Die Tage hier beginnen anders. Zum Hinterzimmer der Samenhandlung ist es ein gutes Stück. Ich schnapp mir dann am Kiosk an der Osloer eine Zeitung und blätter sie durch. Der Boulevard hier ist auch nicht anders, nur noch ein wenig spießig menschenverachtender. Die Tage hier beginnen anders. Sie beginnen nicht spektakulärer. Es sind die Tage der Ruhe. Im Hinterzimmer der Samenhandlung aber warten die Fälle. Im Hinterzimmer der Samenhandlung, denke ich, kann ich die Fälle lösen. Nicht auf der Straße, nicht mit der Ablenkung der Nordstadt, nicht mit den Einmischungen der Konstrukteure.

„Dembowski! Auftrag: Wieso kann Nuri Sahin kein Deutsch mehr?“ Das Herz des Meisters. Der Junge aus Meinerzhagen. Der Balljunge aus dem Westfalenstadion. Spricht kein Deutsch mehr? „Hier muss ein Irrtum vorliegen!“ „Schau es Dir doch an, Dembowski!“ „Verdammt, das stimmt. Great win Redermann! Elisabeth Wentraud!“ Das ist natürlich ein Fall für mich. Was ist in der Zeit passiert? Hin und wieder habe ich von großartigen Auftritten in Trainingsspielen gelesen und hin und wieder berichtet die Lokalzeitung von den Fortschritten des verletzten Spielmachers, doch seitdem er aus seiner Heimat verschwunden ist, hat er sich rar gemacht. Schlagartig wird mir klar, warum er sich rar gemacht hat, er hat seine Sprache vergessen. Er ist jetzt ein Global Player, ein Galaktischer, einer, dessen Worte in aller Welt gehört werden.

Great win BVB!!! 
Moritz Leitner

Was will Nuri Sahin damit sagen, notiere ich. Ist Moritz Leitner in seinen Augen der echte Nachfolger. Also der, der das Spiel machen wird? Der, der die Pässe schlagen wird? Und wieso schreibt Sahin auf Englisch? So viele Fragen. So viele verflixte Fragen. Erst einmal Pause machen. Durch die Samenhandlung („einmal von den allerbesten Wintersamen, bitte!“) auf die Straße. Ich stelle mich zu den Polen und diskutiere mit ihnen. Ein Lech? Ein Lech!  Sie, erklären sie mir, würden nicht auf ihre Sprache verzichten. Sie, erklären sie mir, finden es jedoch erstaunlicher, dass Sahin sich diesen Spieler rausgegriffen hat. Fußball, die Sprache der kommenden Gemeinschaft. Noch nie hatten die Polen überhaupt mit mir geredet. Und jetzt perlten die Lösungen aus ihren biergeschundenen Mündern. Wieso, fragten sie mich, wird ausgerechnet der Nachfolger des Nachfolgers erwähnt. Wieso wird da, sagen sie, bewußt gegen Ilkay Gündogan Position bezogen? Ist es der Neid auf eine Karriere in der Nationalmannschaft. Ist es der Neid auf die Entscheidung gegen die Ikonenkarriere in der Türkei? 
Ich verabschiede mich. Vielleicht kann ich den Polen zustimmen, denke ich und gehe wieder ins Hinterzimmer. Vielleicht kann ich den Polen auch  nicht zustimmen, denke ich und fahre den Computer wieder hoch. Wahrscheinlich hat Nuri einfach nicht nachgedacht. Vielleicht hat er sich wirklich gefreut. Wahrscheinlich ist das hier keine Meldung wert. Ich sage Redermann ab. „Blöder Auftrag, Ernst. Schau Dir doch mal den Götze an, der redet jetzt auch schon mit Reiser. Du bist doch in der Stadt. Kümmer Dich mal besser um Götze, Ernst!“
nuri sahin verliert die muttersprache