Als ich vor der WM mal wieder mit dem Prince zusammensaß, war er voller Sorge. Deutschland, erzählte er mir und tags drauf vollmundig in jede Kamera, hat kein Leader, hat niemanden, der das Ruder rumreißt, der in den wirklich wichtige Momenten da ist.

„Prince, bist Du ein Leader? Wärst Du so ein Leader für die Nationalmannschaft?“

Er schaute mich an, so wie er mich immer anschaute. Und lächelte.

„Dembo, ich habe wirklich keine Zeit darüber nachzudenken.“

Doch natürlich. Die Frage schmeichelte ihm. Er sah sich als Leader, und so würde er jetzt eben Ghana anführen. Sie hatten ihn nicht gewollt, und er hatte seine Entscheidung getroffen. Er war ein Sturkopf,  und viel zu oft hatten sie ihn gegen die Wand laufen lassen.

Klar, in Ghana wollten sie auch den Titel, und sie würden ihn nicht holen. Aber das konnte er weglächeln. Ein paar gute Leistungen, ein Weiterkommen in der Gruppe, es hätte der Sehnsucht genügt.

Diesen Tag im Mai saßen wir noch ein wenig zusammen. Und irgendwann trennten sich unsere Wege. Er fuhr bald zu seiner Nationalmannschaft, die sich in den Niederlanden auf die WM vorbereitete. Ich fuhr zurück in den Soldiner Kiez, Rabea übernahm die Lamafarm, ich ging ins Campo Dembowski.

Dann begann die WM, der Prince spielte erst nicht, flog dann raus, und alles war chaotisch und schwer zu ertragen. Mir gegenüber erwähnte er es nur am Rande, aber ich war ohnehin mit tausend anderen Dingen beschäftigt.

Doch brach ich die tausend Dinge runter auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, kam ich auf „Meckern“. Mir passte dies nicht, und mir passte das nicht. Ich klagte über den durchinszenierten Mario Götze, fragte mich, was zum Teufel Johann Ramoser damals wirklich ermittelt hatte (und ob das nicht genau mein Job gewesen wäre), und kritisierte Löw für seinen Plan (und entwarf einen Fragenkatalog mit „20 Fragen, die man sich im Campo Bahia nicht zu fragen traut“, unter Punkt 1 notierte ich: „Wieso ist Kevin Großkreutz keine Option als Einwechselspieler oder für die Startelf?“ Löws nebulöse Antwort notierte ich gleich mit: „Weil er einen Fehler gemacht hat“).

Das war noch nicht alles, und klar, ich hatte den Aufstand der Eingeborenen rund ums Campo Dembowski niedergeschlagen, und Antoine sogar den Ausgang der Partie Brasilien gegen Chile vorhergesagt. Dafür gab es Applaus, hätte es Applaus gegeben. Antoine, wahrscheinlich von den Eingeborenen verschreckt, verschwand. Kam nicht zurück. Ich war wieder allein.

Und zwar setzte ich mich manchmal noch früh morgens unter die Eiche, hörte den Kraninchen zu und entspannte, aber ich kam nicht mehr runter. Ich war der Zorn, und dadurch unbeholfen. Angreifbar. Einmal, am Sonntag, zündete ich das Campo an. Die Einheimischen löschten es. Ich trank. Und starrte auf rußverschmierte Wände. Am Sonntag gab es keine WM für mich.

Tags drauf saß ich bereits gegen 10 Uhr auf der Veranda, Stift und Zettel in der Hand. Überschrift:

„Komm mir nicht mit Deinen Verschwörungstheorien – alles was sie wirklich interessiert sind Titel und ihre Frisuren!“
  1. Joachim Löw ignoriert alle Dortmunder. Er sieht in Jürgen Klopp seinen Gegenspieler. Nur bei Hummels geht das nicht, weil Cathy Fischer für die Bild schreibt.
  2. Er argumentiert mit dem Leistungsprinzip, und schafft es de facto ab.
  3. Löw mag den FC Bayern nicht. und lässt deren Spieler übermüdet in die neue Saison gehen.
  4. Löw ignoriert auch alle St.Paulianer. Und er kommt damit SEIT JAHREN durch.
  5. Sind Löw, Flick und Bierhoff Reptiloiden.
  6. Mario Götze ist zu dick!
  7. Löw bevorzugt Spieler aus dem Südwesten Deutschlands.
  8. Der Autounfall in Südtirol war geplant. Ein unliebsamer Zeuge wurde aus dem Weg geräumt. 

Diese Dinge eben. Die Liste wurde länger und länger. Es war ein guter Zeitvertreib. Am Ende jeder Seite fügte ich ein „wer högschde Konzentration schreibt oder sagt und nicht Löw heißt, ist nicht einmal mehr Verschwörungstheoretiker, sondern ist fortan zu ignorieren“ hinzu.

Dann erkrankte Hummels und Mustafi spielte. Genau das hatte ich vorher unter Punkt 2 meines Fragenkatalogs formuliert. „Warum wird Mustafi vor Kevin Großkreutz aufs Spielfeld geschickt. Was hat Kevin getan?“ Dahinter hatte ich „den zweiten Satz laut schreien!!!!!1111“ notiert.

Diese WM machte mich noch verrückt, ich legte Zettel und Stift beiseite. Schaute mir erst Frankreich gegen Nigeria, dann noch einmal Kolumbien gegen Uruguay an. Eigentlich nur das James Rodriguez-Tor. Er war 22. So wie Götze. Aber er war jetzt ein Weltstar, und Götze bemitleidete oder verspottete man, je nachdem wie es gerade beliebte.  

Ich dachte wieder an den Prince, den Ghana-Leader, mit seiner recht eigenwilligen Interpretation. Die Leader-Debatte wurde in Deutschland längst nicht mehr geführt. Die WM hatte alles und jeden eingesogen, was im Mai war, konnte man jetzt im späten Juni, im frühen Juli nicht mehr wissen. Warum war Johann Ramoser eigentlich noch einmal auf der Pressekonferenz (und wo war MH370)? War Suarez noch Fußballer oder schon Comicfigur oder bereits bei Liverpool? Hat das Spiel Elfenbeinküste gegen Japan überhaupt stattgefunden. War Beckenbauer noch suspendiert, oder bereits FIFA-Präsident? Was hatte Theo Zwanziger noch einmal gesagt und wo waren die Proteste?

Und ich dachte da noch nicht an Syrien, die Ukraine, Edathy, die NSA, die NSU, Snowden, Ägypten, den Sudan, die Montagsdemos, Markus Lanz, die Krautreporter, das Transatlantische Freihandelsabkommen, Mali, Burger King und all die andere Themen, die irgendwann mal jemanden zu einer Online-Petition getrieben hatten. „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein“, hatte Julia Engelmann geslamt und irgendwer hatte gejubelt, doch er konnte sich nicht mehr erinnern. Denn er lebte ja und tat all diese verrückten Dinge. 

Ich meckerte.

Aber ich dachte auch wieder an den Prince. Den Ghana-Leader, der jetzt im Holiday Mode war, wie er nicht nur mir, sondern gleich der ganzen Welt schrieb. Langsam ging die Sonne hinter dem Campo Dembowski unter. Deutschland gegen Algerien begann.

Das Spiel endete 2:1 nach Verlängerung. Es war ein harter Kampf. Und Skohdran Mustafi hatte seine Sache wahlweise gut oder schlecht gemacht, sich aber in jedem Fall verletzt. Er war nicht mehr dabei, und Lahm, der bei dieser WM zutiefst enttäuschte, weil er auf einmal so gewöhnlich wirkte, riss irgendwann, da spielte er bereits auf der Rechtsverteidigerposition, einen Algerier zu Boden, er zog ihm dabei fast die Hose aus. Ein so gewöhnliches Foul. Es war eines Lahms nicht würdig, auch wenn es in dieser Situation eventuell sogar angemessen war.

Deutschland gewann also, auch weil Manuel Neuer einen dieser Tage erwischte. Nicht einen dieser Tage erwischt hatte fast der gesamte Rest der Mannschaft. Götze wurde ausgewechselt, und schon bald darauf für seine Arroganz angeklagt, Löw redete sich um Kopf und Kragen.

Per Mertesacker aber stellte sich vor die Mannschaft, schützte sie vor der nun vollkommen zurecht auf die Nationalmannschaft einprasselnde Kritik. Was das überhaupt für eine Frage sei, und so weiter und so fort. Mertesacker ärgerte sich. Mertesacker ließ nichts auf die Mannschaft kommen. Dabei zog er die Diskussion auf sich. In seinen Arsenal-Jahren war er gereift. Die Kritik würde an ihm abperlen. Und den Weg frei machen für eine neue Diskussion.

Welchen Fußball wollen wir eigentlich?

Das war jetzt die Frage. Und darüber ließ es sich in der Tat diskutieren. Das Campo Dembowski wollte sicher einen anderen Fußball als die Nerds von Spielverlagerung, und die Einheimischen rund ums Campo Dembowski wollten einen anderen Fußball als die Leute von der Südtribüne. 

Mit seinem Zorn, mit seinem Ärger, dadurch, dass er sich vor die Mannschaft gestellt hatte, löst er etwas aus. Philipp Lahm, in Positionsdiskussionen verstrickt, hatte dies schon länger nicht mehr getan.


Ich nahm einen neuen Zettel und schrieb in großen Lettern.

Per Mertesacker ist ein Leader! 


(damit ich mich erinnerte)
neues aus campo dembowski: per mertesacker ist ein leader