Ich saß in der Wohnung, blickte wieder auf die Straße. Allein. Wie es immer war. Auf dem Plattenspieler drehten sich Back von den Kinderzimmer Productions. „Alle Leute meinen, wenn sie mich gehen sehen, ich wäre der Doppelgänger von Nirvanas Kurt Cobain.“  Das war mir bisher noch nicht passiert, ansonsten aber hatte ich immer mal wieder ein paar Vergleiche heraufbeschworen, ich sampelte mich durch mein Leben. Mit meinen Worten, mit meinem Aussehen, mit meinen Taten. Ich hatte mir eine Identität aufgebaut, die ich mir längst schon abgenommen hatte.

Dembowski, der trunkenen Ermittler. Ich wußte nicht mehr, wann es gekippt war. Von der Idee, von den interessanten Überlegungen hin dazu, dass ich wirklich der wurde, den ich mir ausgedacht hatte. Der, der so hardboiled sein wollte, und sein hardboiled-Dasein auf ein paar versoffene Nächte in den Kneipen des Soldiner Kiezes bezog. Anspruch und Wirklichkeit waren längst eins geworden. Ob das so richtig war, konnte ich mir nicht erklären. „Für dieses Loop hier, reißen uns die Stranglers noch die Eier ab“, hatten Kinderzimmer Productions in weiser Voraussicht erklärt und so war es dann auch gekommen. Mir würde niemand die Eier abreißen, ich orientiere mich an fiktiven Figuren, denen ich es im wahren Leben gleich tun wollte.

Worüber man so nachdachte. Nach Dortmund hatte ich die Brücken abgerissen. Redermann verlangte zwar noch einmal letzte Aufklärung. „Das kannst Du so nicht sagen, Du bist zu weit weg“, hatte er mir erklärt und wollte mich ein letztes Mal nach Dortmund einladen. „Lass es drauf ankommen“, hatte er mir am Telefon gesagt. „Ein letzter Versuch. Mach et, Dembo!“ Aber ich hatte abgeschlossen, gab weiter den Boa. „Dortmund hat mich verraten!“, hatte ich Redermann erklärt und  so häufiger ich die Worte in Gedanken wiederholte, umso schlüssiger wurde die Überlegung.

„There is no easy way out“ Und kein einfacher Weg zurück. Irgendwann würde ich rausfinden, in welcher Sackgasse ich nun angekommen war. Doch wenn ich jetzt zurückblickte, waren die letzten Monate nicht annähernd eine Sackgasse gewesen. Die Kopfwunde war ein Rückschlag stand auf den Will Johnson-Platten, die ich währenddessen durchging. Will Johnson, auch so ein Typ, dem ich in meiner Vorstellung schon einhundert Mal begegnet war.

Wir standen am Red River in Austin und er erzählte mir von seinen Plänen, von den langwierigen Aufnahmeprozessen der Baptist Generals und von Pick-Up-Truck-Reisen kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Will Johnson also, dachte ich. Will Johnson. Die Musikindustrie. Glamour. Fahrten durch das Dustland. In einer Sportsbar in Snyder, Texas würde ich das Champions League Finale verfolgen und nebenbei große Deals mit noch größeren Künstlern abschließen. Vielleicht endlich hard-boiled?

Darauf noch einen Whisky. Natürlich den Jack Daniel’s. Wenn schon in Träumen, dann musste ich den, wie man sagte, Duft der weiten Welt auf meinen Geschmacksnerven ausbreiten. Die Realität war ungleich trister. Natürlich, Montag würde ich den Job antreten. Aber davor stand erst einmal das Spiel gegen Fürth. Wieder in der Kneipe. Und diesmal ohne Verlängerung. Asamoah war die Woche über erstaunlich ruhig geblieben, Büskens hatte auch nichts gesagt. Nur Reiser übertrieb mal wieder maßlos. Schrieb, Perisic solle die Fresse halten, habe Klopp gesagt. Hatte er nicht. Aber es las sich einfach verdammt gut. Und das hatte Reiser raus. Mehr als wir es bei DerSamstag! jemals rausgehabt hatten.

Ich fühlte mich matt. DerSamstag!, das musste ich mir eingestehen, war schon wieder kurz vorm Scheitern. Die Löw/Schmelzer-Geschichte war mit den Absagen der andere Spieler für den Arsch gewesen. Ich hatte meinen Drive verloren und das lag, leider!, an Redermann und Amok oder besser daran, dass sie einfach nicht mehr Teil meiner Welt waren. Ich fuhr meinen eigenen Film, der aus Suff, Ermittlungen und meiner eigenen Version der Gerechtigkeit bestand.

Damit, dachte ich, die Kinderzimmer Productions-Platte jetzt gegen meine Will Johnson-Bootlegs tauschend, würde ich noch auf die Schnauze fallen. Just to know what you’ve been dreaming. Dafür würde ich einen weiten Weg gehen. Zu wissen, was sein wird. Zu wissen, was gewesen sein wird. Und zu wissen, wie Menschen auf die Idee kamen, wirklich alles für bare Münze zu nehmen. Was war. Was sein wird. Was ist. Ich trank noch einen Jack. Und noch einen. Und blickte in den grauen Novembernebel. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich rot verfärben würde.

novembernebel