Am Meer, das alte Haus. Ein Pfad führt den Steilhang hinunter, unten der Strand. Kein Sand. Nur Kiesel. Zwischen den Steinen See-Brachsenkraut, Cornwall-Heide. Ganz allein. Der Ausgangspunkt. Das alte Bild. An einem Schild. Meine Augen geschlossen. Reset the code. Noch einmal von vorne. Der Versuch. Gescheitert.

Der Schriftzug: „13.11.2011 – 200x nichts gelernt – K!“, das verwitterte Auto unter der Bahnbrücke, der Umschlag hinter den Scheibenwischern, explodierende Flugzeuge, Sonntage auf dem Balkon, Townes van Zandt,Like A Summer Thursday, der kleine Junge mit der Zahnlücke, am Sandkasten, den Ball in der Hand, die Schmerzen der Zukunft in sein Gesicht geschrieben, das Haus am Meer, der Schriftzug, die Wohnung in der Beusselstraße, das Unterwasseraquarium. Wenn Du alles verlierst, startest Du von vorne.

„Doch alles, was passiert ist, wirst Du mitnehmen. Du kannst nicht immer wegrennen!“. Er stand jetzt vor mir. Seine roten Locken, sein schlacksiger Gang, die Art, wie er sich den Barhocker bereitstellte. Nur seine Sprache war anders. Beim letzten Mal war er ein Berliner. Jetzt drückte er sich klar aus. „Du wirst nicht mehr wegrennen. Du wirst stoppen. Das ist der Punkt, an dem es keine Umkehr gibt, Herr Ermittler. Spürst Du es auch, wenn Du ihn berührst? Spürst Du es auch?“
 „Was soll ich spüren, Komaroff?“ Ich musste mir eine Taktik zurechtlegen. Die Sache lief von Anfang an aus dem Ruder. Was hatte ich mir von diesem Treffen erhofft? Wieso war ich nicht in der Wohnung geblieben? Ich musste mich der Situation stellen. Weit nach Mitternacht im Oldie-Eck. Auf immer noch feindlichem Gebiet. Ich stieß die Rehpastetenstullen weg, bestellte mir ein Gedeck. This is the 51st State Of America. Auf einmal. Ungefragt.
„Erinnerst Du Dich an 2006? An den Abend auf dem Balkon? Als Du Deinen Schmerz besiegt hattest? Dembowski, in den schönsten Momenten bricht die Welt auseinander. Hast Du wirklich geglaubt, dass es einfach so passiert. Dass Deine Welt wie ein 11.September explodiert? Der schleichende Verfall. Sie hat es kommen sehen. Erinnerst Du Dich an die Tatra? An die letzten Momente? War das der Moment? Du hast sie vorher schon verloren. Spürst Du es nicht auch?“

„Was zum Teufel soll ich spüren? Du schuldest mir noch ein paar Runden Pfeffi, ein paar Gedecke. Mach hin.“ Ob ich mich darüber retten konnte? Erst der barfüßige Priester in meinem Kopf und nun aus Fleisch & Blut und mir gegenüber: Komaroff. Gerade noch dringend gesucht, jetzt auf dem Barhocker neben mir und dringend weggewünscht. Was hatte ich erwartet, was sollte ich spüren?

„2006? Da war Sommermärchen. Und jetzt ist hier Märchenstunde?“ Nur mühsam konnte ich meine Angst verbergen. Ich überzog die Angst mit Wut. Vielleicht würde das reichen. Aber Komaroff schien etwas zu wissen. Etwas, was nur wenigen Menschen bekannt war. Etwas, was dereinst meine Welt war. Das Haus am Meer, die Moränenlandschaft. Ich kämpfte mit den Flashbacks. Wie nannte man eigentlich Kneipenträume? Zeit war Wasser, ich war das Meer. Schlug gegen die Steilküste. Wenn ich die Augen öffnete, starrte Komaroff mich an. Was wollt er von mir und was wollte ich von ihm? Der Finger. Was hatte es mit dem Finger auf sich. „Was hat es mit dem Finger auf sich?“

„Welcher Finger? Da warst Du beim letzten Mal am… Warte…“, er zeigt mit dem Finger auf den Schriftzug „..am 13.11.2011 schon besorgt. Soll ich Dir eine Geschichte erzählen? Wir haben Zeit. Du bist das Meer, das gegen die Steilküste schlägt. Was denkst Du Dir eigentlich für schwachsinnige Bilder aus? Ok. Du willst die Geschichte hören?“ Hatte ich eine Wahl? Ich nickte wortlos. Was passiert, wenn Du alles verlierst? Du startest von vorn. Oder eben mittendrin, wie die Komaroff-Geschichte. Sie drehte sich um Tiere, um einen Drehbuchautoren namens Tom Rooster. Dieser aber, so führte Komaroff eindringlich an, habe „nicht alle Latten auf dem Zau. Da lässt der mich die ganze Nacht mit dieser Alten allein und schreibt und schreibt in sein Heft. Wußtest Du, dass jetzt sogar Folk-Musiker mit einem iPad antanzen? Das musst Du Dir einmal vorstellen, Dembowski. Der macht auf Drehbuchautor, Schriftsteller oder was weiß ich, und will mich zum Role-Model machen. Mich, den rothaarigen Kauz auf dem Barhocker oder eben da im Bett. Mit der Alten. Die ich nicht anfassen konnte. Und dann dieser Priester. Er taucht zu Unzeiten auf, wenn ich ihn mit Schnaps beschwichtige, so wie Dich, dann zieht es ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Schuhe aus!“

Meine Augen waren geschlossen. Beiläufig nahm ich seine Worte wahr. Auch wenn ich sie nicht verstand, klangen zumindest seine Formulierung weltgewandt und hätten wir uns unter anderen Umständen getroffen, hätte ich Komaroff wahrscheinlich zu meinen Freunden gezählt. Doch meine Augen waren schwer, mein Kopf umnebelt und voller Sorge. Ich hatte alles verloren, und doch immer noch so viel zu verlieren. Komaroff, Tom Rooster, der Priester. Der zweite Tag im Oldie-Eck war ein erneuter Rückschlag.

oldie-eck, tag II: was passiert, wenn du alles verlierst?