt, war mir auf den Laufbändern über dem Mittellandkanal wiederholt schlecht geworden. Ich zog es daher vor, nicht weiter auf die Stadt zu schauen und blickte auch sonst nicht mehr zurück.
Ein Wochenende in Dortmund stand vor mir. Redermann hatte gerufen und alle kamen. Sogar die Borussia. Die am Samstag ordnungsgemäß ihre Tabellenführung verteidigte. Diese Leverkusener stellten überhaupt kein Problem mehr da. Sie hatten in der Hinrunde ihr Selbstvertrauen liegen lassen und trotz einer okayen Verteidigungsleistung war es nur eine Frage der Zeit bis die Borussia einmal zuschlagen konnte. Das tat Kagawa mit dem Pausenpfiff. In der zweiten Halbzeit schleppte ich mich noch einmal zurück auf die Tribüne. Ich war nach Dortmund gekommen und wenn ich auch keine Kraft mehr hatte, wollte ich mir das Spiel anschauen.
Ich trank Tee, sah auf das Spielfeld und blickte nun doch zurück. Wie oft hatte ich auf diesem Platz sitzend an Dörte gedacht. Wie oft hatte ich an diesem Platz sitzend und durch die Leistung der Borussia mein Leben für einen Moment in Ordnung gebracht. Ich lag am Boden und Borussia stand immer wieder für mich auf. Jetzt lag ich nicht mehr am Boden und Borussia stand immer noch. Auf dem Weg zum Ziel. Nur noch 13 Spiele. Niemand würde sie halten, aber niemand bemerkte den schleichenden Verfall meiner Lebensleidenschaft.
Für den Abend nach dem Spiel war ich in der Kneipe verabredet. Reus annoys. Noch eine Mannschaft musste dran glauben. Diesmal waren es die Blauen. Ich saß am Tisch und wartete auf die Truppe. Redermann und Amok und ein paar alte Freunde. Reus wollte nicht warten. Versenkte Unnnerstall bereits nach 2 Minuten. Kleppo hatte sich zu mir gesellt und schwieg das Schweigen der Besiegten. Ganz leise nur summte ich „ein Leben lang keine Schale in der Hand“, doch Kleppo schwieg und starrte weiter auf Hanke, Arango und die Lächerlichkeit namens Gelsenkirchen. Jetzt waren 5 Punkte und 2 Mannschaften zwischen der besten Mannschaft und der furchtbarsten Mannschaft der Welt.
An den Flipper. An die Jukebox. Ich drückte Alexandra mit Mein Freund der Baum. Das war noch zu ertragen. Sonst hatte sich in der Kneipe wenig getan. Und sonst tat sich in der Kneipe wenig. Zwar traf Amok ein, doch von Redermann fehlte jede Spur. Vorher noch hatte er mir von dringenden Ermittlungen am Reitstall erzählt, und dort würde er dann wohl immer noch sein. Ich saß in der Kneipe, hörte Alexandra und Juliane Werding. Die Kneipe sang, ich schwieg, Kleppo ging. Der Ort war mir fremd. Einst nannte ich ihn mein Wohnzimmer. Seine Fenster waren meine Wohnzimmerfenster und doch hatte ich mich entfremdet. Mein Freund der Baum. Er starb. Alles war weg. Nur die leise Erinnerung an das vergangene Jahr. Und die vielen Demütigungen, die ich hier von Reiser erfahren hatte.
Überhaupt Reiser. Es gab mittlerweile kaum einen Menschen, der mir weniger egal war. Reiser sollte seinen Reiserjob machen. Es tangierte mich nicht mehr. Der Verein hatte sich längst in Position gebracht und Reiser konnte schreiben und denken was er wollte, es interessierte einfach nicht mehr. Reiser war Vergangenheit. Zumindest in der momentan Situation. Die Pokalauslosung brachte außer mahnenden „denkt bloß nicht, wir haben ein Freilos“- und „der schwerste Gegner aus dem Topf“-Sprüchen in Wahrheit Greuther Fürth und somit mit Sicherheit den leichtesten Gegner aus dem Topf. Berlin konnte langsam in Angriff genommen werden. Auch von denen, die die Stadt für ihre Existenz verachteten.
Berlin. Stand jetzt auch für mich wieder auf dem Plan. Ich ging zum Bahnhof, kaufte mir ein paar Bier für die Rückfahrt und trank mein erstes Bier erst als ich längst im Zug saß. In meiner ganzen Zeit in Dortmund hatte ich kein Bier getrunken. Ich war auf Entzug, Sauerland abgewählt und Skibbe Vergangenheit. Ein befremdliches Wochenende. Ohne Ziel, ohne Plan, ohne Redermann. Einen Kommentar verkniff ich mir für die nächste Ausgabe. Mein Kopf war leer. Verdammt leer.
pflichtsiegsleere

3 Gedanken zu „pflichtsiegsleere

  • Februar 14, 2012 um 10:49 am
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    Na, ganz so ruhig war es ja nun auch wieder nicht!

  • Februar 13, 2012 um 2:04 pm
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    puh. gute frage. auch wenn die leere eher in meinem kopf herrschte, so war der dauersingsang und die kaum vorhandene lautstärke auf den anderen tribünen schon ein wenig befremdlich. doch lag es in diesem fall vielleicht auch einfach an der anspannung. leverkusen stand und hätte ja nur einen konter nach hause bringen müssen. taten sie nicht. und somit war ruhe. angespannte ruhe.

  • Februar 13, 2012 um 1:58 pm
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    Hat es mir noch Genugtuung gegeben als wir in London "You only sing when you're winning" skandierten, mussten wir schon gegen Hoffenheim bis zum 3:0 warten bis sich die Südtribüne genötigt fand Atmosphäre zu generieren. Mit einer Freundin, die Leverkusen fan ist, am Wochende mit im Stadion zu sein unter dem Motto "Jetzt zeig ich dir mal, was richtige Stimmung ist" war in der Konsequenz eher beschämend. Die Leute im Stadion wirken Fremd und Teilnahmslos. War es die Kälte, das zähe Spiel, der nicht zu rechtfertigende Topzuschlag, die das Stadion zu einem schlafendem Riesen machten, oder ist es die Erwartungshaltung? Ist man zu verwöhnt um die eigene Mannschaft anzufeuern? Ist Erfolg auf dem Fußballplatz und Lautstärke auf den Rängen nach einer gewissen Zeit nicht mehr Kompatibel? Pflichtsiegsleere und Scheißstimmung.

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