„Du musst mir helfen“, bellte er durchs Telefon. Ich hatte ihn nach seinem Wechsel beinahe vergessen und wenn wir uns auch hin- und wieder noch begegneten, jetzt war WM, jetzt war Campo Dembowski. Der Ghana-Kick war gelaufen. Auch da hatte er enttäuscht.
Die letzten Tage waren ruhig verlaufen. Ein wenig Fußball, weil Fußball lief. Die großen Sensationen blieben aus. Griechenland spielte wie immer, die Elfenbeinküste spielte wie immer. Eine Mannschaft kam weiter, die andere schied aus.  Pirlo ging (und kam später zurück), eine ganze Generation großartiger Fußballer ging (und kam nicht mehr zurück, denn die Zeit wartet auf niemand), Suarez biss zu (und eine ganze Welt übte sich in kollektiven Scherzen), Ottmar blieb (und würde bald gehen), Messi traf und Frankreich schlug. Die WM-Sendungen im Fernsehen waren weiterhin schwer zu ertragen.
Im Regen saß ich unter dem Baum, auf dem weiten Feld, unweit des Campo Dembowskis. Ich trug meine Tennisschuhe, die Dörte mir dereinst geschenkt hatte. Mein Strohhut hing tief in meinem Gesicht. Ich vernahm das Prasseln des Regens, sah die dunklen Wolken und unter ihnen Antoine von Ast zu Ast springen.
Ich war bereit wie nie.
Ich saß unter dem Baum und beobachte die Stille. Langsam breitete sie sich in meinem Kopf aus. Ich war die Eiche, an der ich lehnte und ich war die Wolke, die sich mit einem gewaltigen Donnerschlag entlud. Es war egal, ob ich in einer Kneipe saß, oder ob ich unter der Eiche saß. Es war beschissen, es war gut, es war egal. Es war überall gleich. Es war überall die große Leere. Immerhin, dachte ich, während sich die Stille ausweitete, ist Antoine bei mir.
Danach war ich ruhig, danach passierte nichts mehr.  Bis die Sonne kam, Antoine nervös wurde. Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht, stand auf und lief zurück in Richtung Campo Dembowski. Einmal trat ich auf einen spitzen Ast, der sich durch meine Tennisschuhe bohrte, doch ich spürte keinen Schmerz mehr und bemerkte das Blut nicht, das durch meine Schuhe sickerte.
Mit gut 100 Metern Abstand sprang Antoine hinter mir in Richtung der Sandstraßen. Er war mir ein guter Begleiter geworden, und ich gab wenig auf die schimpfenden Eingeborenen. „Jetzt hat der Gammler noch ein Eichhörnchen“, flüsterten sie laut, und hofften auf eine Reaktion. Doch ich war ruhig, ich spürte nichts mehr, ich war die Eiche, an der ich gelehnt hatte, und ich war die Wolke, die sich über mir entladen hatte.
Sie eilten an ihre Zäune, ein Putztuch, mit dem sie ihrem Deutschland-Gartenzwerg den letzten Schliff verliehen hatte, um mich zu beschimpfen, doch ich ging weiter, öffnete das Tor zum Campo und war wieder allein als das Telefon klingelte.
„Du musst mir helfen!“ bellte Kevin durchs Telefon. Es musste bei ihm noch in der Nacht sein. Er erzählte mir die ganze Geschichte des großen Missverständnisses. „Ich weiß, ich habe Dich enttäuscht, aber ich habe Dich bezahlt. Ganz ehrlich. Ich halte es hier nicht mehr aus.“
Er war nervös. Erst hatte er nicht spielen dürfen, dann war er in ein taktisches Korsett gepresst worden. Es hatte ihm nicht behagt. Er war ein reiner 8er, doch diese Position gab es nicht. Dann die Sache mit der Kohle,  und all der Hass, der ihm als Deutschen entgegenschlug.
„Dembowski, ich habe keine Heimat mehr“, erzählte er mir und aus seiner Stimme klangt die Wut, die Trauer und der Schmerz. „Komm nach Hause, Junge“, sagte ich ihm. Wir unterhielten uns noch eine Weile, ich erzählte ihm von der Kolo und der Gleichgültigkeit, er erzählte mir von seinen neuesten Tattoos und ich von Antoine, und ich sah ihn lachend unter an der Ecke Panskstraße stehen. Diese Welt war nicht für uns gemacht. Aber immerhin hatte ich eine Heimat.
Er schrie „Fuck Off, Dembowski!“ Dann wurde es wieder still. Ich legte eine alte Timesbold-Single auf.
Let me ask you one question / is your money that good / will it buy you forgiveness / do you think that it could /I think you will find / when your death takes its toll / all the money you made / will never buy back your soul.
Antoine sprang über den Boden. Seine Füße waren nass.
Muntari und Boateng verließen die WM.
In Recife regnete es.

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