Die Musik knallte mir um die Ohren. Ob mir zu Ehre oder nur der Mittagsstunde geschuldet, sie spielten kein Schlager, sondern hatten die alten Schlagerpunks von Kettcar aufgelegt. Die Landungsbrücken vor ein paar Jahren hatte ich mir noch gefallen lassen, doch spätestens dort war es Kettcar entglitten. Immerhin konnte der Albumtitel überzeugen: Zwischen Den Runden! Fühlen wir uns einsam. Und bestellen noch einmal. So zogen die ersten Stunden mit Kettcar und Schnäpsen dahin. Dazu singt Wiebusch Sätze wie: „Es ist nicht nur das, was man fühlt/ Nicht was man voller Sehnsucht sucht/ Liebe ist das, was man tut.“

War also mein Warten Liebe? Und wenn mein Warten Liebe war, was liebte ich dann? Zwischen den Runden fühlte ich mich vor allen Dingen lethargisch. Konnten sie nicht wenigstens einmal den 51st State Of America ausrufen? Einmal New Model Army. Ich würde den Laden sogar verlassen. Mein Shirt war im Schrank. Ich rief es der Thekenkraft zu, doch die junge Dame, die hier sonnenbankgebräunt die Mittagsschicht abriss, wollte nicht mit sich reden lassen.

Sie stand am anderen Ende der Bar, redete mit dem einsamen Gast und summte mit. Ich erinnerte mich an ein Wiebusch-Interview neulich. „Ich wehre mich auch dagegen, dass ich Mädchensongs schreibe“, hatte er da ausgerufen und hier war der Beweis, Wiebusch schrieb Musik für weibliche Thekenkräfte; Wiebusch schrieb verfluchte Schlagermusik. Und fühlte sich wohl dabei. Bitte belästigen Sie meine Familie nicht, denn Liebe ist das, was man nicht ausspricht. Geht es noch.

Es war gerade 13 Uhr, der Pegel der Verzweiflung aber bereits auf 20 Uhr. Noch ein Schnaps gegen die geistige Einöde. Noch ein Bier. Auf das Klo. Auf dem Rückweg am Flyerregal vorbei. Ich nahm mir ein paar mit, warf die Wasserjogaeinladungen achtlos auf den Boden. Ein kleines Heftchen aber erregte meine Aufmerksamkeit. Das begann so:

Fehler 1: Der einzige Grund, warum jemand ein Studium aufgibt, verwirrt oder lernunfähig wird, liegt darin, dass er über ein nicht verstandenes Wort hinweggegangen ist.
Unterpunkt A: Wörter haben manchmal mehrere Bedeutungen.
Hinweis!: Kümmern Sie sich um die richtige Definition!

Vielleicht, überlegte ich, habe ich Kettcar nur nicht richtig verstanden. Aber sollte ich jetzt noch einen Umlauf fordern, nachdem ich mich so vehement für New Model Army und den 51st State eingesetzt hatte.

„Husten, wir haben ein Problem!“, hallte es hinter mir und „ist da Platz? Kann ich mich setzen? Ich möchte Ihnen was erzählen. Ich sehe, sie sind sehr interessiert!“ Aus dem Gegenlicht trat ein barfüßiger Priester, oder das was ich für einen barfüßigen Priester hielt, hervor. Sein Gewand flatterte leicht. Sein Stimme war brüchig, vom jahrelangen Zigarettenrauch ausgezerrt, vom Alkohl geölt, wie man so sagt. Mir blieb keine Wahl, der Priestervogel saß schon neben mir.

„Nehmen wir das Wort Vogel. Was bedeutet es? Ist es das Tier? Oder ist es eine nicht einzuordnende Person, die, in Ermangelung anderer Worte, nun als ein flatterhaftes, entfliehendes, exotisches Wesen bezeichnet wird? Haben Sie einmal drüber nachgedacht: Das Wort Vogel als Menschenbeschreibung meint immer den Colibri, nie den Spatz in der Hand. Ist Ihnen weiterhin aufgefallen: Im Park sind keine Hunde mehr. Doch waren es die Hundefänger dieser klammen Stadt? Wohl kaum. Ist Ihnen aufgefallen: Nur noch ein paar müde Jogger kreuzen unseren Weg, wenn wir in Richtung Erlösung schreiten. Die bietet Ihnen dieser Flyer. Ihr Interesse ist uns eine Ehre.“

Mein Kopf sank langsam hinab, die Worte des Priesters ermüdeten mich. Es war 13.30 Uhr. Ich hatte noch über zwei Tage Beobachtungen vor mir und bis auf diesen Priester, dem Trinker am anderen Ende der Bar und der sonnenbankgebräunten Tresenkraft war hier nichts los. „Es ist nicht nur das, was man fühlt!“ Fühle, Fühle, Fühle! Wie sehr ich mir den Stumpfsinn der längsten Single der Welt wünscht.

Über den Worten des Priesters schwebte die ewige Leere der Seele. Er brabbelte weiter, blätterte im Flyer, suchte Augenkontakt, zeigte auf verschiedene Sätze, auf neue Worte, erklärte mir ihre Definition. „Mit dem Verstand löst Du Deine Probleme. Der Verstand, das muss ich Ihnen auf den Weg geben, eines freien Menschen, ist derjenige Verstand, der sich selbst versteht“ Die Geräuschkulisse hatte ihre Vorteile, der Soundteppich der Worte trieb mich durch die Stunden.

Er redete und redete und ich sah nicht, wie sich das Oldie Eck langsam füllte. Bald schon traten die Gäste aus der Dunkelheit in den Laden. Ich hatte in all der Zeit vergessen zu trinken. So sehr mich die Worte auch ermüdeten, ich hakte nach, wenn ich ein Wort nicht verstand und ich nickte mechanisch mit dem Kopf, wenn ein Themenkomplex abgehakt war. Ein barfüßiger Seelenfänger. Ein Gedankenleser. Er hatte mir bislang nicht einmal einen Namen gegeben, ich war zu erschöpft, ihn nach seinem Namen zu fragen.

Noch wusste ich, warum ich ins Oldie Eck gekommen war. Dringend gesucht: Komaroff! Ich musste den Fall lösen. Vielleicht maß ich den Worten des Priesters die falsche Bedeutung bei. Vielleicht hatte ich sie falsch verstanden. Konnte ich noch einmal zum Ausgangspunkt der Unterhaltung zurückkehren? Wollte ich das? Was, wenn ich bei meinen Ermittlungen einen gravierenden Verständnisfehler gemacht hatte?

„Was, wenn ich einen Fehler gemacht habe?“, fragte ich. Doch der Platz neben mir war verwaist. Er erweckte auch keineswegs den Anschein, in den letzten Stunden überhaupt besetzt gewesen zu sein. Um mich herum tobte das Kneipenleben. Doch der Platz neben mir war unberührt, vor mir stand eine Auswahl an Stullen mit Hackepeter und Rehpastete.

„Woher?“ ,stammelte ich. „Süßer, die hast Du vorhin geordert! Noch ein Schnaps?“ 
Ich nickte. Der klebrige süße Saft befreite mich für einen Moment. Drei Plätze neben mir bemerkte ich Komaroff. Der Rothaarige war offensichtlich in ein Gespräch vertieft. Wie lange war er schon hier, hatte er mich bereits bemerkt? „I say we’re growing every day / Getting stronger in every way / I’ll take you to a place where we shall find our / Roots bloody roots“ Komaroff stand auf und bewegte sich seelenruhig auf mich zu. Noch war ein paar Schritte entfernt. Was passiert, wenn Du alles verlierst? Du startest von vorne.
oldie-eck, tag I: der priester