Tja, ich war Dietfried Dembowski. Das hatte ich mir wieder einmal klar gemacht. Aber ich war auch der Ermittler und der Träumer. Und wenn ich eins nicht leiden konnte, dann waren es diese verdammten Menschen, die mich aus meinen Träumen holten. So wie Piotr. Immer war es Piotr. Zumindest an diesem Dienstag. Ich lag gerade auf dem alten Grenzstrand und träumte, da schlug mir dieser Typ auf die Schulter, bewarf mich mit Sand, kippte mir Wasser über den Kopf, you name it! Er schrie: „Wir waren niemals ihr!“ und „Auf geht es, Dembowski! Das Unterwasseraquarium wartet auf Dich! Nicht mehr lange. Beeilung. Manch einer sagt, Du bist ein Träumer. Doch das gilt nicht nur für Dich!“ Ich schaute ihn besorgt an. Lennon hatte er auch schon origineller zitiert. Auch zu gegebeneren Anlässen. Aber hilft nichts. Könnte den ganzen Tag nur noch schreien. Aber nein.

In Gedanken war ich da immer noch im Weserbergland. Ich war ein anderer Mensch, der Mensch, der ich gerne gewesen wäre. Doch ich war bekanntlich Ermittler. Ohne Erfolg, bekanntlich. Auch nicht bei der Suche nach Dörte. Es war zum Verzweifeln. Dieser Traummörder namens Piotr also holte ich mich da raus. Aus dem Weserbergland. Aus einem Garten unweit der Weser. Dort hatten sich rund 2.000 Menschen versammelt. Ein Wochenende lang. Sie standen in der Mittagssonne, und unter dem nächtlichen Sternenhimmel. Sie tranken Bier, unterhielten sich und schwiegen, wenn auf der Holzbühne, die an das Haus gezimmert war, Bands zu ihrer Unterhaltung aufspielten. Der Ort nannte sich Beverungen, der Garten war der Garten der Schallplattenfirma Glitterhouse. In der Nähe des Geländes thronte ein Silo über das Tal und war bereits von den umliegenden Hügeln auszumachen. Daneben zelteten die Zuschauer und idyllisch neben Betonwerk und Fertigbauunternehmen also lag die Villa. Warum ich da war? Ich hatte keinen Plan. Doch es gefiel mir.

Ich bewegte mich zwischen den Menschen und lauschte der Musik. Man hatte mir an diesen Tagen zwar Zugang zum Backstage gewährt, doch mich mit Kartoffelchips abgespeist. Während also die Bands und die unendlich vielen Helfer mit OBS-Crew-Shirt sich am Catering labten, war es an mir, einen Weg zu finden, an das Essen zu kommen. Sogar Komaroff war aufgetaucht und durfte dort essen. Wir saßen beisammen, unterhielten uns über abgeschnittene Finger und deren ehemalige Besitzer und sprangen hin und wieder vor der Bühne zu den Bands rum. Mir gefielen die ruhigen, die friedfertigen Bands. Komaroff stand mehr auf Rock. Kein Problem. Gab es beides. Das war gut so. Aber als Clickclickdecker ihren großen Hit „So viel Frieden“ anstimmten, war es um uns beide geschehen. Wir waren niemals verfeindet. Wir waren zwei Rivalen, klar. Aber niemals verfeindet. Komaroff schritt auf mich zu, nahm mich in den Arm und flüsterte: „Wir sehen uns in einem anderen Leben, Dembowski!“

Bald saß ich mit einer Band zusammen, ich hatte mich zu der Band gesetzt und nun erzählte ich ihnen von meinen Abenteuern nah und fern. Irgendwie würde ich schon an das Essen kommen, dachte ich mir und erklärten ihnen nun, wie sie ihre Karriere erst gegen die Wand gefahren hatten, und nun, beim Neustart, schon wieder mit Vollgas auf eben jene Wand zufuhren. „Da ist zwar ein Loch drin“, erklärte ich ihnen, „aber da ist noch ne Menge Wand hinter dem Loch. Für nen Essen verrate ich Euch den Trick!“ Sie schauten mich voller Verachtung an. Wieder nach vorne. Dort saß Scott Matthew und coverte sich durch das Repertoire von Hitradio 94.2 RS 3. Er trank Rotwein, die Sonne knallte und ich war immer noch ohne Essen. Komaroff stand wieder neben mir und redete und redete ohne Unterlass. Wieder nahm er meinen Arm und flüsterte: „Rotwein ist wie Blut. Lass die Tiere kriechen, Dembowski! Sie brauchen Blut, Scott den Rotwein!“ Von der Bühne schallte es i wanna be anarchy.

Jetzt stand ich neben einem, der mich bei meinem Plausch mit der Band gestört hatte. Die Band spielte und erzählte und erzählte. Von Booten, von Fähren, von Zügen, von Flugzeugen. Trains and Boats and Planes. Aber sie lagen falsch, als sie Boote lobten. Sie verpassten es, über Fähren zu reden. Und gerade zwischen Booten und Pendelfähren bestand ein großer Unterschied. Das erklärte ich jetzt, während die Bühne in Langsamkeit zu versinken drohte. Da kann man dann auch mal reden, dachte ich mir. Ich zählte die Unterschiede zwischen den einzelnen Fortbewegungsmitteln auf. Da kannte ich mich aus. Doch der hagere Typ neben mir hörte mir nicht zu. Ich fragte ganz unverbindlich nach einem Essensbändchen. Irgendwann würden sie schon einknicken, dachte ich mir. Doch wieder nichts. Wieder nur Komaroff mit „ich war in der Klinik! Ich weiß alles!“

Das Weserbergland, das Orange Blossom Special, die Parallelwelt inmitten der Leere der deutschen Mittelgebirge. „Wir waren niemals ihr!“ Piotr stand neben mir, ein Fischbrötchen in der Hand. Ich lag auf dem alten Grenzstrand zwischen Ahlbeck und Swinemünde. Zeit für das Unterwasseraquarium. Dachte ich mir, schnappte mir das Fischbrötchen und sang „Enon Enon Disco Disco!“ Piotr lächelte.

nur geträumt: das orange blossom special in beverungen oder wie ich ohne catering auskommen musste