Barcelona 7 Leverkusen 1. Als ich das Ergebnis sah, hatte ich längst alles Zeitgefühl verloren. War es Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag? Und ich bei meiner Dörte wär, der Dörte wär. Es war Donnerstag. Die Zeitung vom Vortag und Komaroff hing immer noch neben mir rum. Er redete und redete und ich hatte endgültig die Orientierung verloren. Mir war klar, dass dieser unscheinbare Typ, der unter anderen Gegebenheiten mein Freund hätte sein können, zu allem fähig war. Doch er wollte nicht mit der Sprache rausrücken.

Er wusste scheinbar eine ganze Menge über mich. Es störte mich jedoch nicht sonderlich. Sollte er doch eine Menge über mich wissen, ihm würde es schon noch vergehen. Nicht einmal ich hielt es mit mir aus. Wie also sollten die Wahrheiten über den Ermittler, andere Leute nicht an den Rande des Abgrunds treiben? Es war der langweiligste Fall der Geschichte, und, so stellte ich es mir auf dem Barhocker sitzend vor, Komarroff würde daran zu Grunde gehen. 

Wahrscheinlich wollte er mich reizen, wahrscheinlich wollte er eine Reaktion, doch ich war einfach zu müde. Haben Sie schon einmal 3 Tage auf einem Barhocker verbracht? In einem von Schlager, Kettcar und Zigarettenqualm verpesteten Raum? Hat man Ihnen schon einmal den Schlaf geraubt? Und mussten Sie dabei schon einmal stundenlang einem selbsternannten Massenmörder zuhören? Nein! Dann haben Sie keine Vorstellung vom Leben eines Ermittlers.

Komaroff sprach zunehmend zusammenhangsloser. Tiere, Drehbücher, Blut. Bling, Blong. Ding, Dong. Die Revolution am Beispiel bildungsferner Schichten. Die Silvio-Verschwörung. Der Typ war definitiv nicht mehr dicht. Ich bezweifelte, dass er hinter seinen Worten Sinn vermutete. Wenn man einen Schuldigen trifft, schläft er im Verhör einfach ein. Wenn man einen Unschuldigen trifft, verzweifelt er mitten in der Nacht, an dem ihm vorgeworfenen Verbrechen. 

Wenn ich also meine Ruhe haben wollte, musste ich noch einmal all meine Kraft zusammennehmen und Komaroff mit meinen Vermutungen konfrontieren. Es waren ausschließlich Mutmaßungen über Komaroff. Aber mehr hatte ich nicht gegen ihn in der Hand. Doch noch würde ich warten. Er musste sich leer erzählen, und am Ende meiner drei Tage würde ich zuschlagen.

Das Publikum in der Kneipe hatte gewechselt. Auf einmal standen die Mitte-Hipster an der Bar und orderten ihre Fancy-Drinks. Und auf einmal trugen die Frauen gefakte Pelzmäntel. Einer der Gäste hatte sich das Mikrofon geschnappt. Was er für ironische Bemerkungen zum Thema Schlager hielt, war am Ende nur Schlager. Seine, wie er vorher noch erzählte, gänzlich unpeinlichen Texte handelte von der Liebe, dem Verlassenwerden und dem Fluß des Lebens. Ich hatte das bereits in zweihundert Variationen gehört. Das hier ordnete sich am unteren Ende der Skala ein. 

Doch die Hipster liebten es und die Fakepelze flüsterten sich „so viel Sehnsucht, und dann doppelt gebrochen“ zu. Ein großer Teil des Publikums verstand nichts. Die internationale Party-Crowd hatte es in den Wedding gezogen. Für eine Weile blickte ich auf den Sänger, und sogar Komaroff schwieg. Wahrscheinlich untermalte dieser Auftritt eine seiner Thesen.

„Wenn man ein Rennpferd mit einem Shetlandpony kreuzt, hat man am Ende auch kein Rennpferd mehr“. Komaroff nutzte eine der Pausen. Wir waren jetzt also bei den Pferden. Ich brachte den Witz nicht, ließ ihn weiterreden. „Und wenn man einen RTL2-Bildungsbürger mit einem Mitte-Hipster kreuzt, hat man am Ende eben auch keinen Bildungsbürger mehr. Ich will aber Bilder erzeugen. Bilder von epochaler Wucht, die für immer in Erinnerung bleiben.“

„Komaroff, am Ende des Regenbogens soll es Landschaften von größter Schönheit geben. Neulich erst hat man einen Bundespräsidenten dahin geschickt. Willst Du mal schauen, wo er geblieben ist?“

Langsam gewann ich die Oberhand. Der Sänger hatte die Kneipe wieder verlassen. Jetzt waren nur noch die schweren Trinker da. Ich fühlte mich zuhause. Sogar die Jukebox wurde langsam mein Freund. Ich fand die Notorious B.I.G.-Version von Bang Bang. It was 15 years ago today. Schon so lang. Bang Bang. I shot you down.You hit the ground. Bang Bang. 

Damit hatte Komaroff nicht gerechnet. Kurzerhand entschloss ich mich, ihn weiter im Ungewissen zu lassen. Es genügte mir, dass ich ihn hatte. Er war leer geredet und mein Akku voll. Lose verabredete ich mich mit ihm für ein Mitternachtsbrunch. Er wollte Blutwurst mitbringen, ich würde Rehpastete auftreiben. Doch dies hier war nicht der Ort, um diesen Fall zu lösen. Komaroff saß in der Falle. Ich schaltete das Aufnahmegerät aus, deutete in Richtung Tür und verschwand aus dem Oldie-Eck. Die Rechnung müsste diesmal Komaroff begleichen. Zeit für Fußball. Das Wochenende holte mich am Ausgang ab. Bang bang! You hit the ground.
oldie-eck, tag III: bang bang, i shot you down