„Deutschland! Deutschland! Und jetzt alle! Deutschland! Deutschland!“ Mitte der ersten Halbzeit im Spiel gegen die USA stand es zwar noch 0-0, doch die Einheimischen störte all das nicht. Sie saßen vor einem Fernseher, den jemand auf die Sandstraßen rund um das Campo Dembowski geschleppt hatte.
Ich saß ganz hinten. Antoine hatte das Kabel meines Fernsehers durchgebissen, mich dabei stolz angeblickt und war danach triumphierend abgezogen. Das war um 17.45 Uhr. Jetzt also die Sandstraßen rund um das Campo Dembowski. Jetzt also die Einheimischen, die mir so feindlich gesinnt waren. Sie schrien, und sie diskutierten, sie verzweifelten an Mesut Özil, dem Türken, der nie etwas reißt, und schimpften über Höwedes. Immerhin da konnte ich mit einstimmen, doch ich ging unter.
So saß ich da, und hörte sie, und im Grunde war mir mittlerweile alles egal. Die letzten Vorrundenspiele, die Pause, Campo Dembowski lief auf Grund. Ich hatte zu viel getrunken, ich hatte zu viele Zeitungen gekauft, nur um sie dann doch nicht zu lesen, ich hatte zu viel gegessen, und überhaupt zu viel ausgegeben. Kurzum: Ich war pleite. Heute kann ich mir noch mein Bier leisten, aber morgen bereits ist es vorbei, dachte ich und sah betrübt auf den Bildschirm.
Deutschland kontrollierte das Spiel, und Klinsmann, der „Verräter“, wie er hier unisono genannt wurde, stand dort und blickte melancholisch auf seine Vergangenheit. „Der ist einfach abgehauen!“ „Heute sieht er Sterne!“ „Der ist doch nen Scientologe!“ „Wäre er nur Bäcker geblieben“
Über uns kreisten ein paar Schwalben.
Es regnete.
Wir wurden nass und ich stand auf noch bevor die zweite Halbzeit beginnen konnte. Ich hielt es nicht mehr aus. Und versuchte Dörte zu erreichen. Irgendwann gelang es mir, und ich ärgerte mich lauthals. „Rabea hat immer noch nichts bezahlt. Die Sender lassen mich im Stich. Ich hatte mir das wirklich anders vorgestellt. Es ist einfach scheiße. Die Eingeborenen saufen, und grölen. Ich saufe und leide. Jeden verdammten Tag rufe ich da an, und irgendwer vom Sender meint, dass ich mir endlich mal was einfallen lassen muss. Sie sagen mir: Dembowski, Dein Campo ist wirklich nichts Besonderes mehr. Niemand will einen versoffenen, gefallenen Ex-Ermittler sehen, dessen Zeitung vor mittelmäßig nur so strotzt, und der vor der Kamera unentwegt Verschwörungstheorien von sich gibt, auf die Konstrukteure hinweist, und dessen Lebensweisheiten aus Steinwerdungen bestehen.“
„Dietfried“, sagte Dörte, die mich eigentlich nie Dietfried, sondern immer nur Dembo nannte „nicht sauer sein jetzt: Sie haben Recht! Du nervst. Sogar mich. Woher hast Du nur all Deinen Hass! Lad doch mal ein paar Freunde ein“
„Freunde?“ schnaubte ich. „Mein bester Freund ist ein Karpfen und mein letzter Freund war ein Eichhörnchen namens Antoine, aber der ist auch weg. Kabel durchgebissen, Antoine weg! Ich habe keine Freunde.“
„Thomas Müller, Fußballgott!“
Er hatte wieder getroffen, so viel war klar. „Dem dummen Ami die Fresse poliert!“ Ich konnte sie hören, ohne sie zu hören. Sie waren alle gleich. Vielleicht hatte der Prince mit seinem „Fuck You“ doch Recht gehabt. „All!“ schrie ich zurück, da hatte Dörte längst aufgelegt.
Ich schrie „all“ und hatte niemanden. Dörte sagte „Freunde“, und um mich herum sah ich nur Feinde.
Es regnete.
Die Schwalben hatten sich verzogen.
Deutschland gewann 1-0.
Draußen torkelten die Eingeborenen in ihre Löcher zurück.
Ich war pleite, und ohne Ideen.
Ich fand die alte Alpo Myller 7“ und war wieder im Unterwasseraquarium. Sah denen Fisch durch die Panzerglasscheibe zu. Sie zogen wie die verschenkten Jahre meines Lebens an mir vorbei. Ich konnte sie sehen, aber nicht berühren. Enon Disko! Die Orgel. Die Vergangenheit. Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte hoch. Über mir die Wolken. Der Regen. Langsam glitt ich nach hinten. Ein Graureiher stieg auf während ich fiel.
Als ich wieder zu mir kam, hatte Algerien den russischen Bären bereits enthauptet, wie ich am Folgetag erst der Lokalzeitung entnehmen konnte. Es war Fußball, es war Krieg, es blieb nationalistische Scheiße!
Aus der Hütte drang die Moldau zu mir hinab. Das hatte ich nicht aufgelegt. Ich rannte. Die Wunde unter meinem Fuß schmerzte. Ich war kein Stein mehr. Ich war nicht mehr die Eiche, an der ich lehnte.
Antoine drehte sich auf der alten Karajan-Einspielung.  Schaute mich mit fröhliche Augen an, und sprang mit einer dramatischen Pirouette vom Plattenspieler. In der Ecke lagen ein paar Nüsse, er hatte Fahnen zurecht gelegt. Mit einmal war alles klar. Antoine würde mich retten.
Am nächsten Tag trommelte ich die Eingeborenen zusammen. Sie hingen lethargisch in ihren Klappstühlen, und zappten hilflos durch die Kanäle. „Kein Fußball!“ „Den Faschisten!“, schrie ich. „Du schon wieder. Hau ab, Gammler!“ Ich ließ mich nicht beirren.  Und erzählte ihnen von Antoine, aus der Stadt rollten derweilen die Trucks der Sendeanstalten vorbei.
Der Publikumstag im Campo Dembowski wurde ein voller Erfolg. Ich führte sie über das Gelände, erklärte Ulli Zelle die Besonderheiten des Erdkrötenschutzgebietes, welches ich nach den wiederholten Attacken der Ringelnattern eingerichtet hatte. „Eine Ringelnatter“, dozierte ich „ist für eine Erdkröte ähnlich gefährlich wie eine Klapperschlange für den Menschen.“ Zelle nickte. „Eine Ringelnatter hat der Rote Milan geholt.“ Zelle nickte.
Später spielte er groß auf. Und die Eingeborenen wippten im Takt der Musik. Dörte, die mit „Du hast doch Freunde!“-Schreien herbeigeilt war, servierte frische Erdbeeren und zapfte so viele Biere, das ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte  als Antoine zu den Klängen des slowakischen Staatsorchesters Brasilien wählte. Die Menge jubelte.
Später sah ich mich auf RTL Explosiv und bei Leute Heute. „Das Campo Dembowski ist der letzte Schrei. Ein Must-Be-Go, während der WM. Wir stellen den freundlichen Betreiber Dietfried Dembowski vor. Er ist der Gewinner des Tages.“ Ich hatte einen Strohhut auf, und sah glücklich aus.
neues aus campo dembowski: publikumstag im campo